Ein bisschen Helene schadet nicht

Ich habe mir geschlagene fünf Minuten überlegt, wie ich diesen Blogpost anfangen soll. Ich habe tief Luft geholt und mir überlegt, was ich eigentlich sagen will (alte Journalistenregel). Fassen wir also gleich mal zusammen:
Ich war beim Konzert von Helene Fischer. Ja, ich höre, wie ihr die Luft anhaltet. Aber wartet, es kommt noch dicker – es war nämlich großartig! Bevor jetzt jemand sagt – aber iiiiih, Helene Fischer, Ohrenkrebs, ganz furchtbar – ja, sie singt Deutsch. Und nein, Dinge wie „Wir wollten doch eine Ewigkeit mitten im Paradies“ sind nicht unbedingt geistig hochtrabende Literatur. Aber es ist Pop. Und Unterhaltung. Und eine gigantische Show mit tollen Musikern und Tänzern. Im Übrigen lässt sich darüber streiten, ob Zeilen wie „unter meinem Reeegenschiihirm-schihirm-schihirm-schiii-schiii-schiii“ oder „Ich werde wie ein Vogel durch die Nacht fliegen, fühle meine Tränen trocknen
Ich werde am Kronleuchter schaukeln, am Kronleuchter“ inhaltlich wertvoller sind, wenn man das Original übersetzt. Aber wo war ich?

Ah, bei Helene Fischer. Da waren 39999 Leute außer mir. Und alle wollten nur das eine – sich verzaubern lassen von einer irren Bühnenshow, mitsingen, mitjubeln, für ein paar Stunden gut unterhalten sein. Und damit hat sie ihren Auftrag erfüllt. Ich würde nach wie vor von mir behaupten, kein unbedingter Schlagerfan zu sein, aber hey, erstens ist das Gesamtpaket eher Pop als Schlager und zweitens hat Musik nur eine Mission – zu erfreuen. Und das hat wunderbar funktioniert. (Ich käme übrigens nie auf die Idee, soziale Netzwerke mit meiner Abneigung gegen … sagen wir … öhm … Böhmische Blasmusik zuzumüllen.  Wenn ich was nicht hören will, geh ich halt nicht da hin, wo man es spielt und dreh das Radio ab. Für die, die sich über die Hits von Helene (Fans sagen nur Helene!) so aufregen.)

Was nehme ich von dem Abend mit? Viel.

Erstens: Die Frau ist eine Perfektionistin. Drei Stunden lang ohne Pause durchzupowern ohne stimmlich oder körperlich nachzulassen, erfordert Disziplin und Kondition. Vermutlich wären die glückseligen Fans mit weit weniger schon zufrieden gewesen. Aber ist es nicht schön zu erleben, dass es Leute gibt, die ganz offensichtlich eine Freude daran haben, anderen Freude zu bereiten? Die tatsächlich für das Geld, das sie mit dem verdienen, was sie richtig gut können und spürbar lieben, auch wirklich etwas von sich geben? Und kann man daraus nicht für sich selbst mitnehmen, dass es erstrebenswert ist, bei „ganz gut“ nicht aufzuhören, wenn man es noch besser machen kann? Dieses extra bisschen Fleiß, das Quäntchen Ehrgeiz, das Fünkchen mehr zwischen gut und sehr gut zu geben? Hört sich philosophisch an, gell? Und da sag noch einer, Schlager sei was Seichtes.

Zweitens: Ein Abend allein mit meinem Mann, Hand in Hand in einem von winzigen Lichtern zauberhaft illuminierten Stadion zu stehen und jemanden von nie enden wollender Liebe und Sehnsucht singen zu hören HAT SCHON WAS ROMANTISCHES. Jaha. Solche Abende sind für uns etwas sehr besonderes, denn sie sind, seit dem das Kind da ist, rar gesät. Was auch wieder schön ist, denn neben der Tatsache, ein wundertolles Kind zu haben, lehrt uns das Leben so, solche Augenblicke noch viel mehr als früher zu schätzen. Der einfachste Weg zum Glück führt über die Dankbarkeit für die kleinen Dinge.

