„Guten Morgen liebe Zuhörer…

…es ist sechs Uhr siebenunddreißig“.

Die Stimme der Radiotante drang an mein Ohr und wurde von einem Boten auf einem kleinen Tretroller in Empfang genommen. Er kurvte mühsam durch schlafsandgefüllte Gehirnwindungen in Richtung Zentrale. Der Hausmeister in meinem Hirn knipste verschlafen die Lampe an, als es klopfte. Er schlüpfte in seinen kleinen, grauen Arbeitsmantel, den, mit dem Herzchen-Flicken auf dem Ärmel, und schlurfte an seinen Schreibtisch. Der Bote hatte eine Nachricht hinterlassen. Er zog die kleine Schreibmaschine vor und tippte mit zwei Fingern „Zentrale an Bewusstsein: Die Radiotante sagt, es sei sechs Uhr siebenunddreißig. Bin ab sofort übrigens auf dem Posten, ihr könnt den Extremitäten sagen, der Tag kann beginnen. Ende. PS: Sechs Uhr siebenunddreißig ist ungefähr eine Viertelstunde zu spät.“
Das Fräulein, das in der Bewusstseinsabteilung sitzt, nahm das maschinenbeschriebene Blatt aus ihrem Posteingangskörbchen. Sie las. Las noch eimal. Sie nahm die Brille mit den violett-gerahmten, schmetterlingsförmigen Gläsern ab und ließ sie an der kleinen goldenen Kette baumeln. Dann griff sie zum Hörer: „Ist da der Hausmeister? Jürgen? Hör mal! Sechs? Ist das ein Schreibfehler? NEIN? Ja dann lös gefälligst Alarm aus!“ Sie hatte kaum den Hörer auf die Gabel geknallt und den roten Knopf gedrückt, als sich aus ihrem Holzschreibtisch mit einem leisen, rythmischen Piepen eine moderne Schalttafel erhob. Mit flinken Finger drückte Fräulein Gerlinde grüne und blaue Knöpfe, drehte Regler und schraubte an Rädchen. Am Schluss bewegte sie mit einem fast sadistisch anmutenden Lächeln den Adrenalin-Schieber.

„SCHATZ, WIR HABEN VERPENNT!“ Mit diesen Worten saß ich aufrecht im Bett. Ich spürte das Adrenalin aus meinen Poren dampfen und mein Herz hämmerte. Hinter mir saß mein Mann, dessen Kreislauf ebenso auf Hochtouren lief wie meiner. „Nee… es ist erst kurz nach halb sechs…“
Ich starrte diese dämliche analoge Uhr an, die zu lesen ich nicht im Stande bin, wenn eine von beiden Gehirnhälften noch schläft während Fäulein Gerlinde in meinem Oberstübchen den armen Jürgen zusammenscheißt und der übelgelaunt zurückblökt. Die Zeiger… ja doch, einer stand so irgendwie nicht ganz nach unten und der andere war ein bisschen über der Mitte. Könnte also sein, dass Herr Venus recht hatte. Ich plumpste ächzend in meine Kissen zurück.

Fräulein Gerlinde grinste. Fehlalarm also. Kam öfter vor. Das Knopfbrett senkte sich leise piepsend wieder in den Holzschreibtisch. Sie wischte über die glatte Oberfläche und rückte den Füllfederhalter gerade. Im Posteingang raschelte Papier. Sie nahm den Analysebogen in die Hand und setzte die Schmetterlingsbrille wieder auf. „Systemtest – Aufgetretene Fehler: 0. Vitalfunktionen: OK. Reaktionszeit: 3 Sekunden.“ Fräulein Gerlinde legte das Blatt zufrieden in den Ordner ab, auf dessen Rücken in pinken Buchstaben „Systemtests“ stand. Jürgen, den alten Brummbären, würde sie heute mittag auf einen Puddingplunder einladen und alles wäre wieder ok. Im Oberstübchen von Frau Venus.

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