Von Traditionen und Überraschungen

Ich liebe Überraschungen. Viel mehr noch, als selbst überrascht zu werden, macht es mir Spaß, andere zu überraschen. So wie gestern. Wir hatten in der Krabbelgruppe Laternen gebastelt – wir erinnern uns – und haben uns gestern Abend verabredet, um mit den Kindern (und Omas und Freundinnen und und und) durch den Ort zu ziehen. Was niemand wusste und ich ganz furchtbar schlecht für mich behalten konnte (es aber gar heldenhaft doch geschafft habe): Nach unserem Spaziergang durch die neblige Novemberkälte wartete in unserer Garage heißer Apfelpunsch und Gebackenes auf die Martinsläufer.

Wir stapften also singenderweise durchs Dorf und machten in der Hebammenpraxis kurz Halt, um den sich rückbildenden Mamas ein Ständchen zu bringen. (Das war übrigens nicht nur für die Mamas, sondern auch für mich eine Überraschung, plötzlich ist die vorderste Laternenläuferin durch die Tür ins Haus verschwunden und wir zogen singenderweise und lindwurmartig hinterher…)

Als wir dann endlich in Richtung Garage unterwegs waren, spurtete der beste Papa meiner Tochter voraus und zündete alle Lampions und Kerzen an. Die Stimmung war so zauberhaft und die Mädels und die Kinder hatten strahlende Augen! Und am meisten habe ich mich gefreut, dass mir die Überraschung so gut gelungen ist, dass alle Freude hatten und dass die Atmosphäre so schön war. Wir haben uns die Finger an den heißen Bechern voll Apfelpunsch gewärmt und Lebkuchen und Sankt-Martins-Äpfel gegessen. Wie, ihr kennt die nicht? Doch doch, dieses Backwerk hat TRADITION! Zumindest ab sofort. Denn eigentlich wollte ich am Montagnachmittag mal eben kurz Martins-Brezeln backen, musste aber feststellen, dass meine Feinmotorik zum Brezelschlingen nicht ausreicht. Ich klatschte einen Teigklumpen nach dem anderen aufs Blech und wurde zunehmend mürrischer. Als ich schließlich fünf oder sechs dieser unförmigen Knoten auf dem Backblech liegen sah, warf ich die gesamte Produktion frustriert wieder in die Teigschüssel. Also gibt’s eben keine Brezeln. Aber dafür Hanselmänner. Dachte ich. Denn auch diese glichen in meinen Augen eher unglücklichen Sumoringern und wollten mir nicht gleichmäßig gelingen. Ich grübelte. In meiner Backschublade fand sich leider auch keine Gansform, mit der man hätte Martinsgänse ausstechen können. Dafür aber Äpfel. Also beschloss ich, dass es ab sofort eben Sankt-Martins-Äpfel gibt.

Diese Tradition kennt ja schließlich jeder. JEDER, GELL? (Ich bitte dies in den Kommentaren zu berücksichtigen.) Ich habe ihnen zum Abschluss noch ein grünes Blatt mit dem Anfang eines Laternen-Liedes verpasst und damit schloss sich der Kreis zu Sankt Martin perfekt.

Falls jemand bei Apfelpunsch jetzt Lust auf Wärmendes bekommt, hier das Rezept:

3 Liter Apfelsaft in einem Topf erwärmen. Zwei Orangen auspressen und den Saft dazugeben. Zwei weitere Orangen schälen und in Scheiben schneiden und diese mitkochen. Das Mark einer ausgekratzten Vanilleschote hinzugeben, ebenso etwas Zimt und je nach Belieben mit Honig abrunden, damit der Punsch nicht zu säuerlich wird. Kurz aufkochen und in Thermoskannen füllen, so hält er sich eine ganze Weile warm.

A propos Überraschungen: Gestern wurde ICH überrascht. Und WIE!

Ich erzähl dann später, wenn es nicht mehr für mich behalten muss. Bis dahin bleibe ich heldenhaft tapfer. 🙂

PS: Überrascht war ich heute morgen übrigens auch beim Blick auf den Wecker. Mein Tochterkind schlummerte seelig neben mir und es war schon nach neun. NACH NEUN! Der Morgen war hektisch wie selten, ich räume jetzt erstmal den Frühstückstisch auf, komme nämlich grad heim von einem Termin. Sagte ich, ich liebe Überraschungen? Nun ja. 🙂

3 Antworten auf „Von Traditionen und Überraschungen“

  1. Solche „neuen Traditionen“ haben doch das Zeug dazu, geliebte Traditionen zu werden. Ich habe auch so eine – bei mir gibts jedes Jahr eine „Scottish Christmas Water-Party“. Eigentlich immer am 3. Advent. Da sind die Leute noch nicht im akuten Weihnachtsstreß. Es beginnt „ab 16 Uhr“. Also muß sich also auch niemand hetzen – denn es geht gerne bis Mitternacht.

    Und ich backe NICHT selbst dafür – wer mag, bringt die ersten Plätzchen mit – sonst gibt es traditionell gekauftes (mit Absicht). Dafür aber das bewußte Scottish Christmas Water (wie Grog – aber aus Whiskey), heißen Cidre, Glühwein und – wenn alle des Süßkrams überdrüssig sind – etwas herzhaftes wie Leberkäs, Gulaschsuppe oder Zwiebelkuchen.

    Die Gäste sind gemischt – 20 bis 25 sind es oft – aber meist ja nicht gleichzeitig.

    Diese Party gibt es seit fast 20 Jahren…. war auch mal neu – und ist jetzt eine liebgewordene Tradition.

    1. Das klingt tatsächlich nach Tradition! Solche Rituale sind toll und man sollte sie pflegen, solange alle Spaß dran haben! Dann schon mal jetzt viel Freude beim Feiern!

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