Der Venus‘ kleine Samstagskolumne

Ich bin ungeheuer treffsicher. Leider im negativen Sinne. Das beste Beispiel für diese wenig rühmliche Begabung ist die Schlange im Supermarkt. Samstags. Meinem Lieblings-Einkaufstag. Jeder kennt die Situation: Man steuert mit vollem Korb oder Einkaufswagen auf die Kassen zu. Taxiert die einzelnen Einkäufer und vor allem ihre Ausbeute: Getränkekisten- und Haushaltseimer-Käufer sind gut, das geht schnell. Zahnbürsten-, Katzenfutter- und Küchenkräuter-Käufer sind nicht unbedingt erste Wahl, da langsam. Also stelle ich mich an der Kasse meines Vertrauens an. Langsam aufs Ende zuschreitend, um im letzten Moment doch noch mal umdisponieren zu können, falls sich an anderer Stelle eine Vorwärtsbewegung abzeichnet. Denn steht man einmal, ist es äußerst verpönt, die Schlange nochmal zu wechseln. Man will ja nicht als hektisch gelten. Und dann kommt der eine Augenblick: Man steht am hinteren Ende einer Schlange und guckt sich seine Mitstreiter an – diejenigen links und rechts in den Schlangen, mit denen man sich im Vorwärtsrücken messen will. Diesmal bin ich die Schnellste. Ganz sicher. Ganz vorne in der Schlange ein junger Typ, mit Bravo und einer Flasche Cola, zittert gerade 10 Euro aus der Hosentasche. So wie der Schein aussieht, hätte ich ihm als Kassiererin das Gedöns lieber geschenkt, als den Lappen anzufassen. Mir egal, ich rücke vor. Der Herr links von mir auch. Die Frau rechts guckt angestrengt in eine andere Richtung. Ätsch.
Ich gucke wieder nach links und renke mir fast einen Wirbel aus dabei: Der blöde Kerl wird von der älteren Frau vor ihm vorgelassen. Das gilt nicht. Der ist raus aus dem Spiel. Er lächelt selig und bezahlt seine Nudeln, sein Bier und seine Stuttgarter Zeitung. Was es da wohl zu Essen gibt, überlege ich mir noch, da rückt auch meine Schlange wieder einen Meter nach vorne. Ich habe das Band erreicht und will gerade Klopapier, Paprika und Quark aufeinandertürmen, da sagt der grünpullovrige Rücken vor mir: „Moment, junge Frau, bei mir ist noch was im Eimer“. Bei mir ist jetzt alles im Eimer, möchte ich sagen, verkneife es mir aber. Und während die blöde Tussi rechts von mir ihr Katzenfutter, Puderdöschen und Nagellackentferner triumphierend aufs Band stellt, stellt der gutgelaunte Herr vor mir unter Beweis, was man so alles in einem Putzeimer unterbringt. Zahnstocher, Wattepads, Essigflasche, Mie-Nudeln, Ananas in Stücken, Putenschnitzel, Tiefkühlgemüse italienische Art, Zigaretten, Duschgel und Rasierklingen wandern ebenso aus dem Eimer wie eine Familienpackung Eis, eine Wendy und eine Bravo. „Und jetzt noch der Eimer“, sagt er zu mir und strahlt immer noch. Und während ich mich unwürdig über seinen Einkauf strecke, um einen Warentrenner zu angeln, sehe ich gerade noch, wie sich die Dame rechts von mir mit einem koketten Lächeln verabschiedet und sich an der Bäckerei in eine Schlange einreiht. Na warte. Da kriege ich Dich.

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