Was sag ich meiner Tochter? #Hebammenprotest

Dieses Posting ist Teil dieser großartigen Aktion von Anna (BerlinMitteMom). Heitere Storys aus meinem aufregenden Leben und hübsche Fotos von leckerem Essen müssen mal kurz warten. Das Anliegen ist zu wichtig.

„Nur nicht die Luft anhalten, immer schön weiteratmen“, hatte mir meine Hebamme gesagt und trotzdem tat diese verflixte Nadel im kleinen Zeh jedesmal wieder weh. Ich war die letzte aus meinem Geburtsvorbereitungskurs, die noch immer eine riesige Kugel vor sich herschob, während mir meine Hebamme zwischen zwei Pieksern von den geschlüpften Babys meiner Mitstreiterinnen erzählte. Sie ahnte, dass mich mein geburtsunwilliges Mädchen langsam ein bisschen zu nerven begann. Acht Tage über Termin. Ohne Wehen. „Sie macht’s echt spannend“, meinte sie mit einem Grinsen. Als dann am Tag danach in der Klinik bei der Kontrolle das böse Wort fiel, vor dem ich mich so sehr gefürchtet hatte („Termin zur Einleitung morgen!“), rief ich sie wieder an. Sie kam abends nach ihrem letzten Termin kurz vor neun noch einmal vorbei, untersuchte mich und ließ mir wehenfördernden Tee da. „Deine Kleine ist was Besonderes“, sagte sie mit einem Zwinkern und munterte mich auf, den Kopf nicht hängen zu lassen. In der Klinik tags drauf dachte ich oft an ihre Worte. Denn nachdem die Einleitung mittels Tablette zwar unmittelbar in Wehen mündete (endlich!), wollte sich sonst überhaupt nichts tun. Immer wieder kamen unterschiedliche Hebammen diverser Schichten bei mir vorbei, redeten mir gut zu und bestärkten mich. Ich empfand die Mischung aus Betreuung und in-Ruhe-gelassen werden als sehr angenehm. Als jedoch nach gut fünfzehn Stunden Wehen immer noch kein Fortschritt zu erkennen war, ließ mich die Hebamme, die unserer Tochter schließlich auf die Welt helfen sollte, nicht mehr aus den Augen. Sie war es, die erkannte, dass ich ohne PDA nicht weiter kommen würde, sie war es aber auch, die mich keine Sekunde zweifeln ließ, dass wir das gemeinsam hinbekommen würden. Überhaupt – die Hebammen, mit denen ich zu tun hatte, strahlen alle eine beruhigende Sicherheit aus. Zu wissen, dass sie im Gegensatz zu mir nicht bei der ersten Geburt dabei waren, entspannte mich enorm. Die einzige Zeit, die ich von der Entbindung als hektisch und beängstigend in Erinnerung behalten habe, war die, als ein gescheitertes Anästhesistenteam, eine Ärztin und zwei Hebammen hinter mir standen und zuguckten, wie der aus dem Bett geklingelte Oberarzt versuchte, die PDA-Nadel durch meine verknöcherten Bandscheiben hindurchzubekommen während ich vor Wehenschmerz nicht mehr wusste, wohin mit mir. Es ist ihm letztlich gelungen, das Publikum verzog sich wieder und alleingelassen mit Mann und Hebamme konnten wir etwa anderthalb Stunden später unsere kleine Tochter bestaunen.

Die wichtigste Unterstützung in der Zeit danach hat allerdings die Hebamme geleistet, die uns im Wochenbett betreut hat. (Da hatte ich ihr die Sache mit den fiesen Nadeln längst verziehen.) Ich konnte sie mit Fragen löchern, ihr Beobachtungen schildern, sie spätabends aus dem Bett klingeln, weil ich zu den grässlichen Schmerzen in der Brust plötzlich hohes Fieber bekam und ihr alle Probleme anvertrauen, mit denen man als Frischentbundene eben so zu kämpfen hat. Ohne sie wäre unser Start als kleine Familie bei weitem nicht so glücklich und gelassen gewesen und ich bin ihr noch heute dankbar.

Unvorstellbar ist für mich, dass meine eigene Tochter in ferner Zukunft keine Hebamme mehr zur Seite haben soll. Ich habe hier meinem Ärger über die Zustände schon einmal Luft gemacht und möchte auch weiterhin dagegen anschreiben.

Wer sich beteiligen mag – ihr könnt mir Eure Erfahrungen bei der Entbindung Eurer Kinder hier in den Kommentaren schildern, ich gebe sie gerne, mit Eurem Einverständnis, an Anna von BerlinMitteMom weiter. Oder ihr folgt dem Link ganz oben und erzählt sie ihr selbst. Es wäre entsetzlich, wenn ein traditionsreicher Berufszweig sang- und klanglos untergeht. Ich will wenigstens meiner Tochter nicht sagen müssen, ich hätte es nicht mit meinen Mitteln zu verhindern versucht.

 

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