Ich bin ein Fossil.

Eine Zeugin längst vergangener Zeiten. Gestrandet zwischen „neuen Frauen“. So komme ich mir wenigstens heute vor.
Auslöser dieses Gefühls war die simple Bemerkung einem Kollegen gegenüber, er solle sich doch nicht die Hemdsärmel bis zum Ellbogen krempeln, die seine Freundin vorher mühevoll gebügelt habe.
Er bekam einen ans Hysterische grenzenden Lachanfall und erklärte mir, als er wieder zu Atem gekommen war, dass er allenfalls SELBST bügle, aber dass seine Freundin für ihn noch kein Bügeleisen in die Hand genommen hätte. Als ich dann einen zufällig vorbeikommenden anderen Kollegen fragte, ob seine Freundin denn die Hemden für ihn bügle, guckte er mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob seine Freundin Bart trägt. Eher, so meinte er, würde er ein Bügeleisen an den Kopf bekommen, würde er es wagen, sie um die Plättung seiner Wäsche zu bitten.
Eine Kollegin schließlich versetzte meinem grade auf die Knie sinkenden Selbstbewusstsein schließlich den Todesstoß, indem sie mir erzählte, dass sie sogar getrennt voneinander Wäsche wuschen.
„Aber wenn ihr so damit zurecht kommt, dann ist es doch in Ordnung für Euch“, waren ihre letzten Worte, bevor sie milde lächelnd in ihr Büro verschwand. Und ich? Fühle mich be-lächelt. Weil ich für meinen Mann nicht nur die Wäsche wasche, ich lege ihm auch die Socken zusammen und in die Schublade, putze unsere Wohnung und schüttle sein Kopfkissen auf. Ich kaufe ein und sauge Staub, ich putze Fenster und wechsle Bettwäsche, ich schrubbe Badfugen und lüfte Räume. Ich. Nicht er.

Was ist Emanzipation? Muss mein Mann überall da mitmachen, damit ich mich emanzipiert fühlen kann? Muss ich ihm, wenn er um neun von seiner Imkerei nach Hause kommt, verschwitzt und verklebt, den Staubsauger in die Hand drücken und ihn mit dem Putzplan wedelnd auf seine Pflichten hinweisen?
Fühle ich mich dann besser? Sie sei eben ein Alphatier, meinte meine Kollegin. Das Wort begleitet mich seither. Alphatier.
Wikipedia sagt:
„Alpha-Tier bezeichnet in der Verhaltensforschung das Leittier einer Herde oder eines Rudels. Alphatiere sind in der Regel die kräftigsten, erfahrensten und aktivsten Tiere der Gruppe. (…)
Der Begriff Alpha-Tier bezieht sich auf Alpha, den ersten Buchstaben im griechischen Alphabet: Alpha-Tiere sind also die „ersten“ (sprich: in der Rangordnung am höchsten stehenden) Tiere ihrer Gruppe.“

Das beruhigt mich. Denn erstens führen wir eine Ehe und kein Rudelleben und zweitens würde Alphatiersein bedeuten, dass ich das ranghöhere Tier in unsere Ehe bin. Und mein Mann ein Betatier, also mir untergeben.
Grausige Vorstellung. Wir stehen auf Augenhöhe, so sieht man sich sprichwörtlich besser, als wenn einer von oben auf den anderen herabguckt. Und drittens steht da auch, dass Alphatiere die aktivsten und erfahrensten sind. Nicht die, die die Arbeit gerne andere erledigen lassen, um sich mehr „alpha“ zu fühlen.

Je länger ich drüber nachdenke, desto emanzipierter fühle ich mich, weil ich diesen ganzen „ich-bin-so-emanzipiert-weil-mein-Mann-den-Haushalt-schmeißt“-Kram offenbar nicht nötig habe. Ich definiere mich nicht über den Gebrauch eines Putzlappens und selbiger degradiert mich auch nicht zur Putzfrau. Wenn man sich seiner geistigen Fähigkeiten bewusst ist und weiß, was man kann, fühlt man sich auch vom Hemdenbügeln nicht in seiner Ehre gekränkt. Allen Alphatierchen kann ich nur sagen – ein Alphatier hat jedes Rudel nur eines. Ganz schön einsam da oben, oder? Ich denk noch ne Weile drüber nach. Nur nicht jetzt. Die Waschmaschine pfeift.

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