Drittens: Ja … drittens. Die dritte Erkenntnis des gestrigen Abends – wir werden alt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mir Landei die Landeshauptstadt plötzlich wie New York City zur Rushour vorkommt. Dass ich beim U-Bahn-Fahren mit der Nase fast an der Scheibe klebe, weil ich alles so bestaunenswert finde wie es sonst nur meine Zweijährige tut. Und dass mir die jungen Leute in der vermeintlichen Schlange bei Starbucks vor mir höflich erklären, dass ich mich am falschen Ende anstelle. Danke auch.

PS: Und viertens: Wenn ich um zwei nachts schlafen gehe, fühle ich mich total verrückt und durchgeknallt. Und verschlafe am anderen Morgen den Wecker. Dreimal. Und das Kind mit. 9:45 Uhr, ftw. Siehe drittens. (Aber hey: Die Hölle morgen früh – ist mir – egaaal…;) )

7 Antworten auf „Ein bisschen Helene schadet nicht“

  1. Toller Post 🙂 !
    Ich war dieses Jahr auch bei Helene, zum ersten Mal, dafür gleich 2x (Köln und Stuttgart). Das mit dem 2 Mal war zwar ursprünglich nicht geplant, hat sich aber total gelohnt. Über Köln hab ich auch gebloggt:

    https://litlagletta.wordpress.com/2015/06/17/eigentlich-hore-ich-ja-gar-keinen-schlager-konzertbericht-helene-fischer-in-koln/

    Übrigens war das Konzert in Stuttgart nochmal um ein paar Klassen besser als das in Köln, Helene hat sich in Stuttgart irgendwie selbst übertroffen und das Publikum auch und wenn ich darüber geschrieben hätte, dann wäre der Post vermutlich nur ein wirres Fangirlgeblubber 🙂

    1. Ich habe übrigens noch einen Klugscheiß-Nachtrag „Swing from the chandelier“ ist wohl im Englischen eine Art Slang Ausdruck für „bei einer Party so richtig abstürzen“ und eher nicht wörtlich zu übersetzen (ich hab das tatsächlich mal gegoogelt, weil ich den Songtext so merkwürdig fand 😀 ). Aber davon abgesehen stimme ich dir 100% zu, dass 99% der englischen Poptexte jeden deutschen Schlager an Doofheit weit übertreffen (und deutsche Pop-Texte finde ich meist furchtbar anstrengend, weil die auch kitschig sind, aber von den Künstlern ernst gemeint sind und für wichtig genommen werden)…

      1. Hallo und guten Morgen! Hab mich über Deine ausführlichen Kommentare gefreut und Deinen Bericht gelesen. Lustig, dass es anderen auch so geht – Helene ist nicht einfach in eine Schublade zu stecken. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.helene-fischer-in-stuttgart-der-orkan-fischer-fegt-durch-die-arena.e24ab43a-7874-41ed-a9be-8a82a6111f1d.html DAS da ist ein Fanboy! 😉 Aber recht hat er. 😉 Freu mich, wenn Du mal wieder vorbeiguckst! Liebe Grüße, Nicole

        1. Ich werde ganz sicher wieder vorbeigucken, das ist wirklich ein ganz toller Blog, mit interessanten Themen, den ich ja nur ganz zufällig über Instagram gefunden habe 🙂 (sowas kann also auch mal ein schöner Nebeneffekt vom Suchen nach #helenefischer sein ). Und ich bin ja auch ein Landei 😉

          Ich möchte ja selber auch schon seit Jahren gerne regelmäßig bloggen (so wie man früher schon seit 20 Jahren immer schon ein Tagebuch führen wollte), es scheiterte bisher immer am „damit anfangen“, aber ich hoffe jetzt wo ich mal losgelegt habe, bleibe ich auch dran.

