Ich will der Bestimmer sein! Warum ich mich nur noch mit Gutem umgebe.

Heute war Volkstrauertag. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich mich kurz wunderte, warum die Flagge vorm Rathaus hier im Ort auf Halbmast hing. Sagen wir so: Der Volkstrauertag war überall, nur nicht bei mir. Ich hatte heute einen der produktivsten Tage der Woche. Wenn man es genau nimmt, war das Wochenende insgesamt ziemlich großartig. Am Freitag hatten wir einen tollen Abschluss beim Laternenlauf bei uns mit Punsch und roter Wurst. Innerhalb kurzer Zeit drängten sich über 50 Leute auf engstem Raum und es war einfach nur schön und gesellig (high five an die besten Elternbeiratskollegen!). Am Samstag habe ich den gewohnten Tagesrhythmus völlig auf den Kopf gestellt. Statt Großputz war ich mit Hannah Schuhe kaufen, mit einer Kollegin Kaffeetrinken und zum Mittagessen gab es den weltbesten Apfelkuchen. Geputzt habe ich trotzdem noch, aber es hat gut getan, mal ausgetretene Pfade zu verlassen.

Aber zurück zu heute: Ich bin aufgestanden und ich und die Kleine haben gemütlich miteinander gefrühstückt. Mein Mann musste heute arbeiten und so hatten wir zwei Mädels freie Bahn.  Ich habe die Energie schon beim Aufstehen gespürt. Nach dem Kaffee hielt mich nichts mehr. Ich wienerte die Waschbecken und warf eine Waschmaschine an, wir räumten das Kinderzimmer gründlich auf und ich entrümpelte den Kühlschrank. Ich hab für uns beide frische Tortellini gekocht mit Frischkäse-Rahmsoße. Nach dem Essen hat die Oma das Mädchen ins Kindertheater mitgenommen – und ich hatte endlich sturmfrei und konnte den Adventskalender für die Maus verpacken.

 

Fun fact an Rande: Hätte ich diese Adventskalenderzutaten alle auf einmal gekauft, wäre ich an der Kasse bei der Endrechnung vermutlich auf der Stelle schreiend aus dem Laden gelaufen. Weil ich den Kleinkram aber übers letzte halbe Jahr verteilt gekauft habe, ist mir gar nicht aufgefallen, wie teuer so ein Adventskalender werden kann. Memo an mich: Wir gleichen das nächstes Jahr aus und es gibt nur Gummibärchen im Adventskalender. Eines jeden Tag.

Während ich also so vor mich hin rechnete klebte und faltete, hing ich meinen Gedanken nach. Dieser Sonntag fühlte sich so richtig gut an. Nach mir. Das Wetter draußen vor meinem Fenster war typisch November und schrie nicht nach einem längeren Aufenthalt im Freien. Aber es hatte null Einfluss auf meine Stimmung. Denn ich war im Flow, mit mir, fokussiert auf meinen inneren Kompass. Nur tun, was sich gut anfühlte. Aber vor allem: Etwas tun. Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass der Mensch nicht fürs Nichtstun gemacht ist. Es macht mich nicht glücklich, den ganzen Sonntag auf der Couch zu verbringen. Frühstück im Bett? Heaven help!

Denn Nichtstun ist eine Energie, die mich nicht entspannt. Die mir nicht entspricht. Nicht, weil ich ein notorischer Workaholic wäre oder eine Perfektionistin, die nicht ruhig sitzen kann. Ich (er)schaffe einfach gerne. Ich liebe diese kreativen Vibes, die mich motivieren, Dinge anzupacken, sie besser zu machen, die mich aus Chaos Ordnung schaffen lassen. Am besten trifft es wirklich die Beschreibung „innerer Kompass“. Wenn ich der Richtung folge, die mir diese Nadel zeigt, dann flutscht es. Ich lasse es einfach laufen und genieße den Flow. Es ist Sonntag, ich weiß. Na und? Negative Energien wie Lustlosigkeit, Melancholie, Trübsinn – ich wehre mich bewusst gegen sie. Denn natürlich kenne auch ich das – es ist der einzige freie Tag der Woche, an dem man zum absoluten Stillstand kommt, man hat nicht wirklich was vor, lümmelt auf der Couch rum bis der Tag zu weit fortgeschritten ist, um noch etwas Größeres anzupacken. Und am Ende ist man unzufrieden und froh, wenn der Montag einen wieder in den gewohnten Trab bringt. Aber ehrlich – wer will das denn? Jeder Tag soll meiner sein. Oder wie Hannah sagen würde „Ich will der Bestimmer sein“.

Schlechte Energie hat aber nicht nur etwas mich „sich hängen lassen“ zu tun. Schelchte Energie wird auch von außen an uns alle herangetragen. Ich habe mittlerweile eine sehr feine Antenne dafür, welche Menschen mir guttun und von welchen ich mich höflich fernhalte. Was mich runterzieht, sind „ja-aber-Menschen“. Jeder kennt so einen, der alles immer irgendwie gut findet, wenn da nicht das aber käme. So sicher wie das Amen in der Kirche, sagen sie Dinge wie „Ja, es war echt toll, nur schade dass… “ oder „Hat Spaß gemacht, nur das Wetter…“ oder „Wie schön, gefällt mir gut, aber …“

Ich frage mich in den allermeisten Fällen – warum tut ihr Euch das an? Warum genießt ihr nicht die tollen, schönen, spaßigen Dinge und blendet den Rest aus, der vielleicht nicht gerade alles andere getoppt hat? Wenn ich mich mit jemandem bei einem Kaffee zusammensetze, kann ich zuhören. Ich kann auch Ratschläge geben, wenn ich um solche gebeten werde. Ich kann meine Ideen einbringen und auch trösten, wenn notwendig. Was ich aber nicht kann: Mich gemeinsam in die „Ach haben wir’s alle schwer“-Soße zu werfen und ein bisschen in gemeinsamem Mitleid zu baden. Jeder von uns steht mal vor Herausforderungen oder Schwierigkeiten. Aber niemand wird sie für dich lösen, wenn Du versuchst, alle auf Deine Ebene zu ziehen. Das Gejammere über den Stress mit den Terminen der Kinder, über den Mann, der nicht mithilft im Haushalt, über den Preis für Kinderschuhe oder das Wetter, bei dem man ja gar nicht mehr mit den Kids in den Garten kann … und erst die Schwiegermutter. Und die Afd. Und eigentlich ist alles furchtbar schlimm.

