„Wir verkaufen nix!“

Als die DDR starb, war ich neun Jahre alt. Ich habe zwar noch Erinnerungen an die Nacht des Mauerfalls, weil mein Papa mich geweckt hatte und meinte, ich müsse das im Fernsehen angucken, es sei ein historischer Moment. Wie es dort im Alltag zuging, kenne ich also nur aus Erzählungen oder aus dem Fernsehen. Dass die Regale dort in den Supermärkten oft leer waren, hat sicher jeder schon mal gehört.

Heute morgen war ich ein bisschen in der DDR 2.0 einkaufen. Mit dem Unterschied, dass die Regale voll waren. Aber der Supermarkt wollte nichts davon verkaufen. Aber von vorne. Ich hatte ein fröhlich plapperndes Tochterkind im Einkaufwagen sitzen und arbeitete mich durch die Gemüsetheke. Paprika, Tomaten, Gurken. Der nächste Posten auf dem Zettel wäre Kräuterbaguette gewesen. Ich steuerte auf den Kühlschrank zu, die längliche Packung fest im Blick. Der Griff des Schranks allerdings bewegte sich nicht. Denn er war mit Kabelbinder verschlossen. Ich stutzte. Erst dann fiel mein Blick auf das A4-große Schild, das da sagte, Molkereiprodukte könnten heute aufgrund eines technischen Defekts nicht verkauft werden. Mein Blick schweifte an der Schrankreihe entlang. Milch, Sahne, Joghurt, Quark, Frischkäse, Scheibenkäse, Butter … die Regale waren voll wie gewohnt. Aber alle Schränke waren zugezurrt. Verdutzt beobachtete ich eine ältere Dame, die sich mit der Hand am Kabelbinder vorbeidrückte. „Ich will nur den einen Joghurt“, sagt sie, als sie meinen Blick bemerkte. Eine vorbeieilende Verkäuferin nahm ihr das erbeutete Stück wieder ab. Und erklärte, dass die Kühlung heute Nacht ausgefallen sei. Die Produkte, die man kühlen muss, dürften nicht mehr verkauft werden. Ich schob den halbleeren Einkaufswagen weiter. Die Fleischtheke sah aus, als hätte man den Laden noch gar nicht eröffnet. Leer. Von hinten bis vorne, leer. Die beiden Mädels hinterm Tresen beantworteten geduldig Fragen der Kundschaft. „Alles muss weggeworfen werden, leider.“ Die Kühltruhen, in denen Spinat und Pizza, Torten, Gemüse, Pommes und Eis lagen, waren ebenso verrammelt. Ein Versicherungsfall, natürlich. Trotzdem – die schiere Menge der Lebensmittel, die mal eben so vernichtet worden sind, muss riesig gewesen sein.

Glücklicherweise sind wir gesegnet mit Supermärkten und ich habe den Rest der Liste woanders besorgt. Aber ein bisschen nachgedacht habe ich schon über die Allzeitverfügbarkeit von allem, was wir uns wünschen. Meine Oma hat selbstverständlich noch alles, was sie brauchte, im Garten angepflanzt. Nur den exotischen Rest hat sie dazu gekauft. Wir machen es umgekehrt. Wir kaufen fast alles. Und pflanzen höchstens Kresse fürs Butterbrot oder Portulak oder so an. Weil im Laden ja immer alles da ist. Wenn die Kühlung funktioniert eben. Wissen wir es zu schätzen? Jetzt vielleicht ein bisschen mehr.

(Was wir aus dem Inhalt der zwei Riesenkörbe letztlich zaubern, zeig ich Euch morgen. Oder übermorgen, wenn sich das Fresskoma gelegt hat. Ich sag nur eins: Es wird heiß, da aufm Grill. 😉 )

 

4 Antworten auf „„Wir verkaufen nix!““

  1. Hab gerade ein simples Stückchen mariniertes Schweinefilet auf Buche gegrillt und es war super! Dazu etwas Brot und selbst gemachter Eistee. Das erste mal in diesem Jahr! Der Himmel….
    (und wieder ein veritabler Sonnenbrand! 😉 )

    Unser Konsumverhalten geht noch max. 20 Jahre weiter so, dann gehen die Kämpfe richtig los! Es sei denn, wir werden die Finanzmärkte los und fangen an, statt Konsumstress hinzunehmen uns Konsumzeit zu gönnen. Vor 30 Jahren hat man uns versprochen, das Roboter uns die Arbeit abnehmen und das Leben allgemein verbessern. Die Arbeit haben sie uns abgenommen (besonders die unangenehme), aber sie haben leider nichts verbessert, nur ein paar Leute unglaublich reich gemacht!

    1. Ich gönne mir immer Konsumzeit. Ich kaufe bewusst ein und meide Zeug, das von weit her kommt und außerhalb der Saison bei uns verkauft wird. Oder was meinst Du mit Konsumstress?

  2. Mich erschreckt es grad ganz schön das man da alles wegwerfen muss nur weil die Kühlung mal ein paar Stunden nicht ging. also wenn bei mir Zuhause mal was mit den Geräten ist werfe ich ja auch nicht gnadenlos alles weg. Ist echt heftig.

    1. Die Sachen waren sicher nicht sofort verdorben und wenn mir das daheim passiert wäre, hätte ich sicher einen Großteil sofort verarbeitet und noch gegessen. Im Supermarkt ist es aber rechtlich anders. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, ist das Produkt nicht mehr verkehrsfähig. Die Lebensmittelstandards sind hoch und das ist vermutlich bei den meisten Prozessen sehr sinnvoll. In dem Fall hätte man gleich morgens mit Bemerken der Panne die Tafelläden der Gegend mobilisieren können um die Ware abzugeben, die noch gut ist, denn die Kühlung hält auch Stunden nach einem Stromausfall noch an. Eine halbe Stunde vor mir hat nämlich meine Schwiegermutter in dem Laden Butter und Joghurt gekauft, weil die Temperatur in den Kühlschränken vermutlich noch ok war.

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