Und wie Du wieder aussiehst…

Brigitte. Kennste, ne? DIE Brigitte. Die es schon vor Jahrzehnten am Kiosk gab. Die mit den Klamotten- und Stylingtips, mit Pflege- und Diättips. Mit Back- und Koch- und Einrichtungstips. Eine Frauenzeitschrift. Millionenfach verkauft an – schätze ich jetzt einfach mal – Frauen. Die lässt auch ihre Leserinnen zu Wort kommen. Löblich.

Und die? Finden zuviel Frausein irgendwie doof. Unemanzipiert. Verachtenswert sogar.

Ich bin heute auf diesen Leserbeitrag gestoßen.

Es geht dabei um eine Geschäftsfrau, die sich von ihren Geschlechtsgenossinnen mehr Professionalität im Job wünscht. Sie erzählt, dass sich ihr Bewerberinnen in unsäglichen Outfits vorstellen. Bauchfrei, Badelatschen, Burka. Sie würden in dekolletierten Oberteilen herumstaksen und sich dann wundern, warum sie ohne Auftrag nach Hause gehen. Denn wer SO angezogen ist, braucht gar keine Preisliste mehr aus der Tasche zu ziehen. Kann ja nix werden. (Regel Nr. 1: Die Kompetenz und das Aussehen sind untrennbar miteinander verbunden. Wer einen Ausschnitt trägt, hat nichts im Hirn. Gilt auch für Highheels. Merken!)

Mit gutem Willen kann ich nachlässige Kleidung, zumal beim Vorstellungsgespräch, noch als berechtigte Kritik verstehen, wenngleich es mich wundert, dass offenbar NUR solche Frauen bei der Dame nach einem Job suchen. Aber ihr Apell, weniger Weiblichkeit zu zeigen, hört bei der reinen Klamotte nicht auf. In der „Werkstatt“ gebe es Streit. Im Text heißt es: „Ach, eine Mechanikerin hat eine Affäre mit einem Mechaniker angefangen. Nicht schon wieder! Wie oft hab ich zu den Mädchen gesagt, dies ist ein Arbeitsplatz, keine Datinghotline. Merkt euch „Never fuck the company“ und handelt danach.“

Ah. Natürlich, und immer lockt das Weib. Ob sie zu den Mechanikern auch gesagt hat, lasst gefälligst die Finger von den Mädels? Ne, die haben nämlich keine mascaragepinselten Wimpern, mit denen sie klimpern könnten. Damit, das weiß doch jeder, nehmen ganze Kriege ihren unrühmlichen Anfang! (Regel Nr. 2: Weiber sind schuld an allem. Können ihre Fleischeslust kaum im Zaum halten. Am besten gar keine einstellen!)

Im Netz überschlagen sich die Kommentare dazu. Viele schreiben, sie wäre schlicht neidisch auf attraktive Frauen und machen abfällige Kommentare über ihr Porträtbild. Tatsächlich lese auch ich gewissen Frust aus ihren Zeilen. Der natürlich davon kommen mag, dass sie es tagein tagaus mit vollbusigen Barbies ohne Qualifikation zu tun haben könnte, wer weiß das schon.

Und dann denke ich an meine eigene berufliche Laufbahn zurück. Und an meinen Kleiderschrank. Zwar ohne Dekolletee, aber mit 12-cm-Absätzen. Mit Röcken und Blusen und engen Shirts und engen Jeans. Ich habe die letzten Jahre in einem sehr männerdominierten Betrieb gearbeitet und habe es überlebt. Und nicht nur das – ich habe Freunschaften fürs Leben gefunden und mich sehr wohl und gut aufgehoben gefühlt. Ich wurde nicht täglich belästigt, ich wurde nicht angegrabscht und meine Kompetenz wurde nicht in Frage gestellt. Und das, OBWOHL ich es wagte, im Sommerkleid und mit mascaragepinselten Augen da aufzulaufen. Ich bin übrigens auch von einer Frau eingestellt worden, die von meinem Zeugnis und von meinem ersten Eindruck einfach überzeugt war. Ob sie meine Schuhe zur Kenntnis genommen hat, weiß ich nicht.

