Working-mom-Studie: Das Märchen der Vereinbarkeit

Heute ist die Working-Mom-Studie veröffentlicht worden, nach der sich jede dritte Mutter trotz Partner als alleinerziehend wahrnimmt. Ich habe im Radio davon gehört, als ich – Achtung Klischee – in meiner Mittagspause unterwegs war zwischen Job und Supermarkt. Frauen würden sich entgegen besseren Wissens aufreiben, um möglichst an allen Fronten mehr als hundert Prozent Leistung zu bringen. Und sich dabei nicht nur selbst verlieren, sondern auch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie keiner ihrer Aufgaben zu hundert Prozent gerecht würden.

Ich habe daraufhin eine Weile überlegt, wie ich das sehe. Das hörte sich in meinem Kopf ungefähr so an:

„Reibe ich mich etwa auf zwischen Kindererziehung, Job und Haushalt? Das Kind … ich muss der Mama ihrer besten Freundin noch Bescheid geben, dass die Kleine gern am Freitag zu uns kommen kann. Oh, Freitag, da darf ich nicht vergessen, dass ich mich noch um ein Geburtstagsgeschenk kümmern muss. Also … reibe ich mich jetzt auf? Hm. Haben wir eigentlich noch Milch? Am besten ich bring gleich welche mit. Der Blumenkohl im Kühlschrank muss auch weg. Den mach ich heute Abend. Und die Wäsche, die hol ich jetzt gleich noch aus dem Trockner. Also nochmal. Wie fühle ich mich denn so mit Kind und Haushalt und Job? Aaaah der Job, der ist toll. Ein bisschen cool finde ich die Geschichte ja schon, die ich gestern geschrieben habe. Sie ist mir in den Schoß gefallen, weil ich die Augen offen gehalten habe. Vielleicht sollte ich kurz meinen Mann anrufen und fragen, ob er was aus dem Supermarkt braucht? Haben wir eigentlich noch Klopapier? Und reicht das noch, alles in den Kühlschrank zu räumen, um pünktlich zur Konferenz um zwei zu kommen? Ja und reibe ich mich jetzt eigentlich grade auf oder nicht?“

Ihr ahnt es – ich kam zu keiner schlüssigen Antwort. Und so lauschte ich weiter der Reportage über die Studie, zu der sich auch ein männlicher Zuhörer äußerte. Er sagte, die meisten Frauen würden viel zu viel jammern, anstatt, wie ein Mann das tun würde, einfach zu machen. Ich schluckte. Mein erster Gedanke war: Was für ein Trottel. Vielleicht hat er eine Frau. Und vielleicht bekommt sie Unterhosen allein durchs Jammern sauber. Vielleicht macht sie halt einfach aber auch, was wir Frauen so machen. Waschen, kochen, staubsaugen, Pausenbrote schmieren, Impftermine vereinbaren, uns an Geburtstage erinnern, Brötchen kaufen. Die Studie sagt: „Jede zweite Mutter (51 Prozent) übernimmt die Dinge lieber selbst, bevor sie sich mit dem Partner darüber auseinandersetzt.“ Vielleicht bekommt der Gute auch einfach nicht mit, was seine Frau alles leistet, weil sie es ihm schlicht nicht unter die Nase reibt.

Die meisten von uns machen all das nämlich nicht, weil wir so wahnsinnig gerne viel an der Backe haben, sondern, weil wir es können. Weil wir das Familienleben am Laufen halten. Ist das anstrengend? Manchmal. Ist es notwendig? Ganz sicher. So sehr ich mich zuerst über den Anrufer aufgeregt habe, je länger ich über seine Worte nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass ich es eigentlich genau so mache. Schon immer. Ich schimpfe nicht über meine Aufgaben, ich nehme sie an und erledige sie. Natürlich ärgere ich mich manchmal über die nicht kleiner werden wollenden Berge aus Wäsche und Geschirr. Über die Staubflusen, die immer dann auftauchen, wenn ich glaubte, auf dem Laufenden zu sein. Über die Tatsache, dass Haushalt und Kind eine Aufgabe sind, an die man nie einen Haken machen kann. Aber was hilft mir das genau?

