Gute Bücher, böse Bücher?

„Igitt“, sagte ich spontan, da neulich in der Krimskrams-Abteilung des hiesigen großen Buchladens. Ich hatte zweimal hinsehen müssen, aber tatsächlich gab es da in Klarsichttütchen abgepackte, dicke Fliegen aus Plastik zu kaufen. Während ich noch staunte, klärte mich eine Freundin auf. Die „dicken Dschungel-Brummer“ seien Zubehör der Olchis. Und die wiederum seien kleine Fabelwesen, die im Dreck lebten und furzten und Schimpfwörter benutzten. Ich glotzte. Und beschloss, dass Hannah erstmal keine Plastikfliegen braucht und hängte die Tüte zurück.

Ein paar Tage später dann war ich beim Entwicklungsgespräch im Kindergarten, von dem ich hier bereits erzählt habe. Beim Plaudern erfuhr ich, dass die Kinder zur Zeit total auf die Olchis abfahren. Alle Kinder. Auch meins. Diese lustigen Monster, die ständig vollgeschmuddelt sind, hatten also längst Einzug in das Leben meiner Motte gehalten. Also guckte ich mir die Olchis selbst mal an. Und muss gestehen: Sie sind mir ganz sympathisch, diese grünen Wesen, die auf der Müllkippe in Schmuddelfing leben. Auch wenn ich nicht gleich dicke Dschungel-Brummer haben muss.

Szenenwechsel. Der geneigte Leser weiß, dass ich auf instagram aktiv bin. Dort habe ich heute etwas ähnliches aufgeschnappt. Bei koe.se nämlich ging es um die Frieder-Bücher von Gudrun Mebs. Sie sprach eine Leseempfehlung aus für den frechen Enkel und seine tolle Oma, die für jeden Quatsch zu haben ist, wies aber darauf hin, dass es nichts für überpädagogische Eltern sei.

In meinem Kopf begann es zu rattern. Wie „pädagogisch“ bin ich selbst wohl drauf? Die Olchis kamen mir in den Sinn. Meine allererste Reaktion bei der Begegnung mit den Müllkippenbewohnern war nämlich auch – Schmuddelmonster brauchen wir nicht. Ich grübelte beim Kaffeetrinken. Und beim Zucchinischnibbeln. Beim Nudelrühren und beim Bettenmachen. Gibt es Kinderbücher, die Kinder „verderben“? Zuletzt hatte ich mich über diesen Denkansatz bei den Harry-Potter-Bänden gewundert. Es hagelte damals Elternproteste und Kritik von Theologen, die Kinder würden vom rechten Glauben abgebracht, indem man ihnen Zauberei und Hexenkraft näherbringt. (Bei Spiegel gab es u.a. diesen Artikel dazu, „Verführung zum Satanismus, Verhöhnung des Christentums, Verharmlosung von Okkultismus und Geisterglaube“ werden die Vorwürfe dort präzisiert.)

Und dann dachte ich über mein eigenes Leseverhalten nach. Ich weine, lache, grusle mich, wenn ich das entsprechende Buch in den Händen habe. Ich tauche ein in die Welt der Romane, ich lebe mit den Hauptdarstellern, ermittle mit den Kommissaren, bin traurig über jede schicksalhafte Wendung. Bücher machen etwas mit mir. Sie berühren mich, bewegen mich, fesseln mich. Bei meinem Kind dürfte das nicht anders sein. Das bedeutet, dass ich mit Bedacht auswähle, was ich vorlese. Aber mal im Ernst – gibt es tatsächlich Bücher, die mein Kind verderben? Wird es tatsächlich zum Gemüsehasser, nur weil es vorgelesen bekommt, dass die Schmuddelmonster von gesundem Essen krank werden? Vergisst es seine Manieren und fängt es an, Blödsinn zu machen, nur weil Frieder versucht, seine Wände mit Marmelade zu streichen?

Habe ich denn jemals versucht, ein Pferd hochzuheben, nur weil mir Pippi Langstrumpf vorgelesen wurde? Hatte ich bei Spaziergängen im Wald Angst, die böse Hexe würde mich in den nächstbesten Ofen werfen, nur weil ich Gebrüder Grimm gehört hatte?