Dieses Genöle hat nur einen Sinn – die Nöler wollen hören, dass es allen so geht. Dass jeder mit denselben Problemen konfrontiert ist und das schon alles in Ordnung ist so. Sie fühlen sich nämlich nur sicher in einer Herde von Schafen, die in derselben Tonlage blöken. Ich habe nur überhaupt keine Lust dazu. Nichts liegt mir ferner, als in der Meckermasse zu verschwinden. Denn – nicht vergessen – ich bin der Bestimmer. Und ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Wenn es also darum geht, aus der Reihe zu tanzen, bin ich die mit den höchsten Absätzen auf dem Parkett. Ich habe ein einziges Leben. Ich will es nicht im Jammertal verbringen.

Auch ich habe Herausforderungen zu meistern. Nicht immer geht mir alles leicht von der Hand und an manchen Tagen möchte ich mich gerne verkriechen. Aber diese Laune hält ganz genau fünf Minuten an (wenn’s hochkommt), denn dann wirft mir mein inneres Ich augenrollend den Rettungsring zu und sagt, „jetzt ist aber gut, Du könntest längst an der Lösung des Problems arbeiten“. Ich mache mir bewusst, dass die Zeit, die ich mit dem Bewundern des Problems verschwendet habe, lange genug war. Dann beginne ich zu arbeiten und bin eben wieder der Bestimmer.

Und zuletzt noch ein Wort zum Thema Stress. Wen man auch trifft auf dem Markt oder im Café: Auf die Frage,“wie geht’s?“ sagen die meisten Menschen „gut, halt immer im Stress“. Scheinbar ist Stress zu haben ein völlig normaler und womöglich auch noch erstrebenswerter Zustand. Ich habe keinen Stress. Aus Prinzip nicht. Ich habe oft viel zu tun und wenig Zeit dafür. Aber das erfordert konzentriertes und effektives Arbeiten. Stress ist für mich was anderes. Wenn ich einen Plan habe und jemand anderes meinen geplanten Ablauf durcheinanderbringt – das stresst mich. Genau fünf Minuten eben. Dann kommt der Rettungsring – you get the point.

Mit diesen Gedanken zum Sonntag wünsche ich Euch jetzt einen guten Start in eine neue, produktive, wunderschöne Woche voller Hochs. Ihr habt’s im Griff, nicht vergessen.

 

November-blues? Ach wo!

Das Wetter beeinflusst meine Stimmung. Ob ich will oder nicht. Wenn der Regen auf unser Dachfenster prasselt (oder wie letzten Sonntag sogar der Eisregen!), wenn man vor dem Fenster vor lauter Grau kaum noch den Garten sehen kann, dann werde ich schnell melancholisch. Im Lauf der  Zeit habe ich aber verstanden, was mir an grauen Novembertagen die Laune rettet. Und ja, es hat sehr viel mit Essen zu tun.

Am Sonntag gab es bei uns beispielsweise Pancakes. Einfach so. Mit frischem Obst und Schokolade. Diese fluffig weichen, runden und süßen Taler haben uns das Frühstück sprichwörtlich versüßt. Ein bisschen Obst dazu rettet die Vitaminbilanz. Nutella eher nicht. Aber an grauen Novembersonntagen ist quasi alles erlaubt, was funktioniert.

Pancakes

Für mein Rezept verrühre ich 50 g Butter,  300 ml Milch,  2 Eier,  30 g Zucker, 200 g Mehl und ein Päckchen Backpulver. Ich mache das im Thermomix, geht aber auch in einer normalen Schüssel mit Handrührer. 

Kellenweise ausbacken in einer heißen, gefetteten Pfanne und genießen!

Ebenso perfekt für einen grauen Tag ist ein ordentlicher Teller voll duftender Suppe. Auch hier: Ich habe die Suppe im Thermomix gemacht (und nein, ich bekomme nix von Vorwerk, ich nutze meinen Küchenhelfer einfach gerne und oft). Vermutlich hat aber jeder ein spezielles Lieblingsrezept für Gemüsecremesuppe. Meines ist sehr kartoffellastig und es war eine einzige Möhre darin, die aus der Kartoffelsuppe optisch eher eine Kürbissuppe machten, was viele auf instagram auch vermutet hatten.

Und nicht zuletzt sorgt ein bisschen Kerzenlicht und die richtige Musik bei mir für bessere Stimmung. Ich habe Euch hier meine Playlist zusammengestellt, die bei uns am Sonntag rauf und runter lief. Alt und neu gemischt, viel Swing – hört einfach rein.      

 

Kindergeburtstag – Wir haben die Einhorn-Regenbogenparty gerockt!

Ich hatte mich nach der Erfahrung von letztem Jahr für den Kindergeburtstag auf alles eingestellt. Kuchenkrümelchaos. Kinder, die nichts essen wollen. Muffins, die nur angeleckt werden. Chaos im Kinderzimmer. Geschenkpapierberge. Kinder, die ich aus dem Kleiderschrank pflücken muss.

Und dann … war alles viel toller als erhofft. Aus sechs Kindern wurden sieben, weil wir die kleine Schwester eines Gastes einfach da behalten haben. Der Kuchen, die Muffins und die Kekse gingen gut weg, die weißen Stuhlkissen (was sind wir auch so naiv) haben wir einfach nach dem Schokokuchenessen in die Waschmaschine gesteckt und ich war tatsächlich tiefenentspannt. Zwischendurch flitzte die Bande sich jagend durch die ganze Wohnung, gackerte und lachte. Versteckte sich unterm Küchentisch, auf dem wir Großen Pizzateig ausrollten. Dann haben wir Regenbogentassen bemalt und alle saßen andächtig am Tisch und waren wieder konzentriert bei der Sache.

