„Brich jetzt ein Tabu!“

Dieser Satz war’s, der mich zum Öffnen des violetten Umschlags gebracht hat. Hätte dort gestanden „Schnell öffnen und gewinnen“, hätte ich das Dingens sofort ins Altpapier befördert. Aber welch ein Glück, dass ich mich gut mit Tabus auskenne und meine Neugier geweckt war, denn ich hätte glatt DIE Erfindung des noch jungen Jahres verpasst. Sie wird mein, ach was, unser aller Leben auf den Kopf stellen. Mit uns meine ich uns Frauen. Uns Frauen zwischen Pubertät und Menopause.

Der Umschlag war aus einer Frauenzeitschrift gerutscht, die sich JOY nennt und auf deren Cover ein vor Lebensfreude luftspringendes Mädchen in die Kamera strahlt. Was da rauskommt, dachte ich mir, muss ja sensationell sein.

Und so verkündet der Umschlag beim ersten Lösen der Klebelasche: „Jede weiß es. Aber keine spricht darüber.“ Was konnte das sein? Ich kostete den Moment der süßen Ungewissheit weiter aus und stelle Mutmaßungen an. Hat jemand einen Magneten erfunden, mit dem man Fusseln aus männlichen Bauchnäbeln zieht? (JEDE weiß, dass die da sind, aber keine spricht darüber.) Hat einer herausgefunden, wie man mit dem Smartphone Selfies macht, die tatsächlich aufs erste Mal gelingen? (JEDE weiß, dass man nur auf Selfies Pickel/Falten/Schokoschmierer in den Mundwinkeln hat, dass man seltsam verpeilt und hochkonzentriert an der Kamera vorbei guckt, dass man ein Doppelkinn oder eine Faltenstirn hat, oder oder oder, und dass man nach fünf Selfies aufgibt und alle löscht)

Aber nein. Weit gefehlt. Die Erfindung ist viel bahnbrechender, als man es sich erträumen kann.

Beim Öffnen des Faltblattes purzelt ein Plastiktütchen in babyblau mit aufgedruckten Herzchen und dem Firmennamen heraus. Und das ist – ein Entsorgungsbeutel für Tampons! (Ich hoffe, ihr haltet jetzt völlig geflasht den Atem an)

„Für die Beseitigung von Tampons mit ruhigem Gewissen“, heißt es weiter. Denn der Beutel sei blickdicht (großartig!), geruchs- und keimfrei, verfüge über einen sicheren Verschluss und passe in jede Handtasche.

Ich sitze da und starre auf das Plastiktütchen. Liebe Erfinder … So ein Tampon befindet sich an einer sehr persönlichen Stelle des weiblichen Körpers. Noch NIE wäre ich auf die Idee gekommen, bei dessen Wechsel einen öffentlichen Ort aufzusuchen, an dem ausgerechnet ein kleines hellblaues Tütchen die nötige Diskretion oder ein ruhiges Gewissen hergestellt hätte. Ich kann ja nur für mich sprechen, aber ICH suche Toiletten auf. Wenn nicht meine eigene, dann eine im Café, Restaurant, Kaufhaus, wo immer ich auch vorhabe, mich untenrum komplett freizumachen. Und dort, das kann ich Euch versichern, gibt es Hygienebeutel. Die sind aus Papier. Dort steht auch Toilettenpapier zur Verfügung, man kann sich vorher und hinterher die Hände waschen und beim Anblick eines grauen, verschlossenen Papiertütchens fällt hoffentlich keine Putzfrau beim Leeren der Mülleimer in Ohnmacht. (Ich zuhause übrigens auch nicht, ganz ohne Papiertüte.)

Am meisten irritiert mich der Hinweis mit der Handtasche. Noch NIE stand ich auf einer Toilette, hatte seufzend ein Tamponbändchen in der Hand und bedauerte, mich von dem Corpus Delicti auf alle Ewigkeit verabschieden zu müssen. Noch NIE hatte ich das dringende Bedürfnis, meine Tampons mitzunehmen und für sie einen Platz in meiner Handtasche zu suchen. Vielleicht habt ihr an Frauen gedacht, die in den Schweizer Bergen an Seil und Haken hängen, sich mit einer Hand kurz am Felsvorsprung einhaken und mit der anderen den Tampon wechseln. Vielleicht bräuchten die ein Tütchen, um ihre Hinterlassenschaften nicht der alpinen Umwelt zuzumuten. Aber jede andere Frau findet einen Weg, ihre benutzten Tampons blickdicht, keimfrei und mit gutem Gewissen zu entsorgen, ganz ohne den Plastikmüllberg auf dieser Welt noch weiter zu erhöhen.

Falls ihr aber mal die Waschmaschine mit Bügel- und Faltfunktion erfindet – steckt sie mir in einen violetten Umschlag, ich wäre Euch auf ewig dankbar.

6 Antworten auf „„Brich jetzt ein Tabu!““

  1. WIE konnte ich nur 47 Jahre alt werden ohne diese bahnbrechende Erfindung? Vermutlich ist das die wichtigste Erfindung und Innovation seit „die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Mißverständnisse“ (klar – das größte ist, daß Generationen Männer glaubten, daß Frauen blaue Flüssigkeit absondern….)

    Auch ich versichere glaubhaft, daß ich noch nie in der unglücklichen Situation war, meine benutzten Tampons verzweifelt in meine Handtasche zu stopfen 😉

    Fazit: habe Tränen bei diesem Blogbeitrag gelacht.

    1. Ich bin froh, dass Du auch keine Tamponsammlung in Tütchen hast. Ich weiß gar nicht, was die sich denken … wo wird man seinen Tampon jetzt wohl mit Tüte wechseln? OK, womöglich beim Wandern hinter einem Holzstoß. Aber wie oft kommt das wohl vor? Ich mache trotzdem jetzt Wette – die Dinger verkaufen sich.
      Freut mich, wenn Du lachen konntest! 🙂

      Aber wie… keine blaue Flüssigkeit?! Was bist Du denn für eine?!

  2. Was mich jetzt (ich gestehe – ich mußte das Ding jetzt googlen….) noch mehr schockt: der UVP für eine Packung mit 2 x 6 solche Tütchen ist 3,29 €.
    Das ist pro Stück erheblich teurer als die teureste Tamponmarke!
    Oder – um es anders zu sagen: Bei Aldi bekomme ich eine Monsterpackung Tampons (also je nach Größe zwischen 56 und 80 Stück Inhalt) für 2,75 €. Und dann soll ich Tütchen kaufen für über 3 €, um 12 davon zu entsorgen?
    Ich hab Weihnachtsgeschenktüten, die billiger waren!

    1. Wie wäre es, wenn du in die übriggebliebenen Tütchen nächstes Jahr einfach Weihnachtsgeschenke… ich meine … wer freut sich nicht über ein schickes Stück von Tiffany in einem hellblauen hübschen Tütchen mit Herzchen…
      Der Preis ist echt der Hammer. Aber ich wette nochmal, die finden ihre Käufer.

  3. Ich habe ja immer noch nicht verstanden, welches Tabu frau mit so einem Tütchen bricht. Aber ich bin ja auch ein Mann und beschäftige mich so ungern mit Tampons wie Frauen mit männlichen Nabelfusseln.

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