  2. Ich gehöre zu denen, die beim Namen Helene Fischer aufstöhnen.

    Wobei es Lieder von ihr interpretiert gibt, die ich gerade deshalb schätze, weil sie diese mit ihrer Stimme füllt und so schön rüberbringt.
    Zumindest war es mal so, wenn sie jetzt „Let it go“ singt ist da viel Perfektionismus aber weniger Leidenschaft drin, da war ich eher enttäuscht.

    Hingegen fasziniert war ich, als ich auf einem Gospelkonzert war, durch dass es sich eher zu quälen galt, und am Ende sangen die Sänger auf allgemeinen Wunsch Atemlos. In der als solchen nach wie vor benutzten Kirche. Und sie hatten Spaß für 10 in den Backen und das Publikum (alles gediegene Herrschaften) tobte.
    Beeindruckend.

    Atemlos selbst find ich aber auf jeder Ebene ziemlich belanglos. Und ich mag keine emotional platten Texte, genausowenig auf englisch übrigens. Mir sind Texte immer sehr wichtig.

    Was ich eigentlich sagen will, ich find auch sie ist ne tolle Frau, hat ne tolle Stimme, ihr Schlagermedley mag ich z. B. auch gerne, aber wenn etwas auch mit banaleren Dingen ständig sooo präsent ist, dann beginnt man irgendwann zu stöhnen. Das ist irgendwie menschlich.

    Weniger Helene Fischer und ich würde nicht aufstöhnen will ich sagen.

    Aber ansonsten gibt es nichts Besseres als ein solcher erlebnisreicher, füllender Pärchenabend! Ich freu mich für Euer Erlebnis!

    (Kronleuchter??? Ich überlege immer noch, welches Lied Du meinen könntest. )
    🙂
    lg manu

    1. Hallo Manu! So sind Geschmäcker verschieden. 😉 Wie ich ja geschrieben hatte, habe ich einfach großen Respekt vor der Gesamtleistung. Dass jemand tatsächlich nicht nur eine Dreiviertelstunde „gut“ abliefert, sondern fast drei Stunden alles gibt.
      Den Kronleuchter hörst Du gerade im Radio rauf und runter, guckst Du hier: https://www.youtube.com/watch?v=-KXPLT2Xk5k
      Chandeliiihiiiiiier … Ich freu mich, öfter von Dir zu lesen! (Du darfst auch aufstöhnen, ich kann das ab. 😉 )
      Liebe Grüße,
      Nicole

  3. Sia ist übrigens eine Musikerin, die meiner Meinung nach früher sehr sehr tolle außergewöhnliche in Richtung Jazz/Soul/Folk gehende Pop-Musik gemacht hat (ich liebe vor allem das Album „Some people have real problems“). Heute macht sie leider ziemlich typische überproduzierte Mainstream-Pop Musik, wobei ich jetzt nicht behaupten will, dass „Chandelier“ und das dazu gehörige Album nicht gut sind.

    Ich mag übrigens belanglose Musik auch sehr gerne, ich höre Musik aus sehr unterschiedlichen Gründen (Atemlos geht immer 😀 ). Ich mag das nicht, wenn man Musik so ernst nimmt. Aber ich finde es trotzdem schade, wenn jemand der etwas wirklich Außergewöhnliches gemacht hat, dann ins Banale wechselt, des Erfolgs wegen.
    Helene dagegen ist ja keine „Künstlerin“, ich denke das ist nicht ihr Anspruch, sie ist eine Entertainerin und will das auch sein. Das passt dann für mich wieder und ist auch authentisch.
    Ihren Perfektionismus mag ich übrigens auch nicht uneingeschränkt, bzw. ich finde er bremst sie manchmal aus. Manchmal fehlt ihr deswegen die Lockerheit und die Intensität und wenn sie dann auch noch im TV so gräßlich altbacken gestylt ist, könnt ich grad schreien als Fan. Wobei das auf der Tour dieses Jahr kein bisschen der Fall ist (meine Mutter meinte „das ist ja eine ganz andere Frau als im Fernsehen!“). Ich hoffe ja, sie kann sich vielleicht etwas von dieser Ausgelassenheit und Lockerheit in ihre weitere Karriere mitnehmen.

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