Atmen, essen, schreiben.

Ich habe vor einiger Zeit das Buch „work is not a job“ gelesen von Cathi Bruns. Sie beschreibt sehr eindrucksvoll, dass man sich zunächst selbst fragen muss, was man wirklich tun will. Was man leisten kann, wo es einen hinzieht.

Ich habe beim Lesen oft geschmunzelt, weil ich das Gefühl hatte, sie kennt mich. Ich habe mir nie überlegt, was ich werden will. Ich wusste eigentlich immer, was ich bin. Mit sieben oder acht, ich konnte zumindest schreiben, habe ich meine erste „Kinderzeitung“ verlegt. Ich erinnere mich an krakelige Kreuzworträtsel und selbsterfundene Witze auf grauem Umweltpapier. Mein Papa musste es mir damals im Büro (kein Mensch hatte einen Kopierer zu Hause) kopieren und ich band die zwei Blätter starke Ausgabe mit einem grünen Wollfaden zusammen.

Und während viele in meinem Freundeskreis auch kurz vorm Abi noch recht orientierungslos waren, habe ich geschrieben. Als freie Mitarbeiterin für die Tageszeitung, für die Schülerzeitung, für mich. Das Bedürfnis zu schreiben ist bei mir im vegetativen Nervensystem verankert. Ich schreibe aus der selben Notwendigkeit heraus, wie ich esse, atme oder schlafe.

Ich habe meine berufliche Laufbahn dann auch – oh Wunder – als Volontärin bei eben jener Tageszeitung begonnen, bei der ich Praktikumserfahrungen gesammelt hatte. Später habe ich mich beruflich neu ausgerichtet, habe eine neue Sprache gelernt, und als vermutlich recht passable rechte Hand eines etwas chaotischen Chefs einen kleinen Betrieb am Laufen gehalten. Ich habe mich um Meetings und Flüge, um Wohnungen für Mitarbeiter und um die komplette Lohnbuchhaltung gekümmert. Und ich habe geschrieben. Nebenher, abends, am Wochenende. Und gebloggt.

Und heute? Heute bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt (ins Lokale, nicht zur Kinderzeitung 😉 ). Und ich gehe meinem Beruf nach, wie ich atme und esse – ständig und selbstverständlich. Zwar arbeite ich auf dem Papier 60%, aber auch an meinen beiden freien Tagen lässt mich die Berufung nicht los. Und das ist für mich völlig normal und in Ordnung. Alles andere wäre für mich so, als würde man einem Pfarrer sagen, er brauche nur sonntags an Gott zu glauben.

Wenn ich einen Flow habe (und kreative Leute wissen, dass der nicht immer pünktlich mit der Stempeluhr kommt, der A…), setze ich mich hin und schreibe. Es ist mir völlig egal, ob dieser Elan meine drei vollen Arbeitstage trifft oder eben nicht. Einen Text zu schreiben, wenn man spürt, dass die Worte aus dem Kopf durch die Finger fließen und sich zu einem unterhaltsamen Ganzen fügen, ist, als würde man mit knurrendem Magen ein köstliches Essen vorgesetzt bekommen: Befriedigend, beruhigend, wunderbar.

Ich weiß, dass ich mit dieser Art zu arbeiten der Alptraum jedes Betriebsrats bin, der (sicher zurecht) darauf achtet, dass die Rechte von Arbeitnehmern gewahrt werden und der Ausbeutung Einhalt geboten wird. Aber was wäre für mich der Umkehrschluss? Der Blick in meinen Arbeitsvertrag und der tägliche pünktliche Feierabend? Würde ich tatsächlich mit diesem High-Gefühl nach Hause fahren, das nur kennt, wer etwas abgeliefert hat, hinter dem er voll und ganz stehen kann und sagen „Ich hab es so gut gemacht, wie ich kann.“

Es hat wenig mit Ehrgeiz oder Profilierungsbedürfnis zu tun. Und sehr viel mit einer Selbstverständlichkeit und mit einem Anspruch, mit denen ich alles in meinem Leben mache. Wenn ich Dinge nicht mit Hingabe erledigen kann, dann lass ich es. Und wenn das im Umkehrschluss bedeutet, dass ich bis elf in der Redaktion sitze, weil ich mit der Überschrift kämpfe – dann ist das so und resultiert aus meinem Selbstverständnis. Und dann würde ich niemals auf die Uhr schauen und überlegen, wie ich diese Überstunden minutiös wieder ausgleichen kann. Ganz grundsätzlich glaube ich nämlich aus vollster Überzeugung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn nicht jeder akribisch darauf achten würde, nicht zu kurz zu kommen, seinen Vorteil überall herauszuschinden und jede Leistung und jeden Gefallen anderen gegenüber aufzurechnen. Ich glaube nämlich auch an Karma und daran, dass gute und schlechte Dinge immer auf einen zurückfallen. Dann lieber die Guten.

