Ich bin nicht das Beste für mein Kind

Obwohl ich das sehr lange glaubte. Und in gewisser Weise möchte ich mir selbst gleich zu Beginn widersprechen – ich bin insofern natürlich das Beste, was meiner Tochter passieren konnte, weil wir eine kleine verschworene Einheit sind. Sie und ich, der Papa und wir zwei. Sie hat zwei entspannte Elternteile, die sich und ihr mit Liebe und Respekt begegnen, es wird nicht rumgeschrieen, keiner muss hungrig ins Bett oder – was noch schlimmer wäre – hat überhaupt keines. Es geht uns gut. Als das Kind auf die Welt kam, war ich also überzeugt davon, ich würde das alles selber am besten hinkriegen. Nur ich. (Es gab auch Phasen, in denen ich an meinen Mutterqualitäten zweifelte, aber so generell konnte mir keiner.) Müttercafés? Allein die Vorstellung war mir ein Graus. Als ich des Berufs wegen eine Leiterin eines solchen einmal interviewte, zählte sie mir als Grund für den starken Zulauf auf, dass es für Mütter doch toll wäre, auch mal von den Problemen anderer zu hören. IM ERNST? Ich fand es immer toll, mit Leute zu reden, denen es gut geht oder die zumindest ganz anders gelagerte Probleme hatten als nächtliches Zahnen, Fieber oder Entwicklungsschübe. Probleme wälzen ist ohnehin nichts, was ich gut kann, weil ich ihnen schlicht nicht soviel unnötigen Raum geben will. Aber dann auch noch mit völlig Fremden bei dünnem Kaffee? Och.

Aus ähnlichen Gründen mied ich im ersten Lebensjahr des Kindes alles, was mit Bespaßung von außen zu tun hatte. Wir waren weder im Musikgarten noch beim Babyschwimmen. Ein kleines Mädchen, das gerade gelernt hat, alleine zu sitzen, braucht noch keine Termine, sondern vor allem Zeit und ein vertrautes Umfeld, sich und seine Welt zu verstehen. Mit einem Jahr dann stellte ich fest, dass das Kind andere Kinder interessant zu finden beginnt. Ich beschloss, testweise eine örtliche Krabbelgruppe zu besuchen. Wir setzten uns auf den Teppich und das Tochterkind wurde eins mit der neuen Umgebung, krabbelte mit den anderen mit und eroberte das Spielzeug. Ich sah, dass es gut war (huch!) und wurde Krabbelgruppenleiterin (weil halbe Sachen mag ich ja auch nicht.)

Davor war allerdings bereits etwas passiert, schleichend, was mir lange nicht recht bewusst war. Ich hatte mein Kind zu einem gewissen Grad losgelassen ohne es zu merken und damit auch seine Erziehung abgegeben. In die Hände der Omas. Während ich also immer noch glaubte, das Kind könne alles, was es kann, entweder, weil es ein natürlicher Entwicklungsschritt sei oder weil ich es ihm beigebracht hatte, wird jetzt immer deutlicher: Die Omas mischen mit. Es kommt also öfter mal vor, dass sie etwas tut, was mir ein reflexartiges „Lass mich das machen, das kannst du noch nicht“ entreißt. Und dann tut sie es doch. Mit Bravour. Und diesem schelmenhaften Grinsen, das übersetzt heißt „Mann Mama, klaaar kann ich das!“ (Füge wahlweise ein: Gemüse und Obst mit einem scharfen (!) Messer kleinschneiden, Suppe mit dem Schöpflöffel alleine in den Teller füllen, die schräge Leiter an der Rutsche hinaufkraxeln, die Treppe hinunterlaufen, sich im Kettenkarussel wirklich fest halten … )

Woher sie das kann? Bei Oma gelernt. Omas sind eine großartige, lebenskluge, erfahrene Institution. Sie können abschätzen, was sie dem Kind zutrauen können, greifen ein, bevor jemand zu schaden kommt und nehmen freimütig verkleckerte Tischdecken, verbröselte Teppiche und zermatschte Erdbeeren in Kauf. Wo ich aus vielerlei Gründen längst das Zepter übernommen hätte, lassen sie die Kleine entdecken und gewähren. Erstaunlicherweise akzeptiert das Fräulein, dass es diesen Unterschied zwischen Omas und Mama gibt und stellt die Grenzen weder hier noch dort in Frage. Wenn das Kind mit seinen zweieinhalb Jahren dann im Restaurant „ich möchte bitte trinken“ sagt und das feine Glas unfallfrei vom Tisch holt, trinkt, und es wieder zurückstellt, wo es Wochen zuvor noch „Ich will Wasser!“ sagte und nach der Plastikflasche griff, ist das sicher nicht allein meiner Erziehung zu verdanken. Sie lernt nicht nur von mir, sondern von allen vertrauten Menschen in ihrer Umgebung. Ich lerne, dass das gut ist. Den nächsten großen Schritt werden Erzieherinnen im Kindergarten mit ihr gehen. Vermutlich werde da auch eher ich sie loslassen müssen, als sie mich. (Kurzer Exkurs – mein Mann und ich waren angeblich beide schüchterne Kinder. Im ersten Familienurlaub klebte ich an Mamas Bein und hatte mich wohl am allerletzten Tag dazu durchringen können, mich zu einem anderen Kind in den Sand zu setzen. Mein Kind ist heute auf einem großen Spielgelände, nachdem wir es ihr erlaubt hatten, fröhlich und pferdeschwanzwippend davongehüpft in ein Spielhäuschen, das bei dem Geräuschpegel nicht mehr in Ruf- aber noch in Sichtdistanz war. Die anderen Kinder fand sie so spannend, dass sie ihnen in den Sandkasten hinterhergelaufen ist. Von MIR hat sie das nicht.) Womöglich muss Mama sich also von dem Gedanken langsam verabschieden, dass ich der Mittelpunkt ihrer Welt bin. Ich begnüge mich dann halt damit, dass sie immer ein bisschen der meinige bleiben wird.

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