„Kommt denn der alte Holzmichel bald“ … Neues aus dem Wartezimmer

„Früher haben wir Kinder halt geboren, nicht gegoogelt.“ An diesen Spruch meiner Mama musste ich heute denken, als wir beim Kinderarzt im Wartezimmer saßen. Damals, in meiner Schwangerschaft, beschloss ich nämlich auf mütterlichen Rat hin, das was-könnte-sein-und-was-wäre-wenn-Suchen im Netz einzustellen, wenn es mal wieder im zunehmend kugeligeren Bauch irgendwo zwickte. Das brachte mir die nötige Ruhe und das Körpergefühl wieder, das der Kopf manchmal übertönt.

Hätte ich also im Vorfeld nicht gegoogelt, was einen bei der U7a-Untersuchung so erwartet, wäre ich heute bedeutend entspannter gewesen. Das Kind war heute morgen guter Dinge und ich eröffnete ihm beim Frühstück, dass wir in die Stadt gehen und kurz beim Kinderarzt vorbeigucken. „Bin ich krank?“ fragte es. „Nein, der Doktor will nur gucken, ob mit Dir alles in Ordnung ist“, sagte ich. In ihrem Blick las ich sehr deutlich: „Ich halte das für absolut überflüssig.“

Dennoch versuchte ich mein Mädchen zu motivieren, auf womöglich gestellte Fragen zu antworten und bei allen Tests, die heute so anstünden, möglichst mitzumachen. Ich war anfangs auch noch völlig hin und weg von meiner Kurzen, denn als wir nach kurzer Wartezeit im Behandlungszimmer saßen, redete sie ohne Punkt und Komma, erklärte mir die Bilder an der Wand und die Geräuschkulisse auf der Straße unten, fragte nach dem Computer und nach der Behandlungsliege und wollte wissen, ob der Arzt auch mich untersuchen würde. Irgendwann begann sie zu summen, dann zu singen. Als sie „kommt denn der alte Holzmichel bald“ anstimmte, hoffte ich inständig auf gut isolierte Türen. Als jedoch die Sprechstundenhilfe ins Zimmer kam, hat bei dem Kind jemand versehentlich die Mute-Taste gedrückt. Zwar ließ es sich wiegen und vermessen, aber es schwieg beharrlich. Und während ich auf Seh- und Hörtest, auf Fragebögen und auf Kann-das-Kind-rückwärts-auf-einem-Bein-hüpfen-und-dabei-seinen-Namen-Buchstabieren-Fragen wartete… passierte nix. Sie sollte ein Puzzle mit vier Formen lösen (gähn) und ich durfte erzählen, dass das Kind eigentlich sehr viel spricht und auch seine Strumpfhose selbst ausziehen kann. Der Arzt schließlich lauschte Darm- und Herzgeräuschen, guckte in die Ohren und dem Kind ganz tief in die Augen und – fertig.

Fragebögen, komplexe Aufgaben, zeternde Kinder? Keine Spur. Wieder einmal bestärkt mich die Erfahrung, Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen. Sollte es Anlass geben, sich verrückt zu machen, reicht das noch hinterher.

Mein Kind ist übrigens altersgemäß entwickelt, sprachlich sehr weit (das weiß aber niemand aus der Praxis, aber reicht ja, wenn ich das weiß), eher groß und eher schwer als klein und leicht (aber beides auf dem selben Niveau) und völlig normal (von mir hat sie letzteres nicht).

Und auch die ganz schlimme SELBAUNDALLEINE-Sturm-und-Drang-Phase hatten wir heute nicht. Und trotzdem musste ich Tränen trocknen. Als ich nämlich heute Nachmittag als Goodie des Tages einen Spitzbub (zwei Mürbteigkreise mit Marmelade dazwischen und ausgestochenem Gesicht) anschneiden wollte, flossen bittere Tränen. „Mama, Du sollst das Gesicht nicht kaputt machen. Das können wir nicht essen!“

Ich verbuche das unter kindlicher Empathie. Nicht die schlechteste Eigenschaft. DAS übrigens hat sie durchaus von mir.

 

EDIT: Ich verlinke Euch gerne den U7a-Bericht von Anne

Erstaunlich, wie unterschiedlich das in Arztpraxen behandelt wird … aber lest selbst

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