Ohne Worte, aber voller Fragen…

Ihr Lieben, eigentlich wollte ich mir heute einen Tag blogfrei nehmen. Ihr wollt ja auch mal Ruhe vor mir, ne? Aber dann ist gestern Abend etwas passiert, das mich tief bewegt. Ich habe, als ich endlich im Bett lag, eingekuschelt, müde, lang nach Mitternacht (das Kind hatte eine Magenverstimmung und wir mussten das Bett abziehen und baden, fragt nicht…) bei einer lieben Mitbloggerin den Satz gelesen, der mich schlagartig ins Hier und Jetzt zurückgerissen hat. Ich las: „… als ich vom Freitod (setze den Namen eines langjährigen, vielleicht sogar meines ersten Blogfreunds auf blog.de ein) erfahren habe …“

Ich las den Satz nochmal. Freitod. Den Namen. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Ich habe sie noch in der Nacht angeschrieben, sie hat heute morgen geantwortet. Es scheint zu stimmen. Ein Blogfreund, den ich zwar nur aus dem Internet kannte, der mir aber über fast zehn Jahre ans Herz gewachsen ist, hat sich das Leben genommen. Ich scrolle mich seither immer wieder durch sein Blog. Ich lache über seinen Humor, ich staune über seine Wortwahl, ich bewundere seinen Feinsinn und amüsiere mich. Und gleichzeitig sagt die Stimme in meinem Kopf: Er ist nicht mehr da. Ich habe in den letzten Wochen einiges auf seinem Blog verpasst. Und ich kann noch nicht begreifen, dass es keine neuen Einträge mehr geben wird.

Warum er es getan hat, weiß wohl nur er selbst. Ich weiß, dass er allein gelebt hat und vermute aus dem, was er geschrieben hat, dass er diesen Zustand gerne geändert hätte. Seit wir Blogfreunde sind, hatte er meines Wissens aber nie eine Beziehung. Er war ein heller Kopf, beruflich vielseitig engagiert, mit dem man sich wunderbar in Kommentaren batteln konnte. Politisch haben wir uns auf zweierlei Gleisen bewegt, aber die Diskussionen mit ihm fand ich immer fruchtbar und fair.

Nach außen hin, jedenfalls auf seinem Blog, war für keinen erkenntlich, dass es in ihm viel dunkler und trauriger gewesen sein muss, als er es gezeigt hat. Dass ausgerechnet er so aus dem Leben geht, hätte ich mir niemals vorstellen können. Aber oft sind es die klügsten, humorvollsten Menschen, die mit den Schattenseiten des Lebens nicht zurecht kommen. Die andere zum Lachen bringen, obwohl sie selbst jemanden bräuchten, der für sie da ist.

Ich werde ihn nicht vergessen. Ich werde seine spitze Feder, seine freche Klappe und seinen feinen Sinn für die Worte zwischen den Zeilen nicht vergessen. Ich bin unfassbar traurig, dass dieser Weg für ihn der einzig gangbare war. Dass er im echten Leben offenbar keine Möglichkeit hatte, Hilfe für sich in Anspruch zu nehmen.

Was nun? Ich werde die nächsten paar Tage sicher oft an ihn denken. Und ich werde die Erkenntnis mitnehmen, dass es für manche Dinge einfach mal zu spät sein kann. Ich werde noch mehr als bisher versuchen, Menschen nicht warten zu lassen, die mir wichtig sind. Vielleicht hätte es ihn überrascht, dass so viele Menschen da draußen im Internet tieftraurig darüber sind, dass er sich das Leben genommen hat. Wir können es ihm nicht mehr sagen. Lieber Georg, ich hoffe, Du hast Deinen Frieden gefunden. Ich werde Dich vermissen.

6 Antworten auf „Ohne Worte, aber voller Fragen…“

  1. Du hast ja vermutlich meinen Kommentar bei Milla gelesen – ich kann nur sagen: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an denjenigen in meiner Familie denke, der sich das Leben genommen habe. In Liebe, durchaus auch manchmal im Ärger. Aber eben jeden Tag. Ich bin traurig – aber ich trauere nicht mehr. Ich respektiere die Entscheidung. Aber ich erinnere mich – jeden Tag.
    Wir sollten an Gerald auch oft denken – in Freundschaft, in Respekt, bei Gelegenheiten, bei denen wir sonst vielleicht einen Kommentar an ihn geschrieben hätten. Ihn in Erinnerung behalten.
    Vielleicht wußte er nicht, wie sehr wir ihn mögen – vielleicht hatte es an diesem Punkt auch keine Bedeutung für ihn.

    Wir wissen ja nicht, ob und wenn ja was nach dem Tod kommt – wenn etwas kommt – dann sagen wir uns: Wir werden irgendwann wieder gemeinsam lachen. Und wenn nicht – dann sagen wir uns: Das jetzt war für ihn nicht so, daß er hätte bleiben wollen – darum hat er sich entschieden, es zu verlassen.

