Einmal Luft fürn Kopf, bitte – Frei-Zeit im Wortsinn

„Da geht’s lang“. Eine kleine Kinderhand zeigt nach rechts. „Woher weißt Du das?“ frage ich. „Das sagt mein Navi“, sagt das Kind. Das „Navi“ ist eine Art Taschenlampe in quietschrosa, mit der man Pferdebilder an die Wand projizieren kann. Sie war die Dreingabe irgendeines kitschrosa Pferdemädchenmagazins, das eine argumentationsmüde Mutter eines Tages wohl mal gekauft hat. Heute aber ist sie das Navi und musste unbedingt mit zum Waldspaziergang an diesem unfassbar sonnigen und warmen Oktobersonntag. Freizeit im Wortsinn.

Wir folgen also Hand in Hand schweigend unserem vorausstapfenden und stetig plappernden Navi und schlagen den Weg ein, den uns die Taschenlampe weißt. So ungefähr haben wir im Kopf, wo das Auto steht. Wir werden uns schon nicht komplett verirren. Im grünen Froschrucksack, der auf dem Rücken meiner Tochter umherhüpft, weil sie kaum ein paar Meter normal gehen kann, sondern ständig springt und rennt, befinden sich fürs Überleben bei einer Wanderung noch weitere nützliche Dinge. Ein in pinkes Glitzertuch eingebundenes Tagebuch mit leeren Seiten beispielsweise. „Hast Du überhaupt einen Stift dabei?“ fragte ich mein Kind auf der Herfahrt. „Ne, wozu? In meinem Tagebuch stehen unsichtbare Zaubersprüche. Wenn wir einen Pilz nicht kennen, dann fragen wir einfach das Tagebuch!“, erklärt sie. Uns kann also gar nichts mehr passieren heute.

Es passiert aber doch was. Mit jedem Schritt, den ich über den knirschenden Schotter in den Wald hineingehe, lasse ich ein Stück Staub hinter mir. Alltagsstaub, der auch auf mir manchmal liegt. Gestern zum Beispiel habe ich einen ganzen Tag mit Kollegen verbracht. Ohne zu arbeiten aber doch in Arbeit vertieft. Wir haben uns hinter dicken Klostermauern zusammen gesetzt und haben unsere Arbeit reflektiert. Haben zugehört, geredet, gelernt, eine Richtung entwickelt. Der Tag war produktiv, er hat aber auch Kraft gekostet. Trotz allem hat er gut getan. Ich habe meinen Fokus noch besser justiert und sehe einiges noch ein bisschen klarer als bisher. (Wer sich für Medien und Lokaljournalismus interessiert, dem sei der Artikel der Zeit ans Herz gelegt. )

Und während ich mit meiner Familie aus dem Wald heraus wieder in die Sonne wandere, fühlt es sich an, als würden auch meine Gedanken zur Ruhe kommen. Die Woche ist von mir abgefallen. Weil auch der leidenschaftlichste Arbeiter mal Ressourcen auftanken muss. Wir haben uns dafür diesen Sonntag reserviert. Ein reiner Familientag. Vater, Mutter, Kind. Die Abmachung war: Nur tun, wozu wir drei Lust haben. Kein Besuch, keine Verabredungen, keine Hektik, keine Termine, kein Telefon. Wir sind dann mal weg. Und die Auszeit war herrlich: Ich habe den kompletten Vormittag im Schlafanzug verbracht. Ich habe in Ruhe gekocht, wir haben Eis gegessen und Eiskaffee getrunken und waren in eben jenem Wald, der mich so wunderbar heruntergeholt hat.

Ich hatte und habe noch immer das Gefühl, wir haben unseren Waggon ausgekoppelt und ganz langsam auf einem stillen Gleis ausrollen lassen.

Morgen geht’s wieder mit Volldampf weiter. Aber bis dahin bleiben wir noch ein bisschen in unserer äußerst komfortablen stillen Blase.

Genießt Euren restlichen Sonntag!

(PS: Die Tatsache, dass ich diese Zeilen schreibe, ist der beste Beweis, dass das Navi funktioniert!)