Ich hatte großartige Unterstützung einer anderen Mama, die einfach da blieb, mit mir auf die Rasselbande anstieß und sich als wunderbare rechte Hand erwies. Neben all den Hochs hatten wir auch ein paar Tiefs wie die eingeklemmten Finger eines Mädchens, das sich ausgerechnet am Türrahmen festhielt, als ein anderes Kind die Tür zumachte und ein mit den Nerven fertiges Geburtstagskind, das zwischendurch mit dem Trubel doch ein bisschen überfordert war und auch am Morgen danach noch einen leichten Kater aka „das war echt anstrengend“ hatte. Für das eine Problem gab es sofort einen Eisbeutel. Das andere hat sich noch am Abend erledigt: Die Antwort auf die Frage, ob wir nächstes Jahr lieber auf die Party verzichten, war ein sehr empörtes Nein. 😉

 

Der große Renner waren übrigens ein paar Folienballons, die ich bei Amazon entdeckt und bestellt hatte. Unser Esszimmer verwandelte sich in kurzer Zeit in ein Einhorn-Regenbogen-Paradies. Die Ballons wurden inklusive Luftpumpe geliefert und zieren jetzt in ihrer ganzen Pracht das Kinderzimmer. Ich fürchte hoffe, sie halten ziemlich lange.

Am Ende des Tages hat jedes Kind eine unserer Regenbogentüten mit nach Hause bekommen, die Steine, die wir als Platzkarten bemalt haben, haben wir einfach dazugelegt.

Und wieder haben wir also einen Kindergeburtstag gerockt. Man hat den Kindern das Jahr, das seit der letzten Party vergangen ist, deutlich angemerkt. Es hat uns allen großen Spaß gemacht, sowohl die Vorbereitung (ich sage nur meditatives Backen und Verzieren!) als auch die Feier selbst. Beim Aufräumen habe ich einfach BESCHLOSSEN, dass es Spaß macht. Und schwups, war alles sauber. So einfach. Ich hoffe jetzt inständig auf ein weniger rosa-kitschiges Motto fürs nächste Jahr. 

Denn die Anekdote des Jahres: Auf die Idee mit der Regenbogen-Einhorn-Party kam mein Kind wegen einer Rolle Klopapier. Erinnert ihr Euch? Seither mussten wir dieses Klopapier hüten wie einen Schatz, damit es am Kindergeburtstag zum Einsatz kommen kann. Corporate Identity. Passendes Klopapier zum Motto. Es wäre DER Hammer gewesen.

….

Hätten wir’s nicht völlig im Schrank vergessen bis die Party vorbei war. Vermutlich werde ich diese Rolle in angegilbtem Zustand zur Aussteuer meiner Tochter packen. Ich glaube nicht, dass wir sie jemals benutzen dürfen. Sie wird ein ewiges Mahnmal der bestorganisierten (und leider vergesslichen) Mutter bleiben. Und sie wird mir vermutlich jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn ich sie sehe. Und mich an einen ausgesprochen lustigen Kindergeburtstag erinnern. Und allein deswegen darf sie bleiben.

 

Fremde Ecken und das Gefühl von Freiheit

Morgens vor dem Frühstück ein paar Bahnen im menschenleeren Schwimmbad ziehen – das hat was. Und gestern Vormittag war es mir tatsächlich vergönnt, schon kurz nach acht das chlorduftende Hellblau unsere Hotelpools zu durchpflügen. Wir haben das Wochenende in Würzburg verbracht bei einer Fachtagung für Imker. Weil das Tochterkind auch dabei war, haben wir kurzerhand einen Satz Großeltern mitgenommen als Kinderbespaßungsteam. Ich habe mit dem Gatten sehr ernsthaft besprochen, dass ein Hobbyraum oder gar ein Kellerraum völlig überbewertet wird, wenn man dafür einen Pool haben könnte. Sieht der Gatte zwar ähnlich, die Aussichten auf ein eigenes Schwimmbad im UG sind trotzdem verschwindend gering. Nix krieg ich. Nix.

Letztes Jahr haben wir das in der Eifel schon genau so gemacht mit den Großeltern, das hat wunderbar funktioniert. In diesem Jahr haben sich die Imker in Veitshöchheim getroffen und für uns war klar: Würzburg ist die größere Stadt, in der es für die Begleitpersonen mehr zu sehen gibt. Also haben wir dort Quartier direkt am Main bezogen. Und hatten richtig viel Glück: Zwei Tage lang zeigte sich Bayern mit weiß-blauem Himmel, wie man sich das vorstellt.

Während wir am Freitagnachmittag schon eine Runde über den Markt und durch die hübschen Gassen gedreht hatten, habe ich mich am Samstagmorgen meinem Mann angeschlossen zu den Fachvorträgen.

Wenn sich über einhundert Imker treffen, dann sieht das etwa so aus:

Rappelvoller Hörsaal im Fachzentrum Bienen der bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

Nach dem gemeinsamen Mittagessen allerdings zog es mich mit Macht zurück in die Stadt. Ich wusste, mein Mann würde noch bis in den Abend in dem Hörsaal sitzen. Das Kind ist mit Oma und Opa unterwegs. Ich hatte also – frei. So richtig. Und ich habe den Tapetenwechsel in vollen Zügen genossen. Nichts fasziniert mich so sehr, wie eine unbekannte Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Ich bestaune bemalte Fassaden wie die des Rathauses und barocke Bauwerke, zünde eine Kerze in einer Kirche wie dem Neumünster an, besuche die Kiliansgruft, lasse mich treiben. Selten verliere ich dabei die grobe Orientierung. Ich stöberte mich durch Modeabteilungen in Kaufhäusern, kaufte eine Winterjacke und etwas zu lesen und erstand schließlich auf dem zauberhaften Markt köstliche, frischgebrannte Kokosmandeln.

Gibt es Würzburger unter meinen Lesern? Es war schön bei Euch! (Aber kann mir einer verraten, was auf der alten Mainbrücke so los ist? Dort haben sich Menschenmassen versammelt ohne ersichtlichen Grund. Treffpunkt zum Tratschen und Kaffeetrinken?)