    1. Ich habe ihn gelesen und ich stimme Dir im Großen und Ganzen zu. Es war seine Entscheidung und es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig, als sie zu akzeptieren. Trotzdem glaube ich, dass für viele Menschen die Selbsttötung keine freie Entscheidung ist, sondern der letzte Ausweg, aus einer Situation, die sie nicht ändern und verbessern können. Inwiefern sie dann freiwillig aus dem Leben scheiden, ist eine Ansichtssache. Ich habe deswegen den Begriff Freitod bewusst gemieden, weil ich wie gesagt nicht sicher bin, wie frei die Entscheidung ist. Traurig bin ich trotzdem. Weil das Gefühl bleibt, im wahren Leben habe jemand gefehlt, der die innere Einsamkeit hätte sehen und verstehen können.
      An ihn denken werde ich sicherlich oft.

  2. Tieftraurig und schockiert bin ich auch. Mir geht es genauso wie Dir – ich ahnte nicht, wie düster das Leben für ihn gewesen sein muss. Manchmal hat das durchgeschimmert (an den Todestagen seiner Schwester) – aber ich dachte halt, dass jeder mal schwarze / schwere Tage hat.

    Das Wort Freitod hatte ich gewählt, weil es seine persönliche Entscheidung war. Einfach als Gegensatz zu „(körperlich) krankheitsbedingter Tod“. Das Wort „Freiheit“ sehe ich darin nicht. Wie frei die Entscheidung war, kann ich nicht beurteilen.

    Wir hatten ihn noch zu uns eingeladen – aber er wollte darauf nicht recht eingehen. Gedacht habe ich mir dabei auch nichts. Aber jetzt bedauere ich es sehr, ihn nicht darauf festgenagelt zu haben. Er war auch einer meiner ersten Blogfreunde.

    Ich vermisse ihn sehr.

    1. Ja, ich auch. Ich bedaure, dass ich ihn nie persönlich getroffen habe. Ich werde an seinem Weggang noch eine Weile irgendwie zweifeln, weil ich es schlicht nicht glauben will. Er war eine feste Instanz im Blogland. Und jetzt fehlt er.

  3. Es ist ein ausgesprochen heikles Thema – zumal von Nicht-Betroffenen gerne impliziert wird: Jemand hätte doch was merken müssen. Unausgesprochen dann auch gerne: Warum hat denn die Familie nichts gemerkt und dagegen getan.

    Hinzu kommt, daß nach wie vor viele Menschen das Gefühl haben, daß sie sich schämen müssen, wenn in der Familie ein Freitod geschehen ist. Also wird es verschwiegen. (Hier sehe ich als abschreckendes Beispiel übrigens den Priester, den eine Verwandte aufsuchte wegen des Suizids in unserer Familie – der im Gespräch dann quasi meinte – na ja – also gottlos gestorben. Die war danach verstörter als vorher. Kein Wunder, wenn das dann unter der Decke gehalten wird. Die Verwandte spricht heute auch im Bekanntenkreis nur von einem Herzinfarkt….)

    Und an diesem (unausgesprochenen) Vorwurf zerbrechen viele Angehörige. Daraus resultieren auch meßbar höhere Suizid-Raten bei Familien, in denen es schon einen Suizid gegeben hat.

    Wir hatten damals viele Gespräche – in der Familie, mit „Fachleuten“, aber – und das muß ich hier auch positiv hervorheben – und es ist nicht selbstverständlich – mit der Polizei. Und von allen Fachleuten kam einhellig: Stellen Sie sich nicht die Frage, wo sie etwas möglicherweise versäumt haben.

    Es mag sein, daß sich jemand das Leben nimmt, weil er sich einsam fühlt, weil er keinen Sinn sieht. Nur – das sind eigentlich nie Situationen, die sich einem anderen ebenfalls so darstellen.

    Wir sehen niemandem in den Kopf und ins Herz. Aber wir können uns zermürben, wenn wir uns unser Leben lang fragen, ob wir etwas versäumt haben und uns Vorwürfe machen.

    1. Ich weiß, liebe Wendy. Ich hab es selbst erlebt. Niemand hat hinter die lustige, gesellige Fassade gesehen. In meinem Fall hat er den Selbstmordversuch überlebt mit schrecklichen Verletzungen, deren Spätfolgen heut noch zu sehen sind. Niemand hatte etwas geahnt. Aber zurückblickend sind uns viele Momente bewusst geworden, an denen er schwermütig wirkte. Nur, jeder hat solche Phasen. Die einen überstehen sie, andere zerbrechen daran. Ich muss zugeben, dass mir in meiner Hilflosigkeit die Worte fehlen. Schuld hat garantiert niemand. Ich finde es einfach tragisch, dass er sich so entschieden hat, aus welchen Gründen auch immer. Dass ihn das Leben, seine Hobbys, seine Bücher, die ganzen positiven Dinge nicht halten konnten. Nicht mehr, nicht weniger.

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