Kind, Karriere und die Kunst des Glücklichseins

Manchmal gibt es lustige Zufälle. Ich wollte über meine Woche schreiben und darüber, dass ich die drei Tage in der Redaktion echt völlig in der Arbeit versunken war. Da ruft die liebe Sabrina von Mamihelden  zur Blogparade zum Thema Kind und Karriere auf.

Karriere? Ich stolpere über das Wort ein bisschen. Karriere hat für mich immer mit Aufstieg zu tun. Sich alle zwei Jahre zu verbessern und die berühmte Leiter hinauf zu klettern. Es mag unambitioniert klingen – aber ich will nirgends hin steigen. Ich will genau das tun, was ich seit Mai (wieder) tue: Schreiben.

Was zunächst mit zwei ganzen und einem halben Tag begonnen hat, habe ich jetzt auf drei ganze Tage ausgeweitet und noch keinen Tag bereut. Wir haben das Glück, zwei mal zwei Großeltern zu haben, die in der Nähe sind und die Kleine gerne vom Kindergarten holen, bekochen und bespaßen.

Das ermöglicht es mir, am Dienstagmorgen in den Workflow einzutauchen und mich am Donnerstagabend wieder ausspucken zu lassen. Meine Arbeitszeiten sind dabei schlecht kalkulierbar. Ist wenig los und werden wir zügig fertig, ist Feierabend um halb sieben durchaus machbar. Stehen Abendtermine an oder ist sonst eben viel zu tun, dauert es. Wenn Gemeinderatssitzungen sind, über die wir abends noch für die folgende Printausgabe schreiben, wird es hingegen auch mal elf und somit fast halb zwölf bis ich nach Hause komme. In der Regel hat mein Mann dann die Kinderbetreuung längst übernommen und die Kleine ins Bett gebracht. Dafür fange ich dann am anderen Morgen nicht vor halb zehn an und habe so morgens locker Zeit, mit meiner Tochter entspannt zu frühstücken und sie in den Kindergarten oder zu Oma zu bringen. Dazu kommt, dass ich einen Chef habe, der selbst Kinder hat und schon in Teilzeit gearbeitet hat. Er sagte neulich, wenn es mal schwierig würde, könne ich die Kleine auch mal mitbringen. Eine Option, von der ich noch nie Gebrauch machen musste. Aber gut zu wissen, dass es ginge.

Das schlechte Gewissen melde  t sich bei mir so gut wie gar nie. Ich weiß mein Kind gut betreut und bin mir durchaus bewusst, dass ich nicht die einzige Bezugsperson bin, die meinem Kind gut tut. Die Omas und Opas haben großen Teil daran, dass die Kleine vielseitigen Input hat. Die eine Oma tobt gerne im Garten herum, die andere gehört mehr zur Fraktion Bastelfee. Auch im Kindergarten gab es noch nie Probleme. Sie geht vom ersten Tag an gerne und auch der Abschied war noch nie ein Drama.

Schwierig ist es nur, wenn ich zwar spät nach Hause komme, aber die Kleine noch auf ist. Dann will sie bei mir sein und nicht ins Bett. Wenn sie dann bockig ist und mir an den Kopf wirft, ich hätte NIE Zeit für sie, dann ist das schon hart. Andererseits haben wir durch meine drei vollen Arbeitstage ein Ritual entwickelt, das wir beide sehr genießen: Freitags und Montags nehmen wir uns sehr bewusst Zeit füreinander. Wir gehen zusammen einkaufen, sie hilft mir kochen, wir spielen Memory, machen Waldspaziergänge oder basteln zusammen.

Ich habe nicht das Gefühl, nicht zu genügen. Weder im Job noch daheim. Ich habe das große Glück, beides ohne Reibungsfläche unter einen Hut zu bringen und mich jeweils zu 100 Prozent einbringen zu können. Ich lasse mich ganz bewusst mit all meiner Hingabe auf den jeweiligen Tag und seine Aufgaben ein und genieße es sehr sehr sehr, wieder unter Leute zu kommen, den Kopf zu benutzen und meiner Berufung nachgehen zu dürfen. Ich mache beides mit vollem Einsatz und es füllt mich absolut aus. Wenn man das Karriere nennen mag, dann ist es wohl so. Mamakarriere und Jobkarriere – wenn man den goldenen Weg findet, funktioniert beides.

