„Da war Theater in mir“

In den Wortschatz meiner Dreijährigen sind zwei neue Worte eingezogen, die sie mittlerweile täglich beinahe inflationär gebraucht. Sie lauten „Selba!“ und „Alleine!“ Mit Nachdruck und – bei Bedarf – mit böse funkelnden Augen ausgerufen.

Wenn ich anderen Eltern davon erzähle, lächeln die meisten wissend und sagen mir Dinge wie „Da müsst ihr durch.“ „Das ist eine Phase.“ „Sie trotzt halt.“ Ich bin mir da aber gar nicht so sicher. Also, dass wir da durchmüssen, ist klar. Aber was ist das, dieser Trotz? Stellt sie sich bewusst quer? Sucht sie absichtlich Konfrontation? Ich glaube, es ist eher so, dass sie merkt, was sie alles tatsächlich schon kann. Und dass sie dabei ist, sich ein bisschen von der elterlichen Bevormundung in diesen Dingen freizumachen. Manchmal gewähre ich ihr diese neue Freiheit. Denn das Kind hat es ja auch nicht leicht mit mir. Ich vergesse, dass es seine Tasse SELBA auf den Tisch stellen will und ALLEINE auf seinen Stuhl klettern kann. Ich ignoriere sträflich, dass das arme Mädchen SELBA den Kakao in die Milch löffeln möchte und SELBA umrühren. Die Zähne kann sie natürlich SELBA putzen und wenn ich ihr auf den Hocker im Bad helfen will, sagt sie „LASS mich, ich kann das ALLEINE.“

Die Jacke? „Kann ich ALLEINE anziehen.“ Die Treppe runter laufen? „Du sollst mich nicht festhalten, ich kann das ALLEINE!“ Den Einkaufswagen schieben, die Butter aus dem Kühlregal angeln, die Münze in den Schlitz des Kindereinkaufswagens stecken, über den Parkplatz gehen, das Essen kühl pusten, den Löffel aus der Schublade holen, die Schuhe aus- oder anziehen … über Nacht ist aus einem hilfsbedürftigen Kleinkind ein autarkes Persönchen geworden.

Aber manchmal kommen wir beide an unsere Grenzen. Dann nämlich, wenn das Kind vor lauter Selbaundalleine übers Ziel hinausschießt und eigenmächtig bestimmen will, wann Zubettgehzeit ist und ob die Zähne überhaupt geputzt werden. Gestern Abend zum Beispiel. Ich kündige an, dass wir jetzt ins Bad gehen. Das Kind schweigt und spielt weiter. Ich sage es nochmal, motivierend, freundlich. Das Kind ignoriert mich. Ich tippe ihr auf die Schulter. Sie schüttelt mich ab und sagt „Lass mich.“ Ich gehe voraus ins Bad, stelle den Hocker parat, drücke Zahnpasta auf die Bürste. Rufe sie. „Gle-heich“, höre ich. Und merke, wie meine Geduld sich langsam durch den Abfluss des Waschbeckens verdünnisiert. Ich hole mir also die Kleine, die, begleitet von „ich MÖCHTE nicht“ und „Lass mich“ vor mir her ins Bad mäandert. Hier noch in den Spiegel guckt. Da noch eine Fluse vom Teppich aufhebt. Im Bad schließlich kommt es, wie es kommen muss. Statt sich auf den Hocker zu stellen, setzt sie sich auf den Klodeckel und verschränkt demonstrativ die Ärmchen. Ich kann bitten, schimpfen, locken, drohen. Will ich sie auf den Hocker stellen, zieht sie kreischend die Beine an. Irgendwann treffen sich unsere Blicke im Spiegel. Ich gucke böse, sie grinst und schwankt zwischen lachen und weinen. Als sie die kleine Zunge langsam zwischen ihren Lippen durchschiebt, setze ich sie auf den Boden und gehe raus. Papa übernimmt. Der findet offenbar klarere Worte und irgendwann liegt das Kind bettfertig zwischen Kuscheltieren auf ihrem Kissen. Wir sind alle erschöpft. Ich gebe ihr eine Weile. Dann frage ich vorsichtig: „Du, was war denn los vorher? Wieso bist Du so garstig? Zähneputzen ist doch wichtig!“ Mitten im Satz unterbricht sie mich, dreht mir den Rücken zu und sagt „Gute Nacht.“ Ich gucke ratlos ins Dunkle. Was für ein kleiner Sturschädel. Doch irgendwann guck sie über ihre Schulter. „Mama?“ flüstert ein Stimmchen. Sie sieht mich, dreht sich wieder um und schlingt ihre Arme um meinen Hals. Meine Beherrschung geht in diesem Augenblick endgültig flöten und mir rinnt eine Träne über die Wange. „Mama, was hast du denn?“ fragt sie mich und ich sehe im Halbdunkel in ein ehrlich bestürztes Kindergesicht. „Weißt Du, ich mag mich nicht jeden Abend mit Dir streiten“, flüstere ich. „Morgen ist alles wieder gut“, sagt Hannah. „Morgen bin ich wieder lieb“, murmelt sie und drückt sich ganz fest an mich.

Ach Kind. Ich denke an die Elternweisheiten zurück. Da müssen wir wohl einfach durch. Und bis dahin veratmen wir Deine Zornanfälle wie Wehen, geben nach, wo Du selbaundalleine groß bist und bleiben konsequent, wo wir es als richtig empfinden. Und manchmal staunen wir über Dich. Zum Beispiel, wenn Du ganz selbstreflektierend morgens im Auto sagst: „Du Mami, als ich gestern nicht Zähneputzen wollte … da war irgendwie Theater in mir.“ Ach Kind. Wir lieben Dich bis zum Mond und zurück, auch mit Theater.

PS: Ähnliches haben wir hier schon mal überstanden. 😉

2 Antworten auf „„Da war Theater in mir““

  1. Habe mich köstlich amüsiert. Das gehört halt leider auch dazu. Aber dann sind sie wieder so süß, dass man ihnen alles verzeiht.
    Und: Haben wir nicht manchmal alle Theater in uns?

    1. Ich habe ganz viel Theater in mir. Meistens aber eher Improtheater und weniger Drama in drei Akten. Wir stehen das durch. Es ist nur eine Phase. Ohhhm… 🙂 Schön, dass Du mal wieder da bist! Liebe Grüße! Was macht der Zwerg?

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