Ein Bad ist ein Bad ist ein Bad…

…und allenfalls ein Ort der Körperhygiene oder Entspannung? Weit gefehlt. Unser Bad ist ein abenteuerlicher Ort voller spannender Dinger, voller unbekannter Gebilde und voller erkundungswerter Ritzen und Ecken. Jedenfalls aus Sicht eines kleinen Mädchens, das sich gerade anschickt, laufen zu lernen.
Es ist kurz nach acht, ich setze sie auf den Teppich und lege ihr Spielzeug hin. Der erste Denkfehler meinerseits. Wer würde sich denn für Dinge interessieren, die zum Spielen gemacht sind. Wo doch das ganze Bad voller Spielzeug ist.
Ich gucke also nochmal prüfend auf das kleine, unschuldig blinzelnde Wesen auf der Mitte des Teppichs und schließe die Türen zur Dusche. Das Rauschen des Wassers ist für Hannah eine Art Startschuss. Durch das Milchglas der Dusche beobachte ich, wie pinke Strumpfhosenbeine den Teppich in erstaunlicher Geschwindigkeit verlassen. Ich greife zum Shampoo. Von draußen dringt ein rhythmisches Geräusch an mein Ohr. Ich öffne die Tür der Dusche einen Spalt und linse hinaus. Von meinem Kopf rinnt Shampoobrühe in mein rechtes Auge und ich blinzle angestrengt. Das Geräusch kommt vom Föhn, an dessen Kabel Hannah begeistert ruckelt. Der Föhn seinerseits bewegt sich millimeterweise zur Kante des Regalbretts just über Hannahs Kopf. Gerade will ich rufend und wedelnd eingreifen, da lässt sie vom Kabel ab und krabbelt zurück zum Teppich, wo sie unschlüssig sitzen bleibt und ihr Spielzeug betrachtet. Ich schließe die Tür wieder und beginne, mein Auge zu spülen. Ich höre zufrieden, wie sie auf dem Display der Personenwaage herumklickt. Ob die Waage uns den kindlichen Angriff irgendwann übelnimmt – ich weiß es nicht. Aber ich weiß wenigstens, dass dem Kind in diesem Moment nichts auf den Kopf fallen kann, also lasse ich sie gewähren.
Ich beeile mich mit der Spülung und höre an ihrem begeisterten Quietschen und Plappern, dass sie sich auf den Weg quer durchs Bad gemacht hat. Mein Kopf taucht gerade unter den Brausestrahl, als mich ein kühler Luftzug umweht. Hannah hat die Türen der Dusche aufgedrückt, sitzt vor mir im Sprühregen und zieht amüsiert die Nase kraus. Ich gucke hektisch, ob Finger oder sonstige winzige Körperteile zwischen die Türen geraten könnten und schließe die Tür wieder. Draußen ist die kleine Miss not amused über derartige Restriktionen und patscht erneut mit beiden Händen gegen die Tür. Ich erkläre mir in der Dusche spülenderweise und laut (da Wasser in den Ohren) einen Wolf und renkte mir fast das Kreuz aus, um mit dem linken Knie die Türen am Aufschwingen hindern. Irgendwie scheine ich Spülung in den Mund bekommen zu haben. Schmeckt bitter. Hannah lässt nach einer Weile von der Tür ab und widmet sich der Toilette. Ich höre den Deckel zufallen. Einmal. Zweimal. Als sie die Klobürste aus der Halterung ziehen will und das ganze Gestell umzukippen droht, ertönt mein Gebrüll aus der Dusche – „HANNAH LASS DAS STEHEN, DAS IST PFUI!“ Hannah dreht sich erschrocken um, erspäht dann die offenen Türen meiner Dusche und fühlt sich eingeladen, wieder mitzuduschen. In ihrem Geheul schwingt ehrliche Empörung mit, als ich die Tür hektisch vor ihrer Nase wieder zumache.
Ich spüle mir die Spülung aus Haaren, Augen und Mund und angle seufzend die Waschlotion aus dem Körbchen. Meine Gedanken schweifen gerade ab und kreisen ums Mittagessen, um den Artikel, den ich noch schreiben sollte und um den Abend, als mich die Erkenntnis wie eine eiskalte Hand umklammert. Draußen ist es still. Wer Kinder hat, weiß: Plötzliche Stille ist nie gut. Ich reiße also die Tür wieder auf und sehe gerade noch, wie der komplette Deckel des Babyöls in Hannahs Mund verschwindet. Nun. Bio-Mandelöl hört sich offenbar leckerer an, als es schmeckt und das Kind gibt die Flasche freiwillig wieder her. Nur die Finger scheinen ölig geworden zu sein, wie die Abdrücke der kleinen Hände auf den weißen Fliesen im Morgenlicht beweisen. Nur gut, dass meine Kleidung in Reichweite ist (Moment, hab ICH die auf den Boden gelegt?) und dankbar das Mandelöl von Hannahs Fingern aufnimmt. Als ich endlich fertig bin und aus der Dusche steige, sitzt sie in der Mitte des Teppichs mit dem Hosenbein meiner Jeans als Stola und betrachtet gedankenverloren den grünen Plastikfrosch, der zur Kategorie Spielzeug zählt. Ich föhne meine Haare halb trocken, klaube den fehlenden Teil meine frischen Klamotten unter dem Badschrank hervor, wo ich auch ein vermisstes Schlafanzugoberteil finde, räume das Spielzeug wieder ein und nehme das Kind auf den Arm. „So Hannah, jetzt hab ich Zeit für Dich. Spielen wir jetzt was?“ Hannah guckt mich ausdruckslos an. Dann zeigt sie auf die Wohnungstür und sagt sehr bestimmt: „OPA“. Vielen Dank auch.

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