Die Kiliansgruft
Marienkapelle, trotz ihrer Größe eine Kapelle
Rathaus mit Brunnen im Vordergrund (und blauem Himmel dahinter!)

   Ich wurde erst von einer hellen Stimme aus meinen Tagträumen gerissen, die mir von der anderen Straßenseite „Maaamaaaaa!“ zurief. Oma, Opa und das Tochterkind hatten mich erspäht und so spazierten wir gemeinsam noch ein bisschen durch die Stadt, bevor wir uns gemütlich mit dem City-Zug zur Rundfahrt durch die Straßen aufmachten.

Das wunderschöne Neumünster

Was ich gelernt habe beim Reisen mit Kind: Genügend Spielsachen einzupacken, ist elementar wichtig. Auch sind Kinder noch lange nicht so aufnahmefähig wie Erwachsene. Hannah findet fremde Städte nur so lange interessant, wie es Spielzeuggeschäfte oder Einhornpullover zu bestaunen gibt. Wenn es nach ihr ginge, könnten wir aber auch im Hotelzimmer sitzen, aus dem Fenster auf die Straße gucken und Tiptoi-Bücher anhören. (Ich sag nur Heyho, reit mit uns. In Dauerschleife.)

Diese „Kollegen“ hier waren auch im Hotel. Vielleicht hätten sie auch lieber die Stadt gesehen, als in Tagungsräumen zu hocken, aber was sein muss, muss sein. 🙂

Das andere Highlight des Wochenendes war definitiv der Besuch bei meinem frischgeschlüpften Patenkind bei Nürnberg (ja, Roadtrip, aber das war’s wert!). Meine Güte, so klein war mein Kind nie! (Oder doch?) Ich hatte die schlafende Kleine eine Weile auf dem Arm und lauschte in mich hinein. Aber nein, keine Spur von Nestbautrieb oder Milcheinschuss. 😉 Es bleibt wohl alles, wie es ist.

Und jetzt machen wir uns an die letzten Vorbereitungen für den Kindergeburtstag am Freitag. Alle Zeichen stehen auf Regenbogen und Einhorn! Also, lasst uns in die … äh … Abendsonne reiten.

Kindergeburtstag – da kommt was in die Tüte

Ich habe eben nochmal auf den Kalender geguckt. Aber es stimmt: Morgen wird mein kleines Mädchen fünf. Das vergangene Jahr ist nur so dahin gerast. Überhaupt – die letzten fünf Jahre sind verflixt schnell vergangen. Ich denke ständig zurück, wie das war, jetzt vor fünf Jahren. Nach neun Tagen über Termin hat uns die Ärztin zwar nochmal gehen lassen, aber angekündigt, am Tag 10 die Geburt einleiten zu wollen. Geboren wurde Hannah schließlich am elften Tag über Termin. Hat auf den Feiertag gewartet. Prinzessin eben.

Gerade eben habe ich noch den vierten Geburtstag vorbereitet, habe auf unserem Esszimmertisch eine Waldszene entstehen lassen. Und jetzt? Stehen die Zeichen auf rosa. Einhorn, Regenbogen, Glitzer.

Die Platzsteine haben wir schon vor längerer Zeit zusammen gestaltet, auch die Einladungen sind endlich an den Bub oder das Mädel gebracht.

Ich habe gestern braune Papiertüten gestaltet mit den Resten, die wir von den Einladungskarten übrig hatten.   

Die Tüten gab es im Vierer-Set bei Depot für 99 Cent pro Packung. Der Rest ist wie gesagt übriges Bastelmaterial. Natürlich braucht man Kindern bei Kindergeburstagen auch überhaupt nichts mitzugeben. Wir halten uns damit auch bewusst zurück, es gibt keine großen Geschenke für die Gäste. Eine kleine Aufmerksamkeit finde ich trotzdem nett, die Kinder bekommen etwas Süßes und einen Einhorn-Bleistift in diesem Jahr.

Ansonsten wird zum fünften Geburtstag Tiptoi bei uns einziehen. Ich habe mich im Spielwarenladen ausgiebig beraten lassen (und musste alles ausprobieren, erst, als es ans Mitsingen ging, habe ich mich geweigert …) und fand das ne ganz coole Sache. Außerdem war es ein gefühlt 3497-fach geäußerter Herzenswunsch des Mädchens.

Während wir also morgen mit Paten und Omas und Opas feiern, steigt die große bunte Sause am Freitag kommende Woche. Bis dahin habe ich noch ein bisschen Luft, mir Gedanken zu machen, was wir mit der Brut anstellen. Ich halte Euch auf dem Laufenden!

Und weil Dienstag ist, reihe ich mich gerne wieder ein bei den anderen Kreativen:

Creadienstag  

Dienstagsdinge

Handmade on Tuesday

Sprich mal wieder!

Vor ein paar Tagen habe ich für unsere Lokalzeitung einen kurzen, launigen Artikel geschrieben über Dialekt. Ich habe ein paar besonders hübsche, dem Schwäbischen absolut eigenen Worte aufgezählt und in dem kurzen Abriss auch erwähnt, dass meine Tochter diese Worte gern und mit Inbrunst gebraucht. Noch nie habe ich so viele Leserreaktionen bekommen, wie darauf. Eine Frau schrieb mir, sie bewundere, dass ich mein Kind mit Dialekt großwerden lasse. Aus ihrer Erfahrung als langjährige Erzieherin könne sie mir versichern, dass Eltern in der sprachlichen Erziehung ihrer Kinder alles unternähmen, sie mit Schriftdeutsch großwerden zu lassen. Dialekt, schwäbisch, Mundart? Verpönt. Der Grund für diese Regeln: Die Kinder hätten es nachher in der Schule viel leichter, wenn sie sich verständlich ausdrücken könnten. Ihre eigene Erfahrung jedoch zeige, dass Kinder, die so „zweisprachig“ aufwüchsen wie unsere Tochter, überhaupt kein Problem mit der Sprache hätten.

