Erziehungsratgeber: Wie man sich gründlich den Tag versaut. Oder eben nicht.

Liebe Eltern, es gibt viele Möglichkeiten, sich den Tag mit Kleinkind so zu gestalten, dass man ihn abends mit dickem Schwarzstift aus dem Kalender streichen will. Daher heute: Wie man sich den Tag mit Kind gründlich verhunzt in wenigen, einfachen Schritten.

Aufstehen und Frühstücken.

Bei uns bietet bereits das Frühstück dafür viel Potential. Das Kind kommt erst nach der fünfzehnten Aufforderung aus dem Bett. Aber es kommt nicht in der Küche an. Dazwischen legt es sich bäuchlings in den Flur und schneidet im dortigen Spiegel Grimassen. Mutter: Atmet zum ersten Mal tief durch. Irgendwann schaffen wir es gemeinsam an den Frühstückstisch. Während ich meinen Kaffee noch gut warm trinke, legt das Kind vor allem Wert auf Gemütlichkeit. So zelebriert es die Tasse Milch mit einer Ausdauer und in stoischer Gelassenheit, die man allenfalls für das Ertragen von  Wagner-Opern braucht. Ich räume derweil den Tisch ab, schreibe Einkaufszettel, lade den Kamera-Akku, räume die Spülmaschine aus und wieder ein, mache die Betten, dusche, ziehe mich an und bin dann pünktlich zum du-hast-ja-immer-noch-einen-Schluck-Milch-in-der-Tasse wieder in der Küche. Und als hätte ich damit das Karma gereizt, fuchtelt das Kind in einer erklärenden Geste die Tasse vom Tisch und der letzte, erstaunlich üppige Schluck ergießt sich über den Tisch und auf Papas Sitzkissen, wo er sich kurz zu einem weißen Tümpel sammelt, bevor er im Polster verschwindet. Mutter: Schimpft und atmet dann ein weiteres Mal tief durch, bevor sie das Kissen mit anderer Wäsche in die Maschine stopft und die Trommel anwirft.

Aus dem Haus kommen.

Seit dem Aufstehen sind anderthalb Stunden vergangen und der Pressetermin rückt näher. Das Kind erzählt beim Wickeln und Anziehen die Story vom Pferd und kann unter gar. keinen. Umständen ohne dieses eine bestimmte Buch aus dem Haus gehen. Mutter: Sucht das Buch in einem Haufen Kinderlektüre, packt es schweratmend in den Korb zu Block, Stift und Kamera und vergisst den Einkaufszettel. Das wird sie aber erst viel später merken.

„Hol mal bitte Deine Schuhe“, ermahne ich bereits zum fünften Mal. Das Kind sitzt in plötzlicher taubstummer Paralyse auf dem Bett und starrt auf eine Buchseite. Ich schlüpfe in Pumps, schnappe nach prüfendem Blick aus dem Fenster eine große und eine kleine Jeansjacke vom Haken und sage, was ich nie sagen wollte: „Wenn Du jetzt nicht kommst, gehe ich alleine!“ Das Kind springt auf, guckt empört und sagt mit gedehnt nöligem Tonfall „ich. KOMM. doch. schon.“ Wie gut, dass mir bis zur Pubertät noch etwas Regenerationszeit bleibt.

Unterwegs mit Kind.