Ich würde jeder Mama raten, ihre Bedürfnisse zu achten und sie nicht völlig dem Kind unterzuordnen. Ein Kind braucht eine Mama, die zufrieden ist. Dafür muss sie ihren eigenen Weg finden und der ist individuell und dann richtig, wenn er sich gut anfühlt. Und noch ein Tipp zum Schluss: Andere Lebensmodelle gelten zu lassen gehört für mich absolut dazu. Die schlimmsten Kritiker von arbeitenden Müttern sind oft andere Mütter, die ihren Vollzeit-Mama-Weg als einzig richtige Lebensform betrachten. Mit Akzeptanz, Toleranz und gegenseitiger Stärkung wäre vielen geholfen.

 

 

Daily business – wie bestellt und nicht abgeholt.

Die meisten meiner Tage sind „Jippieee und yeeeahhh“. Ich stehe motiviert auf, quatsche gut gelaunt ein morgenmuffeliges Kind in frische Klamotten und ringe ihm eine Runde Zähneputzen ab, bringe es in den Kindi oder zu Oma und starte in einen Arbeitstag voller Höhen und … Höhen.

Heute war eher so „Och. Joa.“ Ich stand motiviert auf, bugsierte das muffelige Kind in frische Klamotten, rang ihm das Versprechen ab, aufgrund der fortgeschrittenen Zeit bei Oma die Zähne zu putzen nach dem Frühstück, das ich ihm eingepackt hatte.

Und dann nahm der Tag so seinen Lauf. Ein Artikel, den ich nach Rücksprache mit der zuständigen Behörde geschrieben habe, hat nicht den Vorstellungen der Tippgeberin entsprochen. Ungefähr um 180 Grad nicht.

Beim  nächsten Termin wollte mein Gegenüber eigentlich den Artikel selbst verfassen, mindestens aber alles korrekturlesen dürfen. Nicht weil er an meiner Intelligenz zweifle, sondern weil die Sache halt echt kompliziert sei. Danke auch.

Am Nachmittag wurde ich zu einem Termin bestellt. Treffpunkt 14.30 Uhr an der Pforte. Ich war zehn Minuten zu früh und wartete auch noch zehn Minuten länger. Trotzdem kam keiner. Ende vom Lied: Ich war bestellt aber nicht abgeholt worden und das Pressegespräch musste nochmal von vorn begonnen werden. So isses dann halt.

Als endlich langsam Ruhe in die Redaktion einkehrte, schrieb ich noch eine Geschichte vom Stapel, die mir keine Ruhe lässt sonst. Dann besorgte ich Brötchen, räumte eine Spülmaschine aus, bezog das Bett frisch und beschloss, dass der morgige Tag eine neue, weiße Seite im Buch ist. Und wehe da sudelt mir jetzt einer drauf rum.

Working-mom-Studie: Das Märchen der Vereinbarkeit

Heute ist die Working-Mom-Studie veröffentlicht worden, nach der sich jede dritte Mutter trotz Partner als alleinerziehend wahrnimmt. Ich habe im Radio davon gehört, als ich – Achtung Klischee – in meiner Mittagspause unterwegs war zwischen Job und Supermarkt. Frauen würden sich entgegen besseren Wissens aufreiben, um möglichst an allen Fronten mehr als hundert Prozent Leistung zu bringen. Und sich dabei nicht nur selbst verlieren, sondern auch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie keiner ihrer Aufgaben zu hundert Prozent gerecht würden.

Ich habe daraufhin eine Weile überlegt, wie ich das sehe. Das hörte sich in meinem Kopf ungefähr so an: „Working-mom-Studie: Das Märchen der Vereinbarkeit“ weiterlesen

Anstatt …

… mich auf große Dinge wie den nächsten Norwegenurlaub und den Lottogewinn zu freuen (weil eins erstmal wieder in weiter Ferne – und fürs andere müsste man erstmal Lottospielen) habe ich neulich wieder einen sehr inspirierenden Text gelesen, darüber, wie dämlich die Warterei auf das wirklich große Glück ist. Und wieviel schöner das Leben ist, wenn man das kleine, tägliche Glück schätzt.

Ich habe mich die letzten Tage auf das Wesentliche fokussiert, was mich glücklich, was das echte Leben (aus)macht. Deswegen bekommt ihr eine Zusammenfassung der letzten halben Woche: „Anstatt …“ weiterlesen

Mehr Momentchen bitte!