Es war sicher Zufall, aber in derselben Zeit landete ein Schreiben im Kindergartenfach von Hannah. Eine Pädagogin käme in den Kindergarten und würde sich alle gleichaltrigen Kinder in kurzen Kleingruppengesprächen einmal anhören. So könne man frühzeitig auf eine sich abzeichnende s-sch-Schwäche reagieren. Meine Tochter verkündete, sie gehe da nicht hin. Sie tat es in diesem einen bestimmten Ton, der mir klar machte, dass sie es absolut ernst meint. Ich redete ihr gut zu und versprach eine Überraschung, wenn sie den Termin doch wahrnimmt. Am Ende hat es ein bisschen sanftem, mütterlichem Zwang bedurft, dass wir am Montagnachmittag pünktlich im Kindergarten aufschlugen. Die Kleine war zwar absolut überzeugt davon, dass der Nachmittag mit der Sprachpädagogin vergeudete Lebenszeit ist, aber wenigstens blieb sie. Als ich sie zwei Stunden später wieder abholte, war sie ganz gelassen. Sie hätte Knabberfische durch einen Strohhalm ansaugen sollen, fand das zwar furchtbar albern, tat aber, wie ihr gehießen. Außerdem hätte die Frau mit ihr Memory gespielt.

Am Tag danach nahm die mich die Erzieherin kurz beiseite. Die Sprachexpertin habe abgewunken. Von s-sch-Schwäche keine Spur. Alles wunderbar. Meine Tochter indes bestand darauf, mir dabei zuzusehen, wie ich den Zettel, auf die übrigen Termine vermerkt waren, vor ihren Augen in den Mülleimer werfe. Viel hätte nicht mehr gefehlt und sie hätte ein feierliches Lagerfeuer im Garten verlangt.

Was aber fördert die Sprache der Kinder wirklich? Ich bin kein Experte, finde aber: Reden, reden, reden. Und vorlesen. Ein Kind, das wie nebenbei sprachlichen Input bekommt, wird zum Spiegel seiner Umgebung. Ich stelle das fest, weil Hannah Worte benutzt, die für eine Fünfjährige eher ungewöhnlich sind und deren Herkunft ich bei Omas und Opas vermute. Neulich beispielsweise schnupperte sie an Omas Essen und sagte „Oooooma, das duftet hiiiimmlisch.“ Ähnliches dachte sie wohl auch von ihren nackten Füßen, die sie mir abends auf dem Sofa entgegenreckte. Ich verzog das Gesicht und hielt mir theatralisch die Nase zu, aber das Kind sagte „Was denn, was denn, die riechen ganz fabelhaft.“ Mein Lieblingswort ist allerdings noch altmodischer: Passiert etwas Außergewöhnliches, kommentiert Hannah es mit „Sapperlot!“

Aber natürlich bleibt es nicht beim häuslichen Dialekt. Wenn ich Bücher vorlese, hört sie Hochdeutsch und auch im Kinderfernsehen (ja, mein Kind darf hin und wieder fernsehen) wird nach der Schrift gesprochen.

Denn nicht nur die direkte verbale Kommunikation scheint die sprachliche Entwicklung eines Kindes zu prägen. Als wir neulich über meine morgendlichen Strubbelhaare auf die Serie „Fraggles“ kamen (kennt die noch jemand?) habe ich eine Folge auf youtube gefunden und wir haben sie zusammen angeschaut. Mir ist aufgefallen, dass die Sprache viel anspruchsvoller war, als das, was wir heute im Kinderfernsehen hören. Es ist also auch ganz sinnvoll, nicht nur zu gucken, sondern auch mal genauer hinzuhören, was die Kids so konsumieren.

Wer mal reingucken mal, es war diese Folge:

Ich sage nur: „Fürwahr geliebtes Weib!“

Übrigens schlägt Wikipedia als Synonym für Sapperlot „Leck mich fett“ vor. Saperlott mag altmodisch sein, aber charmanter allemal.

Kindergeburtstag – die Regenbogen-Einhorn-Edition

Der fünfte Geburtstag wurde vor ein paar Wochen langsam Thema bei uns am Esstisch. „Ich wünsche mir eine Regenbogen-Einhorn-Party“, sagte das Tochterkind. Und obwohl sich meine Nackenhaare beim Gedanken an rosa-bunten Kitsch zunächst aufstellen wollten, fand ich doch recht schnell Gefallen an der Vorstellung.

Die „Platzkarten“ in Form von Bodenseekieseln haben wir schon vor Wochen fertig gemacht.

 

Die Gästeliste ist nun auch fix und so haben wir uns an die Einladungen gemacht. Ganz einfach: Weiße Wolken aus Karton mit regenbogenbunten Bändern. Wenig Aufwand, relativ kostengünstig und trotzdem ein kleiner Hingucker.

Wer’s nachmachen möchte: Ihr braucht weißen Karton, aus einem A-4-Bogen lassen sich locker 2 Wolken ausschneiden. Ich habe mir aus grauem Karton eine Schablone gebastelt, damit die Wolken alle gleich aussehen. Mit einem Locher habe ich in die unteren Rundungen einfach ein Loch gestanzt und bunte Geschenkbänder angeknotet. Jetzt brauchen wir nur noch einen Plan für die Party im November, damit wir auf der Einladung auch gleich davon erzählen können …. Ideas, anyone?

 

Auch heute bin ich gerne wieder in der Runde der Kreativen dabei:

Creadienstag  

Dienstagsdinge

Handmade on Tuesday

 

Einmal Luft fürn Kopf, bitte – Frei-Zeit im Wortsinn

„Da geht’s lang“. Eine kleine Kinderhand zeigt nach rechts. „Woher weißt Du das?“ frage ich. „Das sagt mein Navi“, sagt das Kind. Das „Navi“ ist eine Art Taschenlampe in quietschrosa, mit der man Pferdebilder an die Wand projizieren kann. Sie war die Dreingabe irgendeines kitschrosa Pferdemädchenmagazins, das eine argumentationsmüde Mutter eines Tages wohl mal gekauft hat. Heute aber ist sie das Navi und musste unbedingt mit zum Waldspaziergang an diesem unfassbar sonnigen und warmen Oktobersonntag. Freizeit im Wortsinn.

