„Ich gehe mit meiner Laterne…“

…tippte Rentner Rudolf B. an einem regnerischen Sommertag im Jahr 2013 in sein Skype-Fenster. Er saß auf seiner überdachten Veranda irgendwo in Wuppertal und schrieb diese bedeutungsschwangere Zeile an seinen Anglerkamerad Walter F. Als er den Text sendete, kicherte er verschmitzt. Zur gleichen Zeit schaute Renate B. in Dresden auf die Uhr ihres Smartphones. Gleich halb elf. Sie suchte sich eine freie Parkbank, stellte ihre Einkaufstüten darauf ab. Dann setzte sie sich und begann zu tippen: „Ich gehe mit meiner Laterne…“. Die sms ging an Gabi W., mit der sie sich heute mittag auf einen Kaffee treffen würde.
Melanie Z. in Stuttgart gab „Ich gehe mit meiner Laterne…“ ein in das Feld, in dem Facebook fragte „Was machst du gerade?“. Sie postete ihren Status und schaltete das iPad ab. Deswegen bekam sie nicht mit, dass ihr Beitrag innerhalb kürzester Zeit über vierhundert likes bekam. Ihre gesamte Freundesliste teilte entweder ihren Status oder postete dieselbe Zeile. Zwei Stunden später war die Newsseite von facebook voll mit der selben Zeile. „Ich gehe mit meiner Laterne…“
Ralf H. twitterte „Ich gehe mit meiner Laterne…“ am selben Sommertag morgens um halb elf. Peter U., der sich mit einem Urlaubsflieger gerade im Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen befand, bat per Funk um Landeerlaubnis und fügte an „Ich gehe mit meiner Laterne…“
Ursula F., die einen Termin in ihrer Zahnarztpraxis ausmachte, bedankte sich gerade bei der freundlichen Sprechstundenhilfe und fügte noch schnell an „Ach übrigens: Ich gehe mit meiner Laterne…“ „Alles klar“, erwiderte die höfliche Dame und sie legten auf.

Etwa zwei Stunden später in den USA. Bei der NSA war gerade Schichtwechsel gewesen. John P. setzte sich mit einer Tasse Kaffee an seinen Rechner und stutzte. Das Datenvolumen in Deutschland war heute morgen punkt halb elf Ortszeit so hoch wie selten. Ein paar klicks später staunte er noch mehr. „Ich gehe mit meiner Laterne…“ las er. Er kopierte die Zeile in den Google-Translater. „I go with my lantern“ las er verblüfft. „So what?“ fragte er sich leise, als er auf das blinken eines roten Kontrolllämpchens aufmerksam wurde. „What the fuck“, murmelte er leise, als er sah, dass dieser merkwürdige Satz auch im deutschen Flugverkehr mehrfach identifiziert wurde…
Er griff zum Hörer. „Mr. President… there’s something going on…“

Wenige Minuten später stürmte Barrack Obama grußlos in den halbdunklen Raum. „Did you check what that sentence means?“ blaffte er seinen Untergebenen an. „I did but… it’s a kid’s song…“
Ein Kinderlied? Der Präsident schluckte. Es konnte sich nur um einen versteckten Code handeln. „Tell me more about that song“, wies er John P. an. „I’m afraid Sir… something really bad will happen soon. The song says – rabimmel, rabammel, raboom boom boom…“
„Boom“ flüsterte Barrack Obama mit geweiteten Augen und schluckte trocken. Er machte auf dem Absatz kehrt und sich auf den Weg ins Verteidigungsministerium…

Wenige Stunden später atmeten Angela Merkel, Thomas de Maizière und Guido Westerwelle laut vernehmlich auf. Mit vereinten Kräften hatte man den Bündnispartner davon überzeugen können, dass eine Zeile aus einem Kinderlied nun wirklich keine internationale Bedrohung darstelle. Dass man sich ehrlich nicht erklären könne, was in das eigene Volk gefahren sei, dass man aber künftig alles daran setzen werde, solch sinnlose Kommunikation besser zu prüfen und abzufangen. Im Namen des Weltfriedens. Dass man erleichtert sei über die Besonnenheit, die einem von amerikanischer Seite trotz dieser Provokation begegnet sei.

Angela Merkel verabschiedete die beiden Herren und schloss ihre schwere, abhörsichere Bürotür hinter sich. Entkräftete goss sie sich einen zweiten grünen Tee ein, ließ sich in ihrem Amtssessel plumsen und drehte die Lautstärke ihres Internetradios auf.
Sie hörte Nena singen „…99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister, hielten sich für schlaue Leute, witterten schon fette Beute, riefen „Krieg“ und wollten Macht…“ und schaltete das Radio ab. „Rabimmel, rabammel, rabumm“, murmelte sie und schlürfte an ihrer Tasse. Gerade nochmal gut gegangen. Diese Spinner aber auch.

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