Die dritte Arbeitswoche ist um. Es verging noch kein Tag, auf den ich mich nicht gefreut und den ich nicht am Abend im Rückblick als toll empfunden hätte. Ich habe neben ein paar anderen Dingen einen Monstertext fabriziert, den mein Lieblingskollege mit einem dicken „HÄ???“ versehen, ihn aber insgeheim doch verstanden hat. Auch mein Chef, den ich ums Gegenlesen gebeten hatte, meinte grinsend, ich möge doch in Zukunft etwas anspruchsvollere Texte schreiben. Ironie aus Und dann hat schließlich noch ein Mann vom Fach einen Blick darauf geworfen und mir bestätigt, dass ich die durchaus komplizierte Sachlage „sehr gut auf den Punkt gebracht“ hätte. Also kann man es wohl lassen. 

Und auch sonst lichtete sich das Chaos, das ich zu Beginn der Woche mit verschobenen Arbeitstagen und privaten Terminen selbst geschaffen hatte. „Mehr Momentchen bitte!“ weiterlesen

Es braucht nicht viel …

Ich habe heute einen Satz aus dem Vormittag mitgenommen, der mich unbewusst schon den ganzen Tag begleitet. Ich arbeite an einer Seite zu einem Thema, das mich selbst sehr beschäftigt, auch wenn es noch in weiter Ferne liegt für mich persönlich. Im Rahmen eines Hintergrundrecherche-Termins hat mir heute jemand gesagt „In Deutschland muss niemand verhungern. Viel schlimmer ist die gefühlte Armut.“ Er hat es noch ein bisschen ausgeführt: Sich spontan diese eine Bluse nicht kaufen zu können, den Kinobesuch auf unbestimmt verschieben zu müssen, den Kindern erklären zu müssen, warum das Malbuch oder die CD nicht drin ist. Wenn die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr möglich ist, ist die Armut angekommen. Auch wenn deswegen keiner in Fetzen zur Schule muss und kein Magen knurrt. „Es braucht nicht viel …“ weiterlesen

Warten, warten, warten …

Ich habe Fragen. Viele Fragen. Und nachdem ich am Freitag ein investigatives, konspiratives Non-Gespräch geführt habe („diese Unterhaltung hat nie stattgefunden!“) konnte ich sie auch klar formulieren, weswegen ich am Samstag in der Redaktion aufschlug und sie mir aus den Fingern und ins Postfach der Adressaten tippte. Blöd nur: Außer mir hat es keiner so eilig. Denn die entsprechenden Stellen müssen es „im Haus erst intern klären“, was so viel heißt wie „Frau, nerv nicht, wir haben soviel Zeug an der Backe, jetzt kommst Du noch so neugierig ums Eck“. „Warten, warten, warten …“ weiterlesen

Zwei Überraschungen und die Crux des halben Tages

Mein Job hält oft Überraschungen bereit. Ein bisschen ist es wie in einem Krimi – die spannendste Wendung kommt erst am Schluss. Und so kommt es, dass wir in der Redaktion noch an einer fast fertigen Seite werkeln, wenn sich plötzlich etwas ergibt, das ein Umplanen erfordert. Eine solche Überraschung ist mir gestern vor die Füße gefallen. Wir hatten eine Frage von einem Leser bekommen, der etwas beobachtet hatte. Ich habe bei der entsprechenden Stelle nachgehakt und eine Antwort in hölzernem Behördendeutsch bekommen. Ich hätte mich fast damit zufrieden gegeben, mir aber dann überlegt, dass ich mit dem Begriff nicht wirklich etwas anfangen kann und unsere Leser dann vielleicht auch nicht. Und … „Zwei Überraschungen und die Crux des halben Tages“ weiterlesen

Es war einmal …

… eine Redakteurin mit einer guten Idee. Der Idee, zu Recherchezwecken den hiesigen Stadtarchivar zu einem Thema zu befragen. An einem Montag. Mit dem höflichen Hinweis, die Antworten auf zwei ausgesprochen simple Fragen doch bitte innerhalb der nächsten beiden Tage zu liefern. Gerne auch telefonisch. Was dem Tagesgeschäft einer TAGESzeitung durchaus entspricht. „Es war einmal …“ weiterlesen