Gleichzeitig gibt es nämlich bei all dem auch Dinge, die mich sehr glücklich dabei machen. Habe ich die Wahl, etwas ungern und muffig zu erledigen oder etwas möglichst perfekt und mit Freude am Ergebnis zu tun, so entscheide ich mich bewusst immer für letzteres. Ich mache mir bewusst, dass ICH entscheide, was im Kühlschrank landet, dass ICH entscheide, was meine Familie jeden Tag zu essen bekommt, dass ich die Termine gut im Griff habe. Der Laden läuft gut, weil ICH es in der Hand habe. Einen Alltag mit Beruf, Mann, Kind und Haushalt zu haben, kann eine inspirierende und schöpferische Mammutaufgabe sein oder ein ermüdender, zäher, immer wiederkehrender Ablauf derselben faden Dinge. Es ist eine Frage der Perspektive. Was ich nicht meine: Findet Euch gefälligst mit Eurem Muttchen-Dasein ab. Stellt den Männern die Pantoffeln zurecht und sorgt dafür, dass ihn das Familienleben möglichst wenig tangiert. So war das nicht gemeint. Nehmt Eure Männer in die Pflicht, wo ihr an Eure Grenzen kommt und ein verbissenes Durchhalten niemandem gut tun würde. Männer können vielleicht nicht aus dem Stand aus drei rohen Kartoffeln und ein bisschen TK-Gemüse ein Mittagessen zaubern, aber sie können Kinder von A nach B bringen, vom Kindergarten abholen und auch mal wickeln, waschen oder anziehen. Aber vergesst dabei nicht, Eure Leistung selbst zu würdigen und wertzuschätzen und diese Wertschätzung wenn nötig einzufordern.

Vielleicht geht es auch nur mir so, aber ich bin dieses ewige „wir Frauen leiden an unseren eigenen Ansprüchen“-Ding ein bisschen leid. Ich habe Ansprüche, an mich, an mein Zuhause, an meine Familie. Aber ich zerbreche nicht daran. Ich fühle mich weder von Instagram noch von anderen echten Frauen unter Druck gesetzt, meine Wohnung perfekt zu präsentieren, eigenes Vollkornbrot zu backen, mein Kind in Gucci zu hüllen und nebenbei Karriere zu machen. By the way – kein Mann käme je auf die Idee, den Haushalt zu schmeißen, das Kind nach Montessori-Gesichtspunkten zu erziehen, seine Klamotten aus Fairtrade-Stoffen selbst zu nähen und nebenbei den Vorstandsposten bei der Sparkasse zu übernehmen. Weil er es auch nicht schaffen würde. Wieso kommen wir Frauen dann auf so dämliche Ideen, für die es Studien braucht? Den Druck, der durch die (Un-)Vereinbarkeit von Familie und Beruf entsteht, machen wir uns zu einem sehr großen Teil selbst, weil wir uns vorstellen, dass unser Tag fünf mal 24 Stunden hat. Ein Kind zu erziehen erfordert Zeit. Einen Haushalt zu schmeißen auch und einen Beruf auszuüben auch. Unsere Tage sind nicht länger als die unserer Männer. Vereinbarkeit ist ein Denkfehler, viel treffender wäre es doch zu sagen, ich möchte mit meinem Mann die Rollen tauschen. Er soll meine Aufgaben übernehmen und ich gehe fünf Tage von morgens bis abends zur Arbeit. Dass ich mein Kind dann kaum noch sehe, dass ich in der Kantine statt daheim esse und dass über den Kühlschrankinhalt jemand anderes entscheidet, damit muss ich leben. Wie mein Mann eben bisher. Aber alles zu wollen, alles zu hundert Prozent zu wollen, führt nur zu Frust.