Wir folgen also Hand in Hand schweigend unserem vorausstapfenden und stetig plappernden Navi und schlagen den Weg ein, den uns die Taschenlampe weißt. So ungefähr haben wir im Kopf, wo das Auto steht. Wir werden uns schon nicht komplett verirren. Im grünen Froschrucksack, der auf dem Rücken meiner Tochter umherhüpft, weil sie kaum ein paar Meter normal gehen kann, sondern ständig springt und rennt, befinden sich fürs Überleben bei einer Wanderung noch weitere nützliche Dinge. Ein in pinkes Glitzertuch eingebundenes Tagebuch mit leeren Seiten beispielsweise. „Hast Du überhaupt einen Stift dabei?“ fragte ich mein Kind auf der Herfahrt. „Ne, wozu? In meinem Tagebuch stehen unsichtbare Zaubersprüche. Wenn wir einen Pilz nicht kennen, dann fragen wir einfach das Tagebuch!“, erklärt sie. Uns kann also gar nichts mehr passieren heute.

Es passiert aber doch was. Mit jedem Schritt, den ich über den knirschenden Schotter in den Wald hineingehe, lasse ich ein Stück Staub hinter mir. Alltagsstaub, der auch auf mir manchmal liegt. Gestern zum Beispiel habe ich einen ganzen Tag mit Kollegen verbracht. Ohne zu arbeiten aber doch in Arbeit vertieft. Wir haben uns hinter dicken Klostermauern zusammen gesetzt und haben unsere Arbeit reflektiert. Haben zugehört, geredet, gelernt, eine Richtung entwickelt. Der Tag war produktiv, er hat aber auch Kraft gekostet. Trotz allem hat er gut getan. Ich habe meinen Fokus noch besser justiert und sehe einiges noch ein bisschen klarer als bisher. (Wer sich für Medien und Lokaljournalismus interessiert, dem sei der Artikel der Zeit ans Herz gelegt. )

Und während ich mit meiner Familie aus dem Wald heraus wieder in die Sonne wandere, fühlt es sich an, als würden auch meine Gedanken zur Ruhe kommen. Die Woche ist von mir abgefallen. Weil auch der leidenschaftlichste Arbeiter mal Ressourcen auftanken muss. Wir haben uns dafür diesen Sonntag reserviert. Ein reiner Familientag. Vater, Mutter, Kind. Die Abmachung war: Nur tun, wozu wir drei Lust haben. Kein Besuch, keine Verabredungen, keine Hektik, keine Termine, kein Telefon. Wir sind dann mal weg. Und die Auszeit war herrlich: Ich habe den kompletten Vormittag im Schlafanzug verbracht. Ich habe in Ruhe gekocht, wir haben Eis gegessen und Eiskaffee getrunken und waren in eben jenem Wald, der mich so wunderbar heruntergeholt hat.

Ich hatte und habe noch immer das Gefühl, wir haben unseren Waggon ausgekoppelt und ganz langsam auf einem stillen Gleis ausrollen lassen.

Morgen geht’s wieder mit Volldampf weiter. Aber bis dahin bleiben wir noch ein bisschen in unserer äußerst komfortablen stillen Blase.

Genießt Euren restlichen Sonntag!

(PS: Die Tatsache, dass ich diese Zeilen schreibe, ist der beste Beweis, dass das Navi funktioniert!)

Atmen, essen, schreiben.

Ich habe vor einiger Zeit das Buch „work is not a job“ gelesen von Cathi Bruns. Sie beschreibt sehr eindrucksvoll, dass man sich zunächst selbst fragen muss, was man wirklich tun will. Was man leisten kann, wo es einen hinzieht.

Ich habe beim Lesen oft geschmunzelt, weil ich das Gefühl hatte, sie kennt mich. Ich habe mir nie überlegt, was ich werden will. Ich wusste eigentlich immer, was ich bin. Mit sieben oder acht, ich konnte zumindest schreiben, habe ich meine erste „Kinderzeitung“ verlegt. Ich erinnere mich an krakelige Kreuzworträtsel und selbsterfundene Witze auf grauem Umweltpapier. Mein Papa musste es mir damals im Büro (kein Mensch hatte einen Kopierer zu Hause) kopieren und ich band die zwei Blätter starke Ausgabe mit einem grünen Wollfaden zusammen.

Und während viele in meinem Freundeskreis auch kurz vorm Abi noch recht orientierungslos waren, habe ich geschrieben. Als freie Mitarbeiterin für die Tageszeitung, für die Schülerzeitung, für mich. Das Bedürfnis zu schreiben ist bei mir im vegetativen Nervensystem verankert. Ich schreibe aus der selben Notwendigkeit heraus, wie ich esse, atme oder schlafe.

Ich habe meine berufliche Laufbahn dann auch – oh Wunder – als Volontärin bei eben jener Tageszeitung begonnen, bei der ich Praktikumserfahrungen gesammelt hatte. Später habe ich mich beruflich neu ausgerichtet, habe eine neue Sprache gelernt, und als vermutlich recht passable rechte Hand eines etwas chaotischen Chefs einen kleinen Betrieb am Laufen gehalten. Ich habe mich um Meetings und Flüge, um Wohnungen für Mitarbeiter und um die komplette Lohnbuchhaltung gekümmert. Und ich habe geschrieben. Nebenher, abends, am Wochenende. Und gebloggt.

Und heute? Heute bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt (ins Lokale, nicht zur Kinderzeitung 😉 ). Und ich gehe meinem Beruf nach, wie ich atme und esse – ständig und selbstverständlich. Zwar arbeite ich auf dem Papier 60%, aber auch an meinen beiden freien Tagen lässt mich die Berufung nicht los. Und das ist für mich völlig normal und in Ordnung. Alles andere wäre für mich so, als würde man einem Pfarrer sagen, er brauche nur sonntags an Gott zu glauben.

