Ein-Kind-Politik

Als wir geheiratet haben, haben wir dies an unserem zehnten Jahrestag getan. Im Traugespräch wollte die Pfarrerin wissen, warum wir denn so lange gewartet hätten. So richtig beantworten konnten wir beide die Frage nicht. Nach zehn Jahren hat es sich einfach richtig angefühlt, zu heiraten. Aber während ich ihre Frage in einem Traugespräch noch halbwegs legitim fand, hat uns die Fragerei von anderen im Vorfeld genervt. „Wann heiratet ihr denn mal?“ – als würde davon unser (oder noch besser: aller anderer) Glück abhängen. Kaum waren wir verheiratet, änderte sich die Frage in „Wie sieht es denn mit Kindern aus?“ Auch da folgten wir unserem ganz eigenen Empfinden, klappten die Ohren zu und warteten, bis wir uns beide dazu bereit fühlten.

Die Kleine ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und wer denkt, die Fragerei hätte ein Ende, täuscht sich.

Wildfremde Menschen, mit denen ich fünf Minuten zuvor noch geklärt hatte, ob und woher wir uns eigentlich kennen, erklären mir, dass es jetzt aber Zeit für Geschwisterchen wäre. So ein Kind braucht doch einen Spielgefährten. Und zu groß solllte der Abstand nämlich nicht sein.

An all die Familienexperten da draußen: Ich finde diese Fragerei impertinent. Es geht Euch schlicht nichts an. Ich mag mir nicht von Leuten, die uns nicht kennen, anhören, Einzelkinder würden ein Persönlichkeitsdefizit davon tragen. Mein Mann und ich sind beide Einzelkinder. Wir haben trotz dieser widrigen Voraussetzungen normales Sozialverhalten entwickelt und uns einen Freundeskreis aufgebaut. Wir haben beide keinen Vergleich und kennen es nicht anders. Aber auch Kinder mit Geschwistern haben keinen Vergleich. Die Frage nach Kindern finde ich übrigens auch bei kinderlosen Paaren anmaßend und unangebracht, weil kein Außenstehender wissen kann, ob die Kinderlosigkeit überhaupt gewollt oder vielmehr ein leidvolles Thema bei dem Paar ist.

Eine liebe Mitkrabbelgruppenmami hat den schönen Satz gesagt „Ich hab nach dem ersten Kind gewusst, dass unsere Familie noch nicht komplett ist.“ Wer so empfindet und nach seinen Gefühlen handelt, macht alles richtig. Wir machen es genau so. Ich fühle mich mit meiner Tochter und meinem Mann absolut komplett (habe mich aber auch vorher nicht als unfertiges Puzzle gefühlt.) Wir drei sind ein tolles Team. Und so kann ich mir im Moment nicht vorstellen, ein zweites Kind zu bekommen. Im Moment heißt, dass ich es mir noch ein bisschen offen halten will. Irgendwann wird mein eigenes Alter dann die Entscheidung für mich treffen, wenn ich es nicht vorher getan habe. Das Gefühl, etwas zu verpassen, habe ich nicht. Ich durfte eine unkomplizierte Schwangerschaft erleben, habe ein Kind zur Welt gebracht, alle special features meines weiblichen Körpers ausprobiert. Würde es beim zweiten Mal auch so gut laufen? Wäre die Geburt vielleicht leichter, dafür die lange Schwangerschaft problematischer? Keiner weiß das. Ich genieße das Hier und Jetzt. Ich erlebe die Kurze als aufgewecktes Kleinkind, staune jeden Tag, was und wie sie lernt und sich ausprobiert. Ich kann meine ganze Geduld und Aufmerksamkeit diesem einen Kind widmen und genieße es sehr. Ich habe aber auch noch genügend Luft für mich und für Dinge, die ich im Leben vor dem Kind getan habe. Diese Mischung ist für mich großartig und ich möchte sie nicht missen. Alles nochmal von vorne? Wache Nächte, Stillprobleme, Brustentzündungen, Verdauungsprobleme, Koliken? Und das alles, während ein zweites, großes Kind die mütterliche Aufmerksamkeit ebenso fordert? Ich weiß auch nicht.

