Beobachtungen aus dem Schwimmbad

Da ich zur Zeit ein bisschen Überstunden ansammle und die sowieso weder ausbezahlt bekomme noch freinehmen kann, habe ich mir überlegt, einen Tag in der Woche einfach die Kernzeit auszureizen und erst um halb zehn anzufangen. Und davor schwimmen zu gehen.
Letzten Donnerstag startete der Versuch. Mein erstes Fazit: Ein öffentliches Kleinstadtschwimmbad ist ein eigener Organismus. In dem fremde Individuen den gewohnten Kreislauf stören. Das Individuum bin ich.
Das Schwimmbad öffnet um sieben. Ich marschierte um sieben nach sieben guter Dinge auf die geöffnete Tür zu, in freudiger Erwartung auf 40 Bahnen im kühlen Nass.
Damenumkleide. Vier Paar Hausschuhe stehen bereits vor vier Spinden. Aha. Noch frühere Frühaufsteher. Dusche. Vier Bademäntel in verwaschenen Bonbonfarben hängen an Haken. Einer davon so abgewetzt, dass man die Fliesen dahinter durchscheinen sieht. (Ich frage mich, wie dieser Lappen anhand seiner sich auflösenden Beschaffenheit der Funktion als BadeMANTEL überhaupt gerecht werden will, aber sei’s drum)
Schon von weitem höre ich fröhliches Gelächter aus Richtung Schwimmbecken.
Und dort tut sich dann auch der ganze Organismus vor mir auf. Zehn (ZEHN!) Damen und Herren, 55+, lärmen fröhlich wie eine Grundschulklasse im Wasser. Rentner. Morgens um viertel nach sieben. Zu zehnt.
Die lautstarke Unterhaltung bricht in dem Moment ab, als ich um die Ecke biege und mein Handtuch auf die Bank lege. Zehn Augenpaare begutachten mich irritiert. Ich suche mir eine halbwegs freie Bahn und beginne mal zu schwimmen. Es dauert keine Viertelstunde, als sich der in seiner Homogenität gestörte Organismus dem Fremdkörper widmet und sich der erste Gesprächspartner in meine kurze Pause drängt. „Sind Sie öfter hier?“ Er habe mich nämlich noch nie gesehen. Ich wollte gerade sagen – wenn ich öfter da wäre, hätten wir uns doch sicher schon gesehen, aber ich bin ja gut erzogen und erkläre, dass ich vor der Arbeit künftig schwimmen gehen wolle und dies mein erster Versuch sei. Löblich, meint er, und fügt an, ich sei ganz schön flott unterwegs. Kurz später, ich hole wieder mal kurz Luft, konstatiert er – „Sie haben ja schon 17 Bahnen gezogen“. Ich fühle mich langsam aber sicher verfolgt.
Und dehne die Pause aus, um meine Umgebung ebenfalls ein wenig zu analysieren. Die Schwimmer lassen sich in Kategorien einteilen.

1. Frau Schäufele und Frau Pfleiderer
Diese beiden Damen schwimmen im Abstand von zwei bis drei Metern nebeneinander her und unterhalten sich dabei lautstark über den letzten Jahrgängerausflug, die Kur einer gemeinsamen Bekannten oder die Handwerker, die gerade die Terrasse richten. Wie genau sie sich über Wasser halten, konnte ich nicht endgültig analysieren, ich vermute aber, dass ihre marginalen Schwimmbewegungen ausreichend sind, die toupierten Köpfe aus dem Wasser zu halten. Dass sie sich beim „Schwimmen“ kaum merklich fortbewegen, scheint sie nicht zu stören.

2. Der alternde Dandy
Dieser Herr ist mindestens 60 und zeichnet sich durch enge Badeshorts in Schreifarben aus. Seine weißbehaarte Brust schwillt stolz an, wenn er federnd am Beckenrand entlang schreitet und die Lese- gegen die Schwimmbrille austauscht, bevor er vom Beckenrand springt und mit möglichst raumgreifenden Kraulbewegungen seine Bahnen zieht. Er hält sich gern in der Nähe von Frau Schäufele und Frau Pfleiderer auf und reißt hin und wieder einen Witz, der die beiden Damen erröten, kichern und gackern lässt.

3. Das Perlboot
Das Perlboot kann männlich oder weiblich sein. Man erkennt es daran, dass es sich im Grunde überhaupt nicht fortbewegt und wenn, dann keinesfalls in Längs-, sondern stets in Querrichtung. Es scheint in seinem Bewegungsablauf einem noch unerforschten Muster zu folgen, das von „auf der Stelle hüpfen“ über „auf den Rücken legen“ bis hin zu plötzlichen, brustschwimm-ähnlichen Bewegungen reicht. Besonderes Merkmal des Perlbootes ist die Geselligkeit. Es hält sich immer genau dort auf, wo ein langweiliger Bahnenschwimmer wie ich seine Bahnen zieht.

Heute

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