An Tagen wie diesen…

Ich habe schlecht geschlafen. Und viel zu wenig. Erst in den frühen Morgenstunden bin ich dann endlich weggedämmert. Ich hatte Bilder vor meinem inneren Auge, die mich nicht loslassen wollten. Das grüne Oval eines Fußballstadions in Paris, das sich irgendwann immer weiter leerte. Live-Schaltungen, bemühte Sportreporter, die plötzlich mit ganz neuen, traurigen Aufgaben betraut waren. Blaulicht, Straßensperren. Paris hat einen Terroranschlag erlebt. Wieder.

Als wir Stunden davor das Fußballspiel mehr nebenher als aufmerksam anguckten, schreckte ich von meiner Lektüre auf. Im Stadion war ein Knall zu hören gewesen. Auch die Spieler auf dem Platz wirkten einen Moment irritiert. Plötzlich las ich dann die ersten Nachrichten auf twitter. Von Schießereien in Paris war die Rede. Es gebe womöglich Tote. Dann hieß es, vier Menschen seien ums Leben gekommen.

Wir machten uns auf den Weg ins Bett. Was dann geschah, sorgte dafür, dass ich nicht in den Schlaf fand. Aus vier Toten wurden 18. 30. 40. Eine Geiselnahme wurde vermeldet, zunächst gerüchteweise, dann als dramatische Gewissheit. Die Zahl der Toten wuchs auf über 100. Wir guckten Liveschalten, starrten auf den Twitter-Feed und schwiegen.

Heute morgen war der Schrecken sofort präsent beim ersten Augenaufschlag. Der erste Blick ins Netz machte das Ausmaß des Grauens deutlich. Attentäter haben wehrlose, arglose, unschuldige Menschen ausgelöscht. Mittlerweile 128, vermutlich werden es noch mehr sein.

Das Netz überschlägt sich mit einer Welle der Anteilnahme. Ich mag mich nicht in die prayforparis-Posts einreihen. Was nicht heißt, dass meine Betroffenheit nicht genau so groß ist. Mit welchem Recht werden Menschenleben beendet im Namen einer Religion? Terrorismus hat keinen Glauben. Die Attentäter sind keine Gläubigen, sondern Fanatiker, erfüllt von blindem Hass.
Und auch wenn ich mich auch heute, am Tag danach, hier bei uns im Dorf, in relativer Sicherheit wiege – was bleibt, ist die Sorge. Über uns wird eine Welle brauner Brühe hereinschwappen, die „wir haben es euch doch gesagt“-Rufe werden jetzt schon lauter. Ausgerechnet in Zeiten, in denen wir uns mit Händen, Füßen und Stimmen gegen den braunen Mob wehren müssen, der unser eigenes Land unterwandert, sorgt ein Terrorakt im Namen des Islam (vermeintlich) für Wasser auf die Mühlen derer, die von Sozialneid zerfressen gegen Flüchtlinge stänkern. Quo vadis, Welt? Was bringt die Zukunft?

Ich gucke meine Kleine an und sie fragt „Mama, was ist denn los?“ Ich wünschte, ich könnte ihr diese Frage beantworten. Heute, an diesem merkwürdig stillen und beklommenen Tag. Heute ist hier kein Platz für launige Familiengeschichten. Was lost ist, auf dieser Welt? Ich weiß es nicht. Aber es macht mir Angst. Die ich nicht zulassen will, denn genau das ist der Plan der Attentäter.

Das einzige, was ich tun kann, ist mein Kind mit all meiner Liebe, mit Worten und mit Vorbildcharakter zu einem offenen, herzlichen, empathischen Menschen zu erziehen, der ohne Vorbehalte und Vorurteile auf andere zugehen kann, ohne erst das Böse und Schlechte in ihnen zu suchen. Zu einem Menschen, der gibt und hilft, wenn er die Möglichkeit hat, ohne zuerst an seinen Vorteil zu denken. Zu einem Menschen, der vor allem eins ist – ein Mensch.

5 Antworten auf „An Tagen wie diesen…“

  1. Ich bin SO bei dir! Die Attentate sind natürlich Wind auf die Mühlen der „braunen Brühe“ (wie du sie betitelst). Beim eigenen Kind ansetzen, dass ist auch das was mir einfällt. Ich spreche ganz viel mit meiner Tochter. Über Ausländer, Flüchtlinge etc. Schlimm genug, welche Aussprüche von Klassenkameraden sie mir manchmal erzählt. Sich versuchen in die anderen Menschen hineinzuversetzen, sozial sein, Hilfe anbieten – damit kann man nicht früh genug beginnen.
    Liebe Grüße
    Jutta

    1. Und sie können es nur können, wenn man es ihnen selbstverständlich vorlebt. Niemand wird mit Vorurteilen und Misstrauen geboren. Ich bin froh, dass die Bloggerszene da so deutliche Worte findet und dass ganz viele so denken wie wir!
      Danke für Deine lieben Worte Jutta!
      Nicole

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