Kontrolle ist besser?

Es ist kurz nach 22 Uhr. Ich liege in der Besucherritze des Kinderbetts und warte auf das Sandmännchen. Das kleine Mädchen neben mir hat es mit dem Einschlafen noch nicht so eilig und erzählt noch wilde Geschichten. Ich gucke auf die Uhr des Handys. Schon fünf nach zehn. Wo bleibt der Mann des Hauses eigentlich? Um halb zehn hatte er gesagt, er gehe noch kurz den Anhänger ausladen. Was dauert da so lange? Das Tochterkind zuppelt an der Bettdecke, strampelt sie weg, zieht sie wieder her. Die Hitze des Sommertages hat sich in unserer Dachwohnung gesammelt und drückt auf uns. Ich schiele im Dunkeln wieder aufs Handy. „Na, klappt alles? Wo bleibst Du denn?“ – Ich beobachte die beiden grauen Pfeile, die mir signalisieren, dass die whatsapp-Nachricht nicht gelesen wurde. Mittlerweile lädt der Mann eine Dreiviertelstunde einen Anhänger aus. Vielelicht räumt er noch etwas auf. Ganz sicher tut er das, sage ich mir. Dabei war er vorher schon total müde. Die Pfeile sind immer noch grau. „Hallo, alles klar?“ schiebe ich nach. Graue Pfeile. Neulich hat er sich abends beim Sprung vom Hänger die Bänder im Fuß angerissen und konnte minutenlang nicht mehr aufstehen. Ich spüre, wie die Unruhe in mir hochkriecht, ohne, dass ich mich wehren kann. Vernunft, Rationalität – sie kommen nicht mehr zu mir durch. Ich gucke die grauen Pfeile an und kann die düsteren Bilder in mir nicht mehr unterdrücken. „Wo ist der Papa?“ fragt das Kind neben mir, als könnte es Gedanken lesen. „Der kommt sicher bald“, sage ich und weiß, sie ist mit der Antwort nicht zufrieden. Die Angst legt sich um mich, wie ein kalter Mantel. Ich schimpfe mich albern und doch: Zuletzt online 21:34 steht da. Ich lausche ins Dunkel hinein. War das ein Auto? Es ist vorbeigefahren. Es geht mittlerweile auf halb elf zu und meine Tochter ist in einen leichten Schlaf gefallen. Ich linse wieder auf das Display. Die grauen Pfeile machen mich wütend. Warum zum Kuckuck sagt er nicht wenigstens kurz Bescheid, dass alles ok ist? Zwei Minuten später dann – ich höre die Haustüre. Leise schleiche ich mich aus dem Kinderzimmer und falle ihm erleichtert um den Hals. Er guckt mich völlig entgeistert an und sagt: „Ich hab halt geguckt, dass ich fertig werde. Was soll denn sein?“.

Am anderen Morgen sitze ich beim Kaffee. Alles ist wie immer. Aber ich denke über die Freiheiten nach, die uns die moderne Kommunikation bietet. Ich kann mich mit meinem Handy in fremden Städten zum Stadtkern und zurück navigieren. Ich kann mich in eine Kirche setzen und mir sämtliche historischen Daten des Bauwerks aus dem Netz holen, während ich dort sitze. Ich kann damit Bahntickets buchen, Ausflüge planen, mich mit Freunden vernetzen. Aber es macht mich auch abhängig. Wie hätte ich die Situation am Abend vorher wohl vor zehn Jahren erlebt? Ich hätte einfach gewartet. Ich hätte nicht versucht, den Online-Status meines Mannes zu interpretieren, weil es keinen Online-Status gab. Er wäre heimgekommen, ich hätte gesagt „hat ja ganz schön lang gedauert“. Fertig. Ist es also ein Gewinn für mich, immer zu sehen, ob er grade aktiv ist, ob er antwortet, ob alles ok ist? Nein, definitiv nicht. Denn die Fehlerquote dieses Kontrollinstruments ist irrsinnig hoch und meine Fantasie sehr ausgeprägt.

Kennt das außer mir noch jemand? Zunehmende Kontrollitis durch moderne Kommunikationsmedien? Wie geht ihr damit um oder beobachtet ihr das Phänomen gar nicht? Erzählt’s mir.

Eine Antwort auf „Kontrolle ist besser?“

  1. Ich kenne es! Aber keine Sorge, nicht von mir. Ich nutze das schon auch mal, um zu sehen, wann jemand online war oder auch, ob meine Nachricht gelesen wurde, kein Thema. Aber (ich sage es mal so) in begründeten Fällen, in Situationen, wo ich z.B. eine Info verschickt habe und der Empfänger die auch gelesen haben sollte, weil es wichtig ist. Klar, man kann da auch telefonieren, das steht außer Frage. Aber ich kenne schon einige Leute (mich eingeschlossen), die eben nicht andauernd das Telefon am Mann haben (es gibt – das weiss ich aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis – genug Leute, die das Teil mit aufs Klo schleppen und auch nachts nicht ausschalten) oder es auch nicht immer hören (auf dem Bau z.B.). Da kann ich halt sehen, ob sie es gelesen haben bzw. online waren oder ich da nochmal nachhaken muss. Ich habe aber auch kein Problem, das anders zu handhaben. Da ist wohl auch für jeden eine andere Lösung die optimale.
    Ich habe aber auch eine gewisse Allergie auf Leute, die das übertreiben. Wir haben eine Freundín (an die musste ich am Anfang meines Kommis nämlich sofort denken), die hatte eine Zeitlang da eine wirkliche Macke und war nur damit beschäftigt, wann wer was gelesen hat, online war und warum dann noch keine Antwort kam. Als sie mir irgendwann eine WhatsApp schickte, ich die zwar kurz als Vorschau sah, aber gerade beim Mittagessen war, habe ich diese ignoriert. Keine 5 Minuten später klingelte das Handy, habe ich auch ignoriert. 3 Minuten später das Festnetz und die erste Frage war, ob ich die Nachricht schon gesehen hätte. Ich habe dann nur (ein wenig unwahr) geantwortet, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die das Handy mit zum Schei..en schleppen.
    Mir gegenüber hat sie dann diese Lektion begriffen, gesagt hatte ich ihr das auf etwas weniger direkte Weise nämlich schon mehrfach… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.