Wenn ich einen Flow habe (und kreative Leute wissen, dass der nicht immer pünktlich mit der Stempeluhr kommt, der A…), setze ich mich hin und schreibe. Es ist mir völlig egal, ob dieser Elan meine drei vollen Arbeitstage trifft oder eben nicht. Einen Text zu schreiben, wenn man spürt, dass die Worte aus dem Kopf durch die Finger fließen und sich zu einem unterhaltsamen Ganzen fügen, ist, als würde man mit knurrendem Magen ein köstliches Essen vorgesetzt bekommen: Befriedigend, beruhigend, wunderbar.

Ich weiß, dass ich mit dieser Art zu arbeiten der Alptraum jedes Betriebsrats bin, der (sicher zurecht) darauf achtet, dass die Rechte von Arbeitnehmern gewahrt werden und der Ausbeutung Einhalt geboten wird. Aber was wäre für mich der Umkehrschluss? Der Blick in meinen Arbeitsvertrag und der tägliche pünktliche Feierabend? Würde ich tatsächlich mit diesem High-Gefühl nach Hause fahren, das nur kennt, wer etwas abgeliefert hat, hinter dem er voll und ganz stehen kann und sagen „Ich hab es so gut gemacht, wie ich kann.“

Es hat wenig mit Ehrgeiz oder Profilierungsbedürfnis zu tun. Und sehr viel mit einer Selbstverständlichkeit und mit einem Anspruch, mit denen ich alles in meinem Leben mache. Wenn ich Dinge nicht mit Hingabe erledigen kann, dann lass ich es. Und wenn das im Umkehrschluss bedeutet, dass ich bis elf in der Redaktion sitze, weil ich mit der Überschrift kämpfe – dann ist das so und resultiert aus meinem Selbstverständnis. Und dann würde ich niemals auf die Uhr schauen und überlegen, wie ich diese Überstunden minutiös wieder ausgleichen kann. Ganz grundsätzlich glaube ich nämlich aus vollster Überzeugung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn nicht jeder akribisch darauf achten würde, nicht zu kurz zu kommen, seinen Vorteil überall herauszuschinden und jede Leistung und jeden Gefallen anderen gegenüber aufzurechnen. Ich glaube nämlich auch an Karma und daran, dass gute und schlechte Dinge immer auf einen zurückfallen. Dann lieber die Guten.

Sicher gibt es eine Grenze, an der aus Überzeugung und Hingabe auch Überforderung und Selbstaufgabe wird. Sicher gibt es überall auf der Welt Kollegen, die mit halber Kraft arbeiten und sich im kuscheligen Wir des arbeitenden Kollektivs verschanzen. Denen der Flow fremd und der Feierabend heilig ist. Ich könnte mich über deren Einstellung ärgern. Ich könnte auch sagen, wenn die nicht wollen, will ich auch nicht. Ich könnte viel Zeit und Energie aufwenden in Vergleiche. Aber würde ich damit etwas ändern außer das Klima? Vermutlich nicht. Und deswegen hole ich in solchen Momenten tief Luft und besinne mich darauf, dass ich ich bin (was für ein Glück!) Ich muss nichts um mich herum in Ordnung bringen, ich muss mich nicht anpassen, nicht messen lassen an anderen Standards. Ich bin mein Maßstab.

Was ich nicht meine – Schlamperei hinzunehmen und stoisch zu decken. Manchmal muss man auch schwierige Situationen im Umfeld benennen und adressieren. Was ich aber durchaus meine: Sich nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen und mit gutem Beispiel vorangehen.

Dabei habe ich durchaus ein gutes Gespür dafür, wann ich anfange, mich an etwas zu verbeißen ohne weiterzukommen. Dann gönne ich mir die notwendige Zeit und den Abstand, lege das handy beiseite und genieße Zeit mit meiner Familie. Aber ich weiß genau, dass in meinem Kopf, wenn sich der Staub des Alltagsgeschäfts gelegt hat, wieder neue Ideen aufploppen, die mich mit Macht dahin ziehen, wo ich einfach hingehöre: An die Tasten.

 

Mütter – Helden mit sauren Haaren

Mama arbeitet Teilzeit. Klingt ein bisschen staubig. Deswegen sagen wir Frauen von heute, nachdem wir am Latte Macchiato genippt und bevor wir am Granatapfel-Macaron geknuspert haben ganz lässig „ich bin eine working mum“. Das hört sich verdammt nach Powerfrau an. Symbiose aus Mutter des Jahres und Karriere mit links.

Und wenn ich mir überlege, wie der Vormittag einer Working mum so aussieht, entsteht folgendes Bild vor meinem inneren Auge:

Es ist acht Uhr. Ich und mein gut gelauntes, munteres Vorzeigekind sitzen in der Küche. Selbige ist natürlich von mir am Vorabend nach 23 Uhr auf Hochglanz gebracht worden. Wir unterhalten uns über Jahreszeiten, über den Kindergarten oder über philosophische Fragen, die mein Kind gelegentlich in den Raum stellt. („Warum hat der Trockner kein Fenster, die Waschmaschine aber schon?“)Wir löffeln unser vollwertiges und irrsinnig schön angerichtetes Müsli aus selbstgemachtem Joghurt (Thermomix, mach ich selber, geht ganz fix), frischen Früchten (hab ich heute morgen im Garten gepflückt, nachdem ich eine halbe Stunde den Sonnengruß neben den wilden Himbeeren praktiziert habe, entspannt so schön morgens um sechs) und selbstgebackenem Crunchygranola (das back ich immer selbst, man weiß dann wenigstens, was drin ist und meine Familie isst das so gern). Bevor ich den Löffel in das Kunstwerk stecke, halte ich den Anblick natürlich noch für meine Instagram-Crowd fest (#breakfastgoals #foodporn).

In die Kindergarten-Bentobox schnibble ich den Rest des frischgeernteten Obstes, während sich mein Kind selbstständig und freiwillg in genau die Klamotten hüllt, die wir gemeinsam am Abend vorher zu einem hübschen Kleidermännchen drapiert haben. Die Zähne sind natürlich schon geputzt, die Haare zu frechen Zöpfen gebunden und überhaupt – eigentlich muss ich nur noch meinen neuen Herbstmantel überwerfen, die Cabrioschlüssel vom Brett pflücken und los geht es. Für das Kind in einen erfüllten Kindergartentag, für mich in einen erfüllten Arbeitstag.