Warum andere Leute das besser wissen und woher sie ihr Wissen nehmen (und das Bedürfnis, sich mir mitzuteilen), wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Aber als Einzelkind habe ich ja auch nie gelernt, mich mit der Meinung anderer richtig auseinanderzusetzen, wa?

PS: Bei der dritten Schwangerschaft wird man übrigens offenbar gefragt, ob das ein Unfall war. Sowas teilt man ja auch gerne mit.

9 Antworten auf „Ein-Kind-Politik“

  1. Jaja, so ist es mit den Leuten.

    Hihi, ich hatte für mich übrigens auch im Gefühl, das ich mich erst intensiv um die erste Tochter kümmern will. Ein zweites Kind hatte lange keinen Platz neben ihr. Erst als die Große flügge wurde, hab ich nochmal den Wunsch bekommen, es mit den schlaflosen Nächten nochmal zu versuchen.

    Und ich kann sehr gut verstehen, wenn man das nicht will.

    Es sind ja auch noch andere fragen: Wie Du stillst nicht mehr? Wie Du stillst noch? Ist das nicht zu kalt/zu warm? Sollte sie nicht schon einen Purzelbaum können? Lässt Du sie nicht zu hoch klettern? ARGH!

    1. Aber ist doch auch schön, dass man bei Problemen jeder Art eigentlich die Frau in der Supermarktschlange hinter sich fragen könnte. Offenbar weiß es ja JEDER besser, als man selbst. 🙂

  2. Wie du weißt, haben wir ja keine Kinder, und die Fragerei ging quasi gleich nach der Hochzeit los. Wir haben uns entschieden, keine Kinder zu bekommen, aber wie du ganz richtig sagst, kann das außer dem betreffenden Paar keiner wissen. Ich habe oft gedacht: „Wenn ich verzweifelt versuchen würde, schwanger zu werden, dann würde ich dich Frager jetzt an die Wand klatschen.“

    Auch Fragen wie: „Bist du schwanger?“ Unverschämtheit. Antwort: „Nein, ich bin nur dick.“ Und dann hielt die Fragerin noch immer nicht die Klappe: „Ach, man darf die Hoffnung nie aufgeben.“

    Die Fragerei hat erst aufgehört, als ich langsam zu alt wurde. Ich bin jetzt 48, jetzt ist Ruhe.

    1. „Nein, ich bin nur dick.“ 😀 Also ob! Ich finde es echt unverschämt, was sich die Leute rausnehmen. Aber, wie ich Wendy schrieb, man sollte sie mit ähnlich privaten Fragen konfrontieren. Vielleicht würden sie’s dann verstehen.

  3. Ja, ja, so ist das. Die lieben Leute. Gleich nach Einzelkind kommt übrigens drei Jungs. Geht doch nicht. „Du Arme.“ Heidewitzka
    Können sie nicht über das Wetter, Big Brother oder die Spargelernte diskutieren ; )
    Liebe Grüße!

    1. Boah, so als ob man das Geschlecht des Kindes wählen könnte. Und als ob es überhaupt ein Problem mit drei gesunden Kindern geben KÖNNTE. Mütter sind echt „Ohren-zu-erprobt.“ Anders hält man den Schwachsinn kaum aus.

  4. Ich hab ja „keinen Mann, keine Kinder, keine Haustiere“. Ich bin also quasi ein Vollversager fürs Sozialsystem.

    Und ich schlage 3 Kreuze, daß ich langsam aus dem Alter raus bin, in dem man mir noch Kinder zutraut (jetzt wäre ich ein Fall für „in Deinem Alter sollte man keine Kinder mehr kriegen – wie unverantwortlich).

