Mein Leben und ich: Szenen einer Ehe, Folge 7: ICH hab das da nicht hingetan….

Suchen ist lästig. Wobei. Wenn die Suche nach relativ kurzer Zeit mit dem Fund der gesuchten Sache endet, hat sie vielleicht sogar befriedigende Züge.
Um lästige lange Suchen zu vermeiden, habe ich einen außerordentlich ordentlichen Mann geheiratet. Als ich eingezogen bin, war ich sprachlos als ich seiner Ordnersammlung angesichtig wurde. Sein komplettes Leben ist zwischen Klemmbügeln gebündelt und für die Nachwelt sortiert. Wer jetzt ein Regalbrett voller bunter Ordner vor dem inneren Auge hat, dem sei gesagt – bunt ist nicht! Die Ordner (von denen es mindestens 25 gibt) sind alle weiß, haben ein computerbeschriftetes Etikett und stehen in Reih‘ und Glied, griffbereit über seinem Schreibtisch. Ein bisschen sieht unser Arbeitszimmer aus wie die Buchhaltung einer Zahnarztpraxis. Wäre da nicht meine Ecke. Weil ich weder einen besonderen Hang zu buchhalterischen noch zu dentalen Themen hege, sind meine Ordner rot. Ich besitze etwa 5 Stück und das auch nur, weil meinem Mann bei meinem Einzug fast die Augen aus dem Kopf gefallen wären, als ich meinen einzigen Ordner auf das übppige Regal gewuchtet habe. „Wo ist der Rest?“ „Welcher Rest?“ „Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass dieser EINE mickrige bunte Ordner alles ist, was du hast?“ „Ähm… da ist mein ganzes Leben drin. Ehrlich.“
Er war noch mehrere Tage fassungslos und bewegte mich dann dazu, den Inhalt meiner Dokumentensammlung thematisch aufzudröseln und in verschiedene Ordner zu packen. Seither suche ich mehr als früher. Jetzt reicht es nämlich nicht mehr, DEN Ordner in die Hand zu nehmen, nein, ich muss mir jetzt überlegen, in WELCHEM Ordner ich finden könnte, wonach ich suche.

Ein Schicksal, von dem er natürlich ein viel längeres Lied singen kann. Das wurde ihm neulich zum Verhängnis. Er suchte ein wichtiges Dokument. Griff an den angestammten Platz – und ins Leere. Er teilte mir mit, dass er auf der Suche nach ebene jener Karte sei. Wo die wohl sein könnte…? Ich schmunzelte und zeigte mit einer weit ausholenden Bewegung auf die Ordner-Armada. „DA drin vermutlich!“ Der Gatte seufzte und kratzte sich am Kopf.

Zwei Tage später. Die Karte war nicht aufgefunden worden bisher. Tatsächlich wurde ich nun um Mithilfe gebeten. Ich stellte also ein zweites Augenpaar zur Verfügung und kruschtelte mich durch Tankbelege, Ansichtskarten und anderes Kleinzeug. Von der Karte keine Spur.

Weitere zwei Tage später war der Gatte sichtlich nervös. Die Karte sei wichtig und müsse aufgefunden werden. Wo er sie denn gehabt haben könnte? Wir schauten also in Jackentaschen und Koffer. Unter Tastaturen und Schreibtischmatten. In Handschuhfächer und Ablagen im Auto.

Weitere zwei Tage später war der Gatte panisch. Die Karte müsse doch VERDAMMT NOCHMAL irgendwo sein. Jeder, der schon mal etwas gesucht hat, weiß, dass man, je länger man sucht, immer irrationaler wird. Wir schauten also in Schubladen im Esszimmerschrank und im Badezimmer. Unter Schals und Mützen und IN Bücher. Unter Schränke. Hinter Werkbänke. Von der Karte keine Spur.

Bis Montagabend. Ich kam gerade von der Arbeit nach Hause, als mein Mann mich bei meinem ganzen Vornamen rief. Ich kenne ihn seit 12 Jahren und weiß, dass dieser Tonfall ein ernstes Gespräch einläutet. Er stürmte mir aus dem Arbeitszimmer entgegen und wedelte mir mit der Karte vor der Nase herum. „OH, du hast sie gefunden?! Wo war sie denn?“ fragte ich, erleichtert, dass das Gewühle endlich ein Ende hat.
„IN DEINER LAPTOP-TASCHE“ erklärte er mir erbost.
Ich SCHWÖRE! Ich habe KEINE AHNUNG, wie sie DA hingekommen ist…

Immerhin ist sie wieder da. Und einen Vorteil hatte die Aktion auch für mich – ich habe Dinge wiedergefunden, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie besitze.

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