Und während ich so über hättekönntewäre nachgrüble, holt mich die Realität ein. Mit dem Blick auf die obere rechte Ecke des Handydisplays. Es ist zehn Minuten nach halb neun. Seit einer halben Stunde kauere ich mit angezogenen Beinen und im Schlafanzug auf dem Küchenstuhl. Bei einer Tasse Kaffee habe ich das Internet leergelesen, nachdem ich das nervende Pfeifen der Spülmaschine erfolgreich abgestellt hatte. Wieso ist es jetzt schon so spät? Ich lege das Handy weg und rufe zum dreizehnten Mal mein Kind. Aus dem Kinderzimmer dringt unwilliges Brummen, dem dumpfen Ton nach aus den Tiefen von zwei Schichten Decke und Kopfkissen. Es klang sehr wenig nach „ja Mama, ich komme gleich“ und sehr viel nach „Quälerei! Kindergewerkschaft! Mittenindernacht!“.

Ich beschließe also, das vor sich hinweichende Müsli für das unwillige Kind allein zu lassen (Schokomüsli aus der Packung, ja gut, aber MÜSLI) und informiere den Deckenhaufen im Vorbeigehen, dass ich jetzt ins Bad und das unter Kuscheltieren begrabene  Kind dann eben alleine frühstücken müsse. Im Bad stoße ich auf einen Wäschehaufen, den ich seufzend in Richtung Waschkorb trage. Die rote Null auf der Waschmaschine möchte mir sagen, dass die nasse Wäsche gerne in den Trockner wechseln würde. Warum haben Waschmaschinen eigentlich Fenster und Displays? Ich lege die Schmutzwäsche zu ihresgleichen und beschließe, dass die nasse Wäsche ein bisschen warten kann, meine Dusche indes nicht.

Kaum stehe ich unter dem warmen Wasserstrahl, vernehme ich ein dumpfes Poltern aus der Küche. Der kleine Mensch scheint aufgestanden zu sein. Kurz versuche ich, mir keine Gedanken über die Ursache des scheppernden Geräuschs zu machen. Ein Marder auf dem Dachboden. Ein Erdbeben. Irgendwas belangloses. Jegliche Hoffnung auf ein gutes Ende wird durch ein langgezogenes „Maaamaaaa“ jedoch im Keim erstickt. „Mein Müsli ist runtergefallen“ ruft das Kind.

Ich spüle mir vor Begeisterung Shampoo ins rechte Auge und stolpere halbnass und heftig blinzelnd in die Küche, wo meine Tochter mit einem schiefen Grinsen und achselzuckend barfuß in einem Milchsee steht und gerade versucht, ein Stück Müslibrocken mit dem großen Zeh zu einem Fladen zu drücken. Unfreiwillig (weil impulsiv) ergeht eine gemäßigte Schimpfworttirade in der Küche nieder (man darf als Mutter ja nur Scheibenkleister sagen. Außer im Auto. Im Auto gelten andere Gesetze.) und ich hole einen Lappen, während ich das Kind nur mühsam davon abhalten kann, mit den nassen Milchfüßen über den Flurteppich zu laufen. Ich wische also Küchenboden auf und Kinderfüße ab und äußere zum wiederholten Mal die Bitte, sich anzuziehen. Meine Tochter verschränkt bockig die Arme und skandiert „ich. habe. aber. Hunger.“ während ich anfange zu frieren. Kurz denke ich darüber nach, einfach wieder ins Bett zu gehen. Mit einem tiefen, bedauernden Seufzer begrabe ich den Gedanken. Dann bugsiere ich die Kleine in ihr Zimmer und werfe Socken und Unterwäsche aufs Bett. „Ich will nicht diese Unterhose“ ist das letzte, was ich höre, bevor mein inneres Tsunamiwarnsystem die Melodie von Jeopardy abspielt. Das Wutgeheul ignorierend sorge ich für etwas räumlichen Abstand und ziehe ich mich an. Die Haare stehen mir sprichwörtlich zu Berge, da sie mittlerweile angetrocknet sind. Möglicherweise habe ich aber auch ein bisschen Müslimilch hineingeknetet. Die Uhr zeigt übrigens mittlerweile viertel nach neun. Kuriosität am Rande: Wenn ich mein Kind zur Eile mahne, passiert folgendes: Anweisungen wie „Zieh Dir bitte Deine Schuhe an“, die in Echtzeit in maximal zwei Minuten zu erledigen sind, nehmen allein durch den Hinweis, dass es eile, neue Dimensionen an. Klettverschlüsse machen Schuhe zu unüberwindbaren Hindernissen. Verrutschte Socken gar machen ein mehrmaliges An- und Ausziehen von Fußbekleidung unabdingbar.

Als wir im Kindergarten aufschlagen („wo sind meine Schüssel? Wo ist Dene Jacke? Warum hast Du nur eine Socke an?“) , ist es kurz vor zehn. Die Erzieherin lächelt wissend. Sie weist mich freundlich darauf hin, dass ich meine Bluse falsch geknöpft habe. Dass wir den Kindergartenrucksack mit dem hastig in Stücke gehackten Apfel im Treppenhaus vergessen haben, tut nichts zur Sache – die übrigen Kinder haben alle schon gegessen.

Ich verabschiede mich schweißgebadet von meinem Kind, das sich bester Laune an den Maltisch setzt. Das letzte, was ihre höre, sind die Worte „… und dann hab ich nicht mal ein Müsli gegessen.“

Kinder. Quell der Freude.

Liebe Tochter, solltest Du all das in ein paar Jahren lesen, sei versichert – ich liebe Dich. Von ganzem Herzen. Nicht trotz allem, sondern wegen allem. Weil Du mein Leben zu dem machst, was es ist – manchmal chaotisch und voller Trubel. Aber immer lebenswert und reich. Du lehrst mich Geduld und Langmut, Vertrauen und Dankbarkeit. Und nicht zuletzt, dass Milch in Haaren nach ein paar Stunden einen säuerlichen Geruch verströmt. Aber das ist am Ende unwichtig.