    Aber ich kenne die Fragerei natürlich aus der Zeit, als da noch ein Mann da war. Bist Du im gebährfähigen Alter, fühlen sich Menschen, mit denen man sich noch nicht mal über Einrichtungsfragen unterhalten würde, bemüßigt, einem solche intimen Fragen zu stellen.
    Von Verwandten ganz zu schweigen.

    Ich stand der Frage Kinder oder keine Kinder immer völlig neutral gegenüber. Ein Kind mit dem richtigen Mann zum richtigen Zeitpunkt – gerne und hätte ich sicher auch gewuppt. Kein Kind – hab ich auch kein Problem.

    Und – nein – ich leide auch nicht darunter, keine Kinder zu haben. Ganz und gar nicht. (mit dem Argument kommst Du aber auch nicht durch – denn damit demonstrierst Du nur Verdrängung).

    Aber ich hab genug Kinder um mich herum. Hatte ich immer. (Jemand, der sein erstes Patenkind mit 16 hatte und im Laufe der Zeit noch weitere 6 Patenkinder hat und nicht nur eine Geburtstag-Weihnachten-Schenktante ist, hat GENUG mit Kindern zu tun!) Und ehrlicherweise – ich bin nach einem Tag mit den Kids auch froh, sie wieder an die Eltern zurückzugeben.

    Oh – ich bin übrigens auch gerne Single. (aber das ist ja auch nur eine Schutzbehauptung…. unterstellen einem im übrigen gerne die, von denen man weiß, daß sie in beschi….. Beziehungen leben….. aber offenkundig glauben, besser eine besch…. Beziehung als keine Beziehung).

    1. Ich freue mich, dass ich nicht die Einzige bin. So fies ich es für alle finde, ich fühle mich nicht so allein. 🙂 Ich stelle mir vor, der ältere Herr, der mir so penetrant zu einer weiteren Schwangerschaft geraten hat, steht vor mir und ich frage ihn „wie sieht’s denn eigentlich aus mit Sex? Geht da noch was in Ihrem Alter? Weil wenn, dann sollten Sie die Zeit nutzen, zu groß sollte der Abstand zeitlich nicht sein, gell?“ Würde ich aber nie tun. WEIL ES MICH NICHTS ANGEHT. 🙂

      1. Ich warte drauf – so in etwa 10 – 15 Jahren dürften von den gleichen indiskreten übergriffigen Leuten dann die Fragen kommen, ob ich mich nicht einsam so ohne Kinder fühle – so im Alter und so…. (wenn ich das so aus jetziger Erfahrung mal betrachte – ich vermute – nein – ich werde nicht einsam sein. Ich bin jetzt als Single auch nicht einsam – obwohl ich mich nichtmal in Partnerbörsen rumtreibe – vermutlich weil ich den Status quo gar nicht ändern will – woraus man schließen könnte – daß ich nicht einsam bin und gerne Single bin…..)

        Ich nehme (das ist jetzt natürlich eine gewagte Behauptung) sogar an, daß ich mehr Sozialkontakte habe, als manche „Familienmutter“. Und ich durfte schon die ein oder andere Frau im gleichen Alter kennenlernen, die massiv unter „Empty Nest Syndrom“ litt, weil sich ihr ganzen Leben auf Kinder und Familie konzentrierte.

        Offenkundig ist also „Kinder haben“ kein Garant für „nie einsam sein“.

        Ich würde prinzipiell einfach sagen: Es geht außer mir niemanden etwas an, wie ich mein Leben führe (egal, ob das Anzahl der Kinder, Sexualpraktiken, Häufigkeit des Staubsaugens betrifft), solange ich mich nicht drüber beklage und Ratschläge zur Veränderung erbitte.

        Genausowenig geht mich das Leben anderer etwas an.

        Jede Lebensform kann erfüllend und befriedigend sein, solange man mit sich selbst im Reinen ist!

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