Ganz bestimmt nicht. Ich denke, wir dürfen unsere Kinder nicht unterschätzen. Sie können recht früh unterscheiden, was Fantasie ist und was Realität. Was sich gehört und was nicht. Was ein Buch ist und was das echte Leben. Sie erleben mit uns den ganz normalen Alltag, in dem niemand mit dem Heißluftballon auf eine ferne Insel fliegt, in dem niemand Babys per Post nach Lummerland schickt, in dem niemand auf Müllkippen wohnt und Stinkerbrühe trinkt, in dem niemand Angst vor dem-der-nicht-genannt-werden-darf hat. Und wenn wir dann gemütlich auf der Couch von den Abenteuern des etwas dusseligen Dr. Brumms lesen, dann lachen wir beide. Wenn Michel aus Lönneberga den Kopf nicht mehr aus dem Suppentopf kriegt, ebenso. Wir nehmen einzig und allein gute Laune mit aus unseren Vorlesestunden. Aber wohl kaum negative Angewohnheiten.

Wir Erwachsenen sind geprägt von moralischen und gesellschaftlichen Ansichten, wir haben ganz unseren persönlichen Geschmack, Vorlieben und Abneigungen. Das gilt nicht nur für Bücher, sondern generell für Spielzeug. Ich hatte beispielweise immer eine Abneigung gegen alles, was dudelt, piept und blinkt. Und ein Faible für alles, womit man bauen und stapeln kann. Lieber bunt statt rosa. Lieber kräftig, statt pastellig. Das ist aber ganz klar meine Vorliebe. Alle meine Werte auf mein Kinder zu übertragen und – zurück zum Ausgangsthema – Kinderbücher in pädagogisch wertvoll und pädagogisch wertlos einzuteilen, halte ich für Unsinn. Erstens können wir die Kinder mit zunehmendem Alter immer weniger von Einflüssen von außen fernhalten und zweitens sollten wir ihnen viel eher vorleben, was wir für richtig halten. Ein Kind, das ein gesundes Selbstbewusstsein und ein Zuhause mit vorgelebten Werten hat, lässt sich von keinem Olchi der Welt zum Schmuddelmonster machen. Und dass Mama die fetten Fliegen noch immer grausig findet, ist ihr ganz persönliches Problem.

Also: Lasst den Kindern ihre Welten, ihre Fantasie und ihre verrückten Omas. Ein Hoch auf die Pippis. Und die Olchis wegen mir.

12 Antworten auf „Gute Bücher, böse Bücher?“

  1. Ich muss gestehen – vielleicht bin ich da auch die große Ausnahme – dass ich mich als Kind von Büchern mitunter schon habe inspirieren lassen.
    Wir hatten zum Beispiel auch einen großen Baum, in dem wir dann immer Essen und Getränke gebunkert haben (ganz wie Pippi und ihr Limonadenbaum). Und ich wollte partout ein Pferd vor dem Schlachter retten. Im Dorf gab es da so ein vernachlässigtes Pony und wir lagen dort immer auf der Lauer, um zu verhindern, dass es irgendwann weggebracht wird (was aber nie passierte) und außerdem wollten wir immer Streiche für unsere Lehrer aushecken – ich hab die Filme von Hansi Kraus gelieeeebt. Aber Moment – das war ja Fernsehen. 😉

    Aber ich bin wie du der Meinung, dass kein Kind ein Schmuddelmonster wird, wenn es die Olchis liest. Zumal es ja in den meisten Büchern eigentlich um was ganz anderes geht – um Mut, um Freundschaft, um Ehrlichkeit, Zusammenhalt… Ich glaube, das inspiriert die Kinder viel mehr als die Streiche, die die Kinder in den Büchern so aushecken.

    1. Inspirieren vielleicht schon. Aber doch nicht verderben? Ich denke auch, dass Kinder sich vielleicht was abgucken, aber sie können glaube ich schon differenzieren, was Fiktion ist. Ich war als Kind Detektiv wie die fünf Freunde. Und ich hab Tina und Tini geliebt. Bin dann doch was anderes geworden. 🙂

      1. Nee, verderben bestimmt nicht. Vielleicht nehmen die Kinder die Sachen besonders wahr, die schon so ein bisschen in ihnen stecken?
        Tina und Tini habe ich auch geliebt. Und Hanni und Nanni – ich wollte dann immer ins Internat. 😊

          1. Und ich hatte einen roten Detektivkoffer, weil mir Tina und Tini so gut gefallen haben. Die waren auch im Internat. Das war wohl irgendwie schick zu der Zeit. 😉

  2. Das scheint ja ein sehr weites Feld zu sein … im Handbuch für Kinder- und Jugendliteratur steht als „Anweisung“ für Kinderbuchautoren, dass sie nichts reinschreiben dürfen oder sollen, was schädlich für Kinder wäre, wenn es nachgemacht würde. Also keine Stinkerbrühe, keinen hohen Turm zum draufklettern bauen, um einen Stern wieder an den Himmel zu hängen, keine Superkräfte, mit denen man von Häusern springen kann, etc. p.p. Klaus Baumgart, der Autor von Lauras Stern, hingegen findet das blöd, er lässt seine Heldin auch immer wieder Sachen machen, die er seinen Kindern nie erlauben würde.
    Vielleicht ist es ja wichtig, wie gut man mit seinem Kind im Gespräch ist … Bücher sollen sich ja ganz hervorragend als Gesprächsstoff eignen 😉 Ich jedenfalls achte schon ein bisschen drauf, was ich in meine Bücher schreibe, sehe aber auch an mir selber (von damals, als ich noch ein Kind war) und meinen eigenen Kindern („Mama, da muss ich doch keine Angst haben, der Tiger ist doch bloß aufgemalt!“), dass der Unterschied zwischen Realität und Fiktion durchaus klar ist.