Natürlich gibt es für eine Stelle unpassende Bewerberinnen, natürlich gehört bauchfrei nicht in ein Büro und natürlich kann eine Liebschaft für Ärger im Betrieb sorgen, aber die arme Frau wird doch auch noch normale Frauen treffen? Ihr einseitiger Rundumschlag ist an Polemik und Klischee kaum zu überbieten. Warum sind es denn immer Frauen, die sich und ihren Mitstreiterinnen das Leben schwer machen? Würde ein Mann es wagen, sich so über Frauen zu äußern, würde man ihm Sexismus vorwerfen. Frauen, würde man rufen, dürften tragen was sie wollen und müssten sich nicht verhüllen, nur damit kein Mann einen zweiten Blick riskiert. Das Ende vom Lied ist jetzt offenbar – Frauen, seid gleichberechtigt, lasst Euch nicht von Männern runtermachen, DAS KÖNNT IHR AUCH NOCH SELBST! Was das in einer modernen Frauenzeitschrift zu suchen hat, ist mir ein absolutes Rätsel.
(Übrigens: Wenn ich auf der Brigitte-Seite weiter gucke, finde ich eine Anleitung zum Wimpern-Länger-Tuschen, ich finde die Wahl zum Haarschnitt des Jahres und ein Interview mit einer Kosmetikproduzentin. Hoffentlich tragen die Leserinnen nur Make-up, wenn sie zum Kartoffelnholen in den Keller gehen und nicht etwa ins Büro. Womöglich bricht beim nächsten Augenaufschlag sonst der Krieg aus.)

2 Antworten auf „Und wie Du wieder aussiehst…“

  1. Hihi, ich habe jetzt den Artikel durchgelesen und weiß natürlich, was Dich so aufregt. Total überzeichnet, total übertrieben und bewusst provozierend.

    Ich denke auch, das gehört in keine Frauenzeitschrift.

    Aaaaaber…. also ich habe tatsächlich auch einige Vorstellungsgespräche mitbekommen, wo ich ähnliches oder schlimmeres dachte wie: „Mädchen wolltest Du Dir die Stelle erschlafen?“
    Das hat nix mit HighHeels oder Mascara zu tun, weil man damit durchaus sehr professionell aussehen kann. Selbstverständlich. Alles eine Frage des Stils, der Intelligenz und Ausstrahlung.
    Aber wenn junge, naive Mädchen frisch von der Schule irgendwie glauben, dass sie nur ihre Brust präsentieren müssen (und das tun einige, weil sie genau damit in der Schule auch gut durchgekommen sind), dann fragt man sich schon wohin soll es laufen? Also ich will sagen, eine grundsätzliche Ansstandsformel, die es früher zu Zeiten der Autorin gab, ist wirklich weggefallen. Ich weiß noch, wie ich vor 20 Jahren darauf beharrte zu einem Vorstellungsgespräch in DocMartens aufzutreten (ansonsten züchtig und ordentlich) und Gott und die Welt mir voraussagte, dass das nichts werden wird (ist aber doch was geworden). Aber heute gibts diese Dresscodes nicht mehr, keine Eltern, die warnen.

    Ich will sagen, den Kern der Beschwerde, dass junge Frauen, strotzend vor Selbstbewusstsein, glauben allein ihr Aussehen reiche, kann ich nachempfinden. Das hat mich echt als reine Beobachterin der Szenen auch häufig geärgert und ich dachte eben: Mensch, wer glaubst Du bist Du? Was sind denn Deine Leistungen????

    Ich denke nicht, dass Jemand wie Du auch noch ansatzweise angesprochen war, aber sicher auch die meisten der Brigitteleserinnen nicht.
    lg
    manu

    1. Ich hab ja geschrieben, es gibt Sachen, die nicht gehen. Aber die Autorin tut so, als ob Frauen, die sich ein bisschen zurechtmachen, grundsätzlich zu verteufeln sind. Was an „mascaragepinselten Wimpern“ denn ein Problem sein soll, verstehe ich einfach nicht. Sie geht ja nicht nur mit Bewerberinnen so ins Gericht, sondern auch mit Mechanikerinnen, die sie offenbar ja schon mal eingestellt hat. Persönlich fühle ich mich nicht angegriffen, aber ich finde sowas schlicht frech und anmaßend. Ich würde ja auch nicht schreiben, guck mal, wie altbacken und bieder die rumläuft, kein Wunder lebt sie mit Tieren zusammen. Diesen Dresscode gibt es durchaus noch und in Schulen bekommt man das auch beigebracht.

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