Ich, die…

…Außerirdische. So kam ich mir gestern (mal wieder) vor. Ich muss ein bisschen weiter ausholen. Einer der hartnäckigsten Mythen am Muttersein ist: Mamas, die den ganzen Tag um die Kinder herumwuseln, müssen eigentlich nur praktisch angezogen sein. Na gut, es ist ein halber Mythos, denn tatsächlich sitze ich nicht im bodenlangen Empire-Seidenkleid auf der Krabbeldecke, weil Hannah sich dann mehr für den Stoffberg als für die Klötzchen interessieren würde. Aber ich sitze auch nicht im Jogginganzug hier, weil der hauptsächlich für eines gemacht ist: Zum Sport. Als ich also gestern morgen zum Frisör (siehe: „Ach Du bist doch eh den ganzen Tag daheim, da muss die Frisur hauptsächlich praktisch sein.“ ARGH!) und anschließend zum Einkaufen in die Stadt ging, zog ich ein enges Jerseykleid in dunkelblau-rot-geringelt, dazu blaue Stiefel (immerhin isses Herbst) und einen Trenchcoat. Die Sonne kam raus und ich freute mich auf frische Luft und Abwechslung. Frische Luft gab’s, Abwechslung auch. Zwischen Turnschuhen und Crogs, zwischen Jogginghosen und ausgeleierten Jeans. Junge Frauen, Mädels, Frauen im Alter meiner Mama. In Softshell-Funktionsjacken. In Fleece-Jacken in violett. Mit fellbelegten Plastikschuhen in Schreifarben. Schlurfend. Ich sah unfreiwillige Bad-hair-Day-Frisuren, die noch keine Bürste gesehen hatten und rausgewachsene Ansätze. Abgesplitterten Nagellack oder – noch schlimmer – abgekaute Nägel.
Jetzt erzählt mir nicht: „Die haben halt keine Lust, sich groß zurechtzumachen.“ Es ist nämlich kein Mehraufwand, ob ich mich gut oder gruselig anziehe, es dauert immer gleich lang, nur das Ergebnis ist ein anderes. Es ist ihnen schlicht egal, weil die inneren Werte und so… Ganz ehrlich? Egal ob jemand berufstätig ist oder Mama, in Rente oder im Urlaub oder auf dem Weg zur Bank – er hat immer die Wahl, wie er aussehen möchte. Man kann mit wenig Geld schöne und mit viel Geld auch hässliche Sachen kaufen. Das zählt auch nicht. Jemand, der einfach nur schludrig herumläuft, ist sich im Inneren selbst nichts wert, möchte sich für sich selbst keine Mühe geben. Das ist so schade! Ich wollte diese Frauen schütteln und sagen „EY! Ihr seid Frauen! Ihr habt ALLE Möglichkeiten! Und da wählt ihr Jeans vom Gatten, Fleecepulli in Jägergrün und türkise Crogs?! WARUM?!“ Ich hab sie natürlich nicht geschüttelt. Ich habe mich geschüttelt. Im Innern. Und jetzt ihr: Bin ich die einzige, die dieses Phänomen beobachtet? Sind es die Ausläufer der Emanzipationsbewegung (wir wollen uns nicht zurechtmachen weil zu sehr Rollenklischee)? Ist langweilig und praktisch die neue Form des modischen understatements? Bin ich eine Außerirdische? (Die Antwort auf die letzte Frage ist jetzt nicht so sehr dringend.) Und wie finden Männer das Ganze?

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