    1. Hallo Juliane, das ist interessant – ich wusste nicht, dass es ein Handbuch für Kinderbuchautoren gibt. Wieder was gelernt. Aber – ist solche Vorsicht keine Zensur an der Fantasie unserer Kinder? Dürfen sie sich nicht vorstellen, wie ihr Held auf einen hohen Turm klettert, um einen Stern zurückzubringen? Man kann dem Kind ja beim Vorlesen sagen, dass das in Wirklichkeit nicht geht, es doch aber durchaus eine schöne Vorstellung wäre? Wie Du schon sagst – es hängt damit zusammen, wie gut man an dem Kind dran ist und weiß, wie es tickt. Ich käme nie auf die Idee, meiner Tochter Pippi Langstrumpf zu verbieten, weil sie sich ohne elterliche Aufsicht alles erlaubt, was normalen Kindern verboten ist. Mein Kind weiß durchaus, dass im echten Leben gewisse Regeln gelten und dass Pippi eine Fantasiefigur ist. Danke für Deinen Input – jetzt bin ich neugierig auf Deine Bücher: Was schreibst Du denn?

    2. Ich bitte die Redaktion, nur diesen (rechtschreibkorrigierten) Text zu veröffentlichen!

      Schade, diese sehr interessante Diskussion habe ich erst jetzt entdeckt und hoffe, dass ich sie noch einmal in Gang bringen kann. Seit ca. einem Jahr beschäftige ich mich auf der website http://www.denkpulver.org öffentlich mit Kinderliteratur. Und zwar ganz bewußt nicht unter dem pädagogischen, sondern dem künstlerischen Aspekt. Der findet nämlich in den zahlreichen (Kinder-)buchblogs so gut wie keine Beachtung, was -pardon! – ziemlich dumm, weil letztendlich pädagogisch fragwürdig ist.
      Deshalb hat mich dieser Beitrag aufhorchen lassen. Bei dem erwähnten Handbuch, das da Anweisungen gibt, handelt es sich wahrscheinlich um das von Theodor Brüggemann. Es gibt aber auch eines mit Beiträgen von dem von uns hochgeschätzten Jens Thiele der mit einem Aufsatz auch auf unserer Seite zu finden ist. Vielleicht ist dieses Buch eine geeignetere Quelle, sofern es überhaupt für Autoren sinnvoll ist, „nach Rezept“ zu schreiben. Wir möchten alle Autoren ermutigen, sich an James Krüss zu halten, der es einmal so ausgedrückt hat: „… ich will schildern, wie es gewesen ist. Das schließt moralische oder ethische, pädagogische oder didaktische Absichten aus.“

  3. Meine Kritik an so was wie Frieder ist eine andere: die Oma motzt einfach ständig rum, und droht in ca. 50 Prozent der Geschichten Schläge an.

    Das finde ich, meinetwegen überpädagogisch, total daneben.

    Bücher transportieren genau so Werte und Gesellschaftsbilder wie alle Medien und ich finde nicht, dass Bücher per se da weniger „gefährlich“ sind.

    Meine Angst, dass meine Kinder sich durch Olchies nicht mehr waschen ist eher klein, aber dass sie durch Struwwelpeter denken, sie sterben, wenn sie ihre Suppe nicht essen, das finde ich schon eher beunruhigend.

    1. Hallo Maria, vielleicht kommt es auch aufs Alter der Kinder an. Meine Kleine ist drei Jahre alt und bekommt vorgelesen. Wenn ich das Gefühl habe, manches braucht eine Erklärung, bin ich da. Wir reden darüber, dass es in Wirklichkeit keine Drachen gibt. Auch wir haben das Buch vom Suppenkasper, der seine Suppe nicht isst. Und schon eine Dreijährige kapiert mit etwas Erklärung, dass man nicht leben kann, wenn man gar nichts isst. Wie gesagt, sie braucht Begleitung und Erklärung dazu. Aber mir ist noch kein Buch begegnet, bei dem ich mir ernsthaft Sorgen um ihr Seelenheil gemacht hätte.

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