Ich fülle meine täglichen Aufgaben mit Leben, ich genieße, dass ich das alles wuppe, dass mir nicht die Puste ausgeht und wenn, dass ich auch mal Fünfe grade sein lassen kann. Ich genieße, dass ich kochen kann, dass ich mich mit meinem beruflichen Wiedereinstieg ein bisschen unabhängiger gemacht habe und dass es mir ziemlich gut geht dabei. Aber ich bin mir absolut im Klaren darüber, dass Vereinbarkeit nicht nur für Frauen ein Märchen ist, sondern für jeden, der sich mit Herzblut in die sich ihm stellenden Aufgaben stürzt und an seine persönlichen und zeitlichen Grenzen stößt. Vielleicht würde es helfen, den Blick für das Pensum des Partners zu schärfen und versuchen, Gerechtigkeit herzustellen. Vereinbarkeit ist nämlich kein Frauenproblem. Zu seiner Lösung gehören mindestens zwei.

2 Antworten auf „Working-mom-Studie: Das Märchen der Vereinbarkeit“

  1. Ich glaube, das Problem ist, daß es (meist) Männer sind, die es Männern zutrauen, einen hochqualifizierten Job auch mit Kindern in der Familie zu wuppen – während es Frauen nicht zugetraut wird. Weil es leider nach wie vor häufig so ist, daß die Frau alles wuppt, während der Mann morgens pünktlich das Haus verläßt, um seinem qualifizierten Job nachzugehen – komme da was wolle. In der Regel nimmt die Frau die „Kranktage fürs Kind“. In der Regel tritt die Frau kürzer fürs Kind. In der Regel nimmt der Mann 2 Monate Elternzeit (damit sie nicht verfällt) und die Frau den Rest. In der Regel guckt leider auch die Frau dann karrieremäßig und vor allem rentenmäßig irgendwann mit dem Ofenrohr ins Gebirge.
    Und leider ist das auch bei den hochqualifizierten jungen Frauen noch die Regel.
    Wenn einem Mann zu der Studie nur einfällt, daß „Frau“ halt machen statt jammern soll, kann ich nur sagen – üblicherweise hat eine Frau ganz lange „gemacht“, bevor sie jammert. Die meisten Frauen jammern erst, wenn die Kacke richtig am dampfen ist.

    Aber die Haltung dieses Mannes zeigt auch, warum es viele Männer angeblich aus „heiterem Himmel“ trifft, wenn ihre Frau sie verläßt – weil sie keinen Gedanken auf den Partner verschwendet haben, keine Ahnung haben, was so läuft oder möglicherweise nicht mehr läuft und auch keinen Finger gekrümmt haben für ein gleichberechtigte arbeitsteilige Situation. Womit ich etwas vom Thema abgeschweift bin.

    1. Ich geb Dir völlig Recht. Was mich nur nervt, ist das Gefühl, dass diese Vereinbarkeit einfach eine weitere Schippe ist, die sich Frauen aufladen. Es muss doch zu schaffen sein, wenn man nur ein bisschen disziplinierter, ein bisschen besser organisiert, ein bisschen fleißiger ist. Dann kann man das Kind zu einem Stipendiaten heranerziehen, die Marmelade aus eigenen Früchten selbst einkochen und nebenbei Karriere machen. Das schürt nur das Anspruchsgefühl, dem sich Frauen ohnehin schon ausgesetzt sehen. Ich finde, wenn eine Frau eigenes Geld verdient und sich in der übrigen Zeit um ihr Kind kümmert und zusieht, dass das Haus nicht auseinanderfällt, dann leistet sie genug. Mehr ist einfach utopisch.
      Und das Schlimmste ist eigentlich, dass diese Forderung und dieser Anspruch nach Perfektion unter Frauen kursiert. Unsere Männer, jedenfalls meiner, schätzt, was ich leiste.

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