Das Sackgesicht am Frühstückstisch

Der langjährige Blogleser mag sich jetzt über die Überschrift wundern. Er möge meine Wortwahl entschuldigen, aber trotz intensivster Grübelei fällt mir kein passenderer Ausdruck ein für den Herrn, der uns beinahe am Samstagmorgen im Hotel die Laune verdorben hätte. Beinahe natürlich nur, denn wir waren ja im Urlaub und das Sackgesicht nicht. Und gute Laune ist etwas, was bei