Sicher gibt es eine Grenze, an der aus Überzeugung und Hingabe auch Überforderung und Selbstaufgabe wird. Sicher gibt es überall auf der Welt Kollegen, die mit halber Kraft arbeiten und sich im kuscheligen Wir des arbeitenden Kollektivs verschanzen. Denen der Flow fremd und der Feierabend heilig ist. Ich könnte mich über deren Einstellung ärgern. Ich könnte auch sagen, wenn die nicht wollen, will ich auch nicht. Ich könnte viel Zeit und Energie aufwenden in Vergleiche. Aber würde ich damit etwas ändern außer das Klima? Vermutlich nicht. Und deswegen hole ich in solchen Momenten tief Luft und besinne mich darauf, dass ich ich bin (was für ein Glück!) Ich muss nichts um mich herum in Ordnung bringen, ich muss mich nicht anpassen, nicht messen lassen an anderen Standards. Ich bin mein Maßstab.

Was ich nicht meine – Schlamperei hinzunehmen und stoisch zu decken. Manchmal muss man auch schwierige Situationen im Umfeld benennen und adressieren. Was ich aber durchaus meine: Sich nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen und mit gutem Beispiel vorangehen.

Dabei habe ich durchaus ein gutes Gespür dafür, wann ich anfange, mich an etwas zu verbeißen ohne weiterzukommen. Dann gönne ich mir die notwendige Zeit und den Abstand, lege das handy beiseite und genieße Zeit mit meiner Familie. Aber ich weiß genau, dass in meinem Kopf, wenn sich der Staub des Alltagsgeschäfts gelegt hat, wieder neue Ideen aufploppen, die mich mit Macht dahin ziehen, wo ich einfach hingehöre: An die Tasten.

 

2 Antworten auf „Atmen, essen, schreiben.“

  1. Ich ärgere mich etwas über diesen Eintrag. Natürlich freue ich mich, dass das Schreiben dich ausmacht und du damit so glücklich bist. Und da ich selbst schreibe, verstehe ich auch, was du da über diesen kreativen Flow schreibst.
    Aber nicht jeder Job hat einen kreativen Flow und wenn man mal neun Stunden Rechnungen gebucht oder Mülltonnen ausgeleert hat, dann reichts auch einfach und dann ist man froh, wenn man Feierabend hat oder gegebenenfalls Überstunden auf sein Konto bekommt, für die man dann mal frei nehmen kann, um seinem kreativen Hobby nachzugehen. Ebenso kann nur bis elf Uhr in der Redaktion sitzen, wer im Background eine Familie hat, die das Kinderhüten übernimmt. Also, geärgert hat mich die Passage, in der du es so darstellst, als wäre eine regelmäßige Arbeitszeit und Überstundenausgleich was unredliches für Spießer und Faulpelze.

    1. Liebe Nicole,
      es tut mir leid, dass ich mich offensichtlich doof ausgedrückt habe. Natürlich ist es nur in Ordnung, dass jemand seinen Ausgleich für geleistete Arbeit nimmt und ihn sich auch zur Not einfordert. Ich habe ja auch geschrieben, dass ich weiß, wann es gut ist. Wer sich für einen Beruf entscheidet, bei dem er stundenlang Rechnungen bucht, hat dies hoffentlich aus einem guten Grund getan. Entweder, weil er damit sehr viel Geld verdient oder weil es ihm einfach liegt und ihn ausfüllt. Und selbst wenn er es aus dem Grund tut, damit seine Familie ernähren zu können – völlig legitim. Es gibt durchaus auch Tage, an denen ich froh bin, Feierabend zu haben. Wenn ich am Wochenende Dienst mache, bekomme ich dafür einen Tag aufs Zeitkonto, den ich mir selbstverständlich gönne. Warum ich den Beitrag geschrieben habe – ich bin es leid, jedem erklären zu müssen, wie Redaktion funktioniert und warum ich abends um elf noch da sitze mit glühenden Wangen. Ich fange nicht morgens um acht an, sondern kann, stehen keine Termine an, um zehn oder elf aufschlagen, ganz wie es mir passt. Eine Stempeluhr gibt es für die Redaktion nicht. Ich mag mich nicht rechtfertigen müssen für die Art und Weise, wie und wann ich arbeite. Es ist ein kreativer Beruf, der diese Flexibilität einfach fordert und ich bin froh und dankbar, dem so nachkommen zu können. Was ich nicht sagen wollte: Arbeitet bis zur Selbstaufgabe, weil ich Euch sonst langweilig und faul finde. Das wollte ich auf keinen Fall sagen.

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