Tag 2 und Tag 3 – Heimkommen mit Hochgeschwindigkeit…

Es gibt ja Berufe, in die man sachte zurückgleiten kann nach der Elternpause. Man bekommt alles erklärt, beschnuppert die Kollegen und beginnt sich einzuarbeiten.

Und dann gibt es meinen Beruf. Man steigt in den Kampfjet, macht die Luke dicht und wird vom Flugzeugträger katapultiert. Nix mit gleiten oder geruhsam. 0 oder 1.

Abgesehen davon, dass ich die meisten Kollegen seit 20 Jahren kenne (weil ich noch ohne Führerschein aber dafür mit väterlichem Fahrdienst als freie Mitarbeiterin meine Presselaufbahn gestartet hab) und niemanden beschnuppern muss, war zum Einarbeiten irgendwie keine Zeit. Aber die Software ist im Großen und Ganzen selbsterklärend und wenn man nicht an alles mit dem „Ogottichkapiersnie“-Gedanken rangeht, dann geht das gut. Ich habe in den ersten zweieinhalb Tagen zweimal die Pumps im Matsch versenkt. Das erste Mal auf der Suche nach einer illegalen Müllhalde, das zweite Mal auf der Suche nach einem Waldkindergartenstandort. Ich habe über ein Hilfsprojekt für Tansania geschrieben und über die Fusion zweier Kirchengemeinden. Ich war im Gemeinderat und habe abends einen Aufmacher fertig geschrieben und nach 11 Stunden Arbeit (ich habe es sogar geschafft, die social-media-Kanäle des Verlags zu füttern) als Letzte das Licht ausgemacht. Ich habe heute einen kleinen Kommentar geschrieben und Fotos organisiert. Was ich nicht habe – mit irgendetwas gehadert. Ich wurde mit offenen Armen von alten Bekannten empfangen wie die Tante aus Marokko, die nach längerem Auslandsaufenthalt wieder am Tisch sitzt. Und erstmal ein vernünftiges Bild von sich braucht:

Behind the scenes

Und doch hat sich etwas verändert. Zeitungsmacher haben heute keine Informationshoheit mehr. Nicht das, was wir für relevant halten, bekommen unsere Leser mitgeteilt. Die sind flügge geworden und hängen nicht mehr an unserem Nachrichtentropf, sondern holen sich ihre Infos selbstständig aus dem Netz. Mal richtige, mal falsche, aber sie wissen oft schneller und besser Bescheid als wir Schreiber, die wir jahrelang die Weisheit für uns reklamiert haben. Beim Pressegespräch sagte der Pfarrer heute in einem anderen Zusammenhang: „Wir könnten jammern, aber das hilft nix. Wir müssen die Chance nutzen, jetzt die Zukunft zu gestalten“. Wir könnten natürlich klagen, dass früher alles einfacher war. Was nicht im Redaktionsfax aufgelaufen ist, ist nicht passiert. Dann gehen aber nächstes Jahr bei vielen Verlagen endgültig die Lichter aus, denn kein mündiger Leser oder Konsument unseres Mediums ist noch von unserer Willkür abhängig. Es mag für viele ein grauenvolles Szenario sein, derart machtbeschnitten zu werden. Dabei birgt es eigentlich nur eines in sich – die riesige Möglichkeit, endlich kreativ zu arbeiten. Nicht brav das Terminbuch abzuvespern, sondern bunte Themen selbst aufzubereiten. Und darauf hat niemand mehr Lust, als ich. Ich habe nach dem ersten Arbeitstag geschlafen wie ein Baby, ich freue mich auf die Arbeit und habe riesigen Spaß daran, etwas zu bewegen. Ich war vermutlich eine ganz passable Sekretärin. Aber meine große Liebe gehört der Schreiberei. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass unsere Leser davon profitieren.

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