Komm mit…

Flucht. Weg hier. Raus. Was nimmt man da mit? Geld, Kreditkarte, Zahnbürste, warme Klamotten, Reisepass?

Ganz so dramatisch flüchte ich nicht. Ich war mit leichtem Gepäck unterwegs, ein zu dünner aber schicker Wollmantel, ein kleines Täschchen. Und ich war froh, auf meinen zehn-Zentimeter-Absätzen nicht weit flüchten zu müssen. Denn manchmal muss die Flucht aus dem Alltag nicht gleich in ein anderes Land oder gar auf einen anderen Kontinent führen. Und wie lange die Reise dauert, spielt eigentlich auch keine Rolle. Zwei Stunden können ganz schön viel sein.

Am Dienstagabend habe ich den Herzensmann an der Hand genommen und bin mit ihm geflüchtet. Raus aus der abendlichen Routine, raus aus dem Alltag mit wuseligem Kleinkind. Wir sind ohne Frage beide Eltern mit Herz und Seele. Die kleine Nachteule begleitet mich den ganzen Tag, uns den ganzen Abend, bringt uns zum Lachen, lockt uns auf den Fußboden zur Legokiste. Das ist schön und wir machen es beide gern. Aber irgendwann blinkt der Akku mit der Herzchenanzeige drauf und möchte dringend wieder aufgeladen werden. Zwischen Wäsche und Windeln, zwischen „Heute im Büro“- und „Heute im Supermarkt“-Gesprächen, zwischen Vereinssitzung und Fernsehberieselung bleibt kaum Zeit, sich mal wieder in die Augen zu gucken. Einfach so, weil sie schön braun und blau sind. Sich an den Händen zu halten und keinem unbeeindruckt weitererzählenden Kind nebenbei Brotkrümel aus den Haaren zu fummeln. Erwachsenengespräche führen zu können, ohne sich selbst mitten im Satz für ein „Lass das liegen“, „Pass auf, das fällt runter“, „NICHT DAS MESSER!“ unterbrechen zu müssen.

Wir werden vermutlich nicht die einzigen Eltern sein, die das erleben. Sicher wissen viele, was ich damit sagen will, dass Kinder sich in einer Du-und-ich-Kiste einen Mittelpunkt nehmen, der bisher mit Zweisamkeit besetzt war. Aus Du und ich wird ein wir, ganz selbstverständlich, von einem Tag auf den anderen. Das ist ok, solange man nicht vergisst, wie die Sache mit der Familie mal angefangen hat – nämlich mit Herzrasen und Schmetterlingen im Bauch – und eben mit Du-und-ich.

Zwei Apfelschorle, zwei Tassen heiße Schokolade. Das angenehme Stimmengewirr fremder Menschen, braune Lederbänke, die sich unterm Hintern ganz anders anfühlen, als das heimische Sofa. Röhrenjeans und Wimperntusche statt Schlafihose und Nachtcreme. Zwei Stunden, zwei Getränke, zwei Menschen und ganz viel wir. Unsere winzige Flucht aus dem Alltag hat uns daran erinnert, wo die Wurzeln unseres gemeinsamen Baums sind. Dass Geborgenheit, Verantwortung, Fürsorge, Rücksicht recht junge Triebe sind. Dass die Wurzeln Verliebtheit, Zweisamkeit, Herzklopfen sind. Manchmal muss man die Äste kurz dem Wind überlassen und sich ganz unten an den Stamm lehnen. Und wenn es auch nur im Café ums Eck und für zwei Stündchen ist.

 Inspiriert für diesen Eintrag hat mich das Projekt BIWYFI (Beauty is where you find it) auf dem Blog von Luzia Pimpinella. Und natürlich der Herzensmann himself.

6 Antworten auf „Komm mit…“

    1. Ich glaube, alle Eltern kennen das. Man verliert sich ein bisschen aus den Augen vor lauter Umtrieb und Terminen. Wir versuchen, das jetzt öfter zu schaffen. Manche Paare haben einen festen Date-Abend im Monat, mal gucken, ob wir das hinkriegen.
      Liebe Grüße, Nicole

    1. Hallo Kati, willkommen auf meinem Blog! Und vielen Dank für Deine lieben Worte. Ich denke, viele Eltern kennen das. Und nicht nur Eltern, auch Paare, die im Beruf eingebunden sind, verlieren sich manchmal zwischen Wer-bringt-den-Müll-runter und wer-kauft-morgen-Milch… Ab und zu tut so ne kleine gemeinsame Flucht einfach gut. 🙂

  1. Ich mag die Art wie du schreibst und ich kann dir so gut nachfühlen… in meinem Beitrag geht es ums gleiche Thema, wir brauchen die Auszeit von den Kindern manchmal so dringend – das musste ich auch erst lernen und akzeptieren…
    Liebe Grüsse,
    Julia

    1. Hallo Julia, vielen Dank! Ich beobachte das viel unter jungen Müttern – viele sind der Ansicht, sie müssten sich 24 Stunden um das Kind drehen, damit es ausreichend Ansprache und Förderung erhält. Ich finde es gut, dass man sich viel mit seinem Kind beschäftigt. Aber bei manchen beschleicht mich das Gefühl, dass sie die Frau, die sie mal waren (vor dem Mamasein) völlig aufgeben. Wer sich nur noch als Eltern und übers Kind definiert, verliert auch den Partner aus dem Blick. Man muss vielleicht Einschränkungen akzeptieren und Kompromisse machen, aber die Zweierbeziehung nicht von jetzt auf gleich ad acta legen. Unsere Kleine ist zwei, wir mussten das auch erst lernen. (Und jetzt geh ich schnell mal gucken, was Du geschrieben hast!) Liebe Grüße, Nicole

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