Tüte?

Ich habe nicht viele Talente. Dennoch gelingt es mir hin und wieder, durch jahrelange Ignoranz dieses Umstandes und eiserne Disziplin mit Übung und Geduld den Eindruck zu erwecken, ich KÖNNTE das, was ich da tue, schon immer. Ich feile an meiner Ausführung, bis es für den Laien so aussieht, als würde ich das mit Links bewerkstelligen. Manches, was ich mir auf diese Weise im Laufe meines Lebens angeeignet habe, ersetzt blöderweise auch oft das, was alle anderen Menschen an meiner Stelle tun würden und was einfacher wäre. Ok, ich fasele.
Es geht ums Einkaufen. Wo andere Leute ganz einfach einen Euro aus ihrem Portemonaie in den Schlitz des Einkaufswagens versenken und dort alle Konsumgüter auftürmen und damit durch die Regallandschaft mäandern, gehe ich entweder mit einem Körbchen los oder noch lieber ganz ohne was. Wobei, ganz ohne trifft es nicht. Vorbelastet durch Geldbeutel, Handy und Schlüsselbund habe ich eigentlich schon gar keine Hand mehr frei, bevor es losgeht. Das alles nehme ich gerne in Kauf, wenn ich nur nicht einen schwergängigen Einkaufswagen durch den Laden schieben muss, der überall im Weg ist, sich aufgrund eines akuten Ölmangels mit einem nervtötenden Knarzen um jede Ecke quält und immer dann schwungvoll geradeaus fährt, wenn ich ebenso knarzend an seinen Führungsgriff geklammert am Abbiegen bin.
Ich betrat also mit Geld, Schlüssel und Telefon gehandicapt den Laden. (Telefon? Der geneigte Leser wird sich an dieser Stelle fragen, ob ich eine Börsenspekulantin bin, die dringend zwischen Sellerie und Weichspüler „VERKAUFEN, VERKAUFEN“ in den Hörer brüllen muss um finanziellen Schaden von den nächsten Generationen abzuwenden – nein, bin ich nicht. Ich bin manchmal einfach dösbaddelig und nehme zum Einkaufen alles mit, was mir wichtig erscheint. Deshalb hat auch ein MANN die Arche Noah gebaut).
Schon der Griff zur ersten Zucchini gestaltete sich schwierig, weil ich mir zunächst den Schlüsselbund an den Zeigefinger der Geldbeutel-und-Handy-Hand hängen musste. Daher führte mich mein nächster Gang einmal quer durch den Laden, denn ich erinnerte mich, dass das Toilettenpapier im Venus’schen Haushalt zur Neige ging. Und was eignete sich wohl besser als Trageablage, als eine Packung Toilettenpapier. Vor dem Regal angekommen musste ich die vier Dinge, die ich mittlerweile trug, kurz zwischenparken auf den Küchenrollen. Ich legte mir eine Packung Klopapier auf den linken Arm und versuchte meine Einkäufe und persönlichen Besitztümer gleichmäßig auf dem Klopapier zu verteilen. Behutsam wie einen Säugling trug ich die beladenen Rollen im Arm aber bereits an der ersten Ecke, wo die Abgeschiedenheit des Hygieneartikelregalgangs wieder in den reißenden Hauptstromzurkassegang mündet, rempelte mich der erste Einkaufswagen von links an. Die Zucchini kullerte derart massebeschleunigt nach rechts vom Klopapier, beschrieb, angefeuert von meinem rechten Ellbogen, einen eleganten Halbkreis durch die Luft und rollte unter den Aufsteller mit den Damensöckchen. Die Einkaufswagenbegleiterin entschuldigte sich wortreich und knarzte von dannen. Ich war allein gelassen mit meinen mittlerweile fünf Problemen. Als ich mich bückte und einen Arm notgedrungen unter dem Klopapier hervorziehen musste, um unter den Socken nach der abtrünnigen Zucchini zu tasten, rutschte als erstes der Geldbeutel von den Rollen, ihm folgte treu und brav das Handy und die Schlüssel konnte ich gerade noch stoppen, mittels der Zucchini in meiner Rechten, die von ihrem Einsatz hellgrüne und klebrig-blutende Wunden davon trug. Schnaufend erhob ich mich und machte mich auf zum Nudelregal. Die Spaghetti stabiliserten den Schlüsselbund zwar ein wenig, konnten jedoch nicht verhindern, dass sich zwei Meter weiter bei einem Ausweichmanöver die Zahnpastatuben auf und davon machten. Bis ich an der Kasse stand, hatte ich fast alle Supermarktbesucher kennen gelernt. Sie hatten mir Zucchini angereicht, „hoppala“ zugerufen und Zahnpastatuben mit dem Fuß gestoppt. Meine rechte Schulter schmerzte vom verkrampften Griff um die Klorollen und als ich alles mit einem Ächzen aufs Band fallen ließ, war ich einigermaßen erleichtert, den Einkauf hinter mich gebracht zu haben.
Als hätte ich bei meiner Jongliernummer durch den Laden nicht ohnehin schon genügend Aufmerksamkeit erregt, setzte der Ladeninhaber an der Kasse noch eins drauf. Ich hatte mich, da ich die Einkäufe während des Bezahlvorgangs ja wieder ordentlich und rutschsicher auf der Klopapierbasis auftürmen konnte, gegen eine Tüte entschieden. Umwelt und so. Dies quittierte der Jüngling am Scanner mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck, als hätte ich ihm eben angeboten, seinen Laden nach Feierabend nackt zu wischen. Ich bezahlte also und war grade im Begriff, mich der Backwarenauslage zuzuwenden, als er mir hinterher kam. Wortreich, so dass die wartenden Kunden in der Schlange unterhalten waren, malte er sich lautstark aus, was jetzt wohl alles passieren könne. Womöglich kullere mein Gemüse auf den Boden. Nicht auszudenken, wenn ich die Zahnpastatuben verlöre. Dabei koste eine Tüte doch gerade mal 15 Cent! Ich kam nicht mal dazu, mich aufzuregen über die Unterstellung, ich wäre schlicht zu geizig für eine Tüte, denn just als ich Luft holte, stand der zweibeinige Warenabscanner mit einem gewinnenden Lächeln neben mir, öffnete schwungvoll eine Tüte und begann, meine Einkäufe einzuräumen. „Service des Hauses“ meinte er mit einem Strahlen, als hätte er meine Zahnpasta innerhalb der letzten zehn Sekunden absorbiert. Ich griff sprachlos in den mir dargereichten Henkel und starrte dem davonwackelnden Kassenkönig nach und in die Gesichter belustigter Zuschauer. Ich brachte dank meiner Kinderstube gerade noch ein „danke“ heraus. Und schwor mir, beim nächsten Mal mein Klopapierkunstwerk nur noch dort zur Schau zu stellen, wo man solche Talente zu schätzen wusste.

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