Beim Termin angekommen, wird schnell klar – zwar finden sich Gesprächspartner und Rahmenprogramm, aber die angekündigte Hauptattraktion findet erst eine Stunde später statt. Ich hole ganz tief Luft und plane neu. Dirigiere das irritierte Kind („Mama, bist Du fertig?“) wieder durch das Markttreiben zum Auto zurück. Protest bleibt nicht aus, weil „ich will doch was einkaufen hier!“ Eingekauft wird dann spontan im Supermarkt. Ohne Zettel und – um es richtig spannend zu halten – auch ohne Einkaufswagen, in den man das Kind hätte setzen und damit vom bunten Warenangebot fernhalten können. So gehe ich die Regale ab begleitet von Sätzen wie „bitte lass das stehen“, „bitte leg das wieder hin“, „nein, wir brauchen keine duftenden Slipeinlagen“, „SLIP-EIN-LA-GEN heißen die, nicht Schlippenwagen“, „Ja, die Schachtel ist schön pink“, „nein, ich brauche die trotzdem nicht“, „nein, DU brauchst die auch nicht“, „nein, das sind keine Pampers“, „KOMMST. DU. JETZT. BITTE.“ Natürlich vergessen wir was. Es fällt mir ein, als ich mich nach dem Anstehmarathon und dem Kinder-übern-Parkplatz-zerren („Du bleibst an meiner Hand, hier fahren bekloppte Rentner mit ihren Geländewägen rückwärts ohne zu gucken!“) wieder ins Auto plumsen lasse. Plötzlich erscheint mir Butter absolut verzichtbar.

Wir machen uns ein zweites Mal auf zum Termin. Die Hauptattraktion findet nun statt und es stellt sich heraus, dass das Kind zwar keine Angst vor Spinnen, Echsen und Schlangen hat, wohl aber vor Männern, die sich zum Märchenerzählen in ein rosa Feenkostüm zwängen. (Ja, ich habe einen sehr bunten Beruf, der mein Absurditätsempfinden echt ausgeleiert hat.) So wechsle ich zwischen zuhören, Kind beruhigen, aufschreiben, fotografieren, Kind ins Ohr flüstern, Kind wieder einsammeln und höflich lächeln, bis sich die Aufwand-Nutzen-Bilanz für mich ausbalanciert anfühlt. Das Kind hängt im 45-Grad-Winkel an meinem Arm und skandiert „Ich will jetzt gehen. Mama ich will jetzt gehen. MAMA ich will JETZT GEHEN.“

Auf dem Heimweg hat das Töchterchen plötzlich die Erzählplatte wieder aufgelegt und fragt mir Löcher in den Bauch. Die zu schreibende Geschichte, die sich in Sätzen in meinem Kopf zu formulieren beginnt wird unterbrochen von „Mama, da war ein Bagger. Mama, was macht der da? Mama, ein Polizeiauto! Mama, gehen wir nochmal einkaufen? Mama, Du hast die Butter vergessen. Mama? MAMA?“

Und Mama? Atmet. Ein. Aus. Hört ihre innere Stimme sagen „wir räumen das Zeug in den Kühlschrank, dann wird gegessen, dann ist Mittagsschlafenszeit. Schlafenszeit. Schlafen. Bald.“ Und das Kind? Verkündet bei der Einfahrt in die Garage sehr überzeugend: „Mama, nachher helf ich dir tippen. Ich geh nämlich heut nicht ins Bett!“l

Eigentlich ist das nicht mal ein besonderer Morgen. Es ist unser Alltag. Neulich habe ich auf einem Blog den tollen Satz gelesen: Unser Alltag ist ihre Kindheit. Sie kann nichts für meine Termine. Sie kann nichts für meine Zeitplanung. Sie muss sich immer fügen. Und deswegen habe ich es mir abgewöhnt, mich über Kleinigkeiten aufzuregen. Hier wird nur geschimpft, wenn es absolut nicht anders geht. Denn wir können das Leben schwermachen und uns über Kleinigkeiten aufregen. Nur ändern werden wir sie nicht können. Eine Schimpftirade wird die Milch nicht wieder aufwischen. Sie wird auch das ungeduldige Kind nicht plötzlich ZEN werden lassen. Sie wird uns nur die gemeinsame Zeit vergällen. Und das ist auch mein Rat an alle Eltern – manchmal ist es nervig, wenn man selbst zu tun hat und die Brut grad heute auf Krawall gebürstet zu sein scheint. Aber manchmal gelingt es mir, die Welt mir ihren Augen zu sehen. Und dann wird aus der Welt tatsächlich wieder ein Abenteuerland und aus der Zeit ein sehr dehnbarer Begriff. Ich genieße es, so lange es anhält. Der Erwachsenenalltag hat mich viel zu schnell wieder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.