Von knittrigen Groupies und echten Fans – ein Abend bei ZZ Top

Bevor wir ein Kind hatten, waren wir jeden Samstagabend unterwegs bis tief in die Nacht. Als dann das Kind da war, traf dies ebenso zu, allerdings bezog sich das unterwegs sein nur noch auf nächtliches Abschreiten unseres dunklen Flurs mit greinendem Kind auf dem Arm. „Das wird auch wieder besser“, sagten uns Menschen, die es wissen müssen. Und sie sollten Recht behalten – die Kleine steuert jetzt auf ihren dritten Geburtstag zu und entlässt uns gerne mal einen Abend in die Freiheit, solange das bedeutet, dass sie ihre geliebte Oma dann für sich alleine hat. Und so kam es, dass ich meinem Mann zum Geburtstag Karten für ZZTop schenkte.

Während wir uns also gestern Abend unters Open-Air-Volk mischten und den Gitarrenriffs lauschten … betrieb ich Sozialstudien. Es liegt vielleicht daran, dass wir eine gewisse Ausgeh-Abstinenz hatten. Oder dass wir noch nie bei ZZTop waren. (Oder dass ich einfach gerne Leute gucke.) Auf alle Fälle habe ich Euch einen nützlichen Konzertbesucher-Guide zusammengestellt, der Euch helfen wird, euch zwischen den Menschen, die just neben Euch Bierbecher in die Luft recken und laut hörbar ein anderes Lied singen als die Band, zurecht zu finden.

Seid ihr bereit? Los geht’s!

Erstens. Die hörsturzgefährdete Hausfrau

Sie hat von ihren Kindern zum Geburtstag Konzertkarten geschenkt bekommen. Den Namen der Band kennt sie aus ihrer Jugend (immerhin spielen die Jungs sei 1969!) und das eine Lied …das ganze bekannte … an das erinnert sie sich auch. Weil ZZTop eine andere Hausnummer ist als Bach und Beethoven, greift diese Konzertbesucherin zum wildesten und verrücktesten Outfit, das sie wirklich nur auf ein solches Konzert trägt: Karottenjeans, original aus den Achtzigern mit hohem Bund, einem türkisfarbigen Spaghetti-Top mit Spitze und Glitzer am Ausschnitt, das sie seit 24 Jahren nicht mehr in der Hand geschweige denn am Leib hatte, und Turnschuhen mit neongelben Einsätzen. Wenn die Band anfängt zu spielen, erstarrt die hörsturzgefährdete Hausfrau (die man übrigens außerdem an einem frechen, flotten, feschen Kurzhaarschnitt erkennt, gerne mit Strähnchen in einer Farbe für die es nur auf dem HKS-Fächer eine Nummer gibt) kurz ob der schieren Lautstärke, vor der sie niemand gewarnt hat. Dann bewegt sie sich sachte in der Hüfte schaukelnd von einem Bein aufs andere, stets bedacht, niemandem zu nahe gekommen. Noch Tage später wird sie ein unangenehmes Pfeifen auf den Ohren haben, das sie so lange begleitet, bis sie das türkise Top wieder gestärkt und gefaltet unter den Shirt-Stapel schiebt. Bis zum nächsten Mal.

Zweitens. Der tätowierte Türsteher.

Er fällt allein durch seine Abmessungen auf. Er ist größer und breiter als der durchschnittliche Besucher und als wäre das nicht genug, trägt er auf seinem plakativen Körper allerlei unidentifizierbare Kunst zur Schau. Aus dem schmalen Steg seines Muskelshirts, der sich zwischen seinen Schulterblättern spannt, ranken Dornenhecken, Totenköpfe, Frauengesichter mit geöffneten Lippen und laszivem Blick und allerhand kryptische Zeichen, die in einer anderen Kultur vermutlich ein Hinweis auf Fruchtbarkeit und Wohlstand sind (oder „das Pfund Hackfleisch heute für nur 1,99“ bedeuten). Er kennt ZZTop natürlich. Er kann die Texte mitsingen. Jedenfalls das, was er für den Text hält. Aber er tut es nicht. Er steht da als sei er aus dem Boden des Marktplatzes gewachsen und starrt auf die Bühne, nippt an seinem Bier und bewegt allenfalls den Kopf im Takt. Wenn der Abend spät geworden ist, schlüpft er in sein verwaschenes Bandshirt, zupft an seinem grauen Pferdeschwanz, reckt womöglich eine Hand gen Himmel oder pfeift durch die Finger. Aber nur vielleicht.

Drittens. Der johlende Jahrgänger.

Er freut sich schon seit WOCHEN auf das Konzert. Mit Engelszungen hat er auf seine Kegelkameraden eingeredet, den Ausflug ausnahmsweise nicht, wie jedes Jahr, zum Wettfischen an den Waldsee zu machen, sondern die Kasse in Konzertkarten für ZZTop zu investieren. So steht er enthusiastisch als einziger mit einem Bandshirt von 1998 in einem Grüppchen Männern um die 50, die sich möglichst locker geben wollen und genau deswegen auffallen. Oder wegen ihrer bunten Poloshirts oder karierter Kurzarmhemden, die sie zu beigen Cargohosen tragen, die man am Knie mittels Reißverschluss ihres Restbeins beraubt hat. Auf dem Kopf tragen sie einen grauen Kurzhaarschnitt und wegen der Sonne eine Schildmütze, die es mal beim ADAC bei einer Buchung dazu gab, an den Füßen Treckingsandalen. Während sie sich das Treiben auf und vor der Bühne also hüftwackelnd angucken, geht ihr Anführer in der Mitte richtig ab. Er reißt die Arme in die Höhe und singt aus Leibeskräften mit. In kurzen Abständen guckt er sich nach den anderen um, legt einem seiner Kumpels den Arm um den Hals, um ihm ins Ohr zu brüllen, dass es doch echt toll sei hier und dass die Musik echt geil sei. Die anderen haben ja keine Ohren. Der Kumpel nickt und lächelt. Und prostet tapfer mit seinem Bierbecher und freut sich aufs Angeln am Waldsee. Nächstes Jahr.

Viertens. Der konzentrierte Künstler

Er ist auf dem Konzert, ohne eigentlich dort zu sein. Zumindest macht er selbst durch seine völlig unbewegliche Körperhaltung den Eindruck. Für alle anderen ist er durchaus sichtbar, fällt er ob seines äußeren Erscheinungsbilds doch auf wie ein bunter Hund. In einer eher scharzen Masse sticht er heraus mit weißem Hemd und blauem Seidenschal, als hätte sich der Kapitän vom Traumschiff auf ein Piratenboot verirrt. Er trägt ein auffallend buntes Brillengestell in Aqua-Tönen und eine helle Leinenhose, die in handgenähten Budapestern mündet. Er bewegt sich nicht, er applaudiert nicht. Er singt nicht, er trinkt nicht. Er steht nur da und beobachtet die Band mit wissenschaftlichem Interesse, als analysiere er das Paarungsverhalten von seltenen Achatschnecken. Erst, als die Musiker abschließend die Bühne verlassen, klatscht er dreimal bedacht in die Hände, um sich umzudrehen und Platz zu verlassen. Vermutlich, um am heimischen Schreibtisch ein Essay über den Abend zu verfassen. Für das Rolling Stones Magazin oder so.

Fünftens. Das knittrige Groupie

Das knittrige Groupie ist eine Gattung, die nur im Rudel auftritt. Es sind Freundinnen, die sich seit vielen Jahren kennen und vermutlich die Bandgeschichte von Anfang an verfolgt haben. Was das Älterwerden angeht, muss beim knittrigen Groupie vor etwa 15 Jahren eine Verweigerungshaltung eingesetzt haben, die dazu führt, dass es jetzt mit sonnenbankgegerbter Lederhaut und schwarzgefärbten Haaren auf dem Marktplatz steht, kreischt und sich für 25 hält. Nägel und Lippen leuchten in fluoreszierendem Pink, ansonsten trägt das knittrige Groupie schwarz. Leder, Spitze, Netz, was der Schrank hergibt, und zwar in Kombination. Die Füße stecken in Keilstiefeletten mit Glitzern, aus denen sich ein hallux valgus unschön abzuzeichnen beginnt. Das mag der Grund sein, warum es das knittrige Groupie kaum im Stehen aushält. Es gröhlt, kreischt, beugt sich nach hinten beim Singen oder geht in die Knie, schmeißt die Arme in die Höhe, dass die siebzehn Armreifen scheppern und fühlt sich wie Bonnie Tyler in dunkel. Um die Groupiegruppe herum bleibt ein bisschen Raum, weil keiner in den Radius der pinken Nägel kommen möchte. Oder aber, weil die ekstatische Riege in eine Wolke gehüllt ist, die man sonst nur vom Besuch einer Kaufhausparfumerie kennt. Am Tag nach dem Konzert wird es die Beine auf die Gartenbank hochlegen und sich höchstens humpelnd dem Rosenschnitt im Garten widmen. Oder eine Runde im Solarium entspannen.

 

Zu welcher Kategorie ich mich zähle? Zu gar keiner natürlich. Ich war die stille und schmunzelnde Beobachterin am Rande, die einen lauen Sommerabend mit Lieblingsmensch genossen hat und langbärtigen Opis beim Rocken zugucken durfte.

Habt einen schönen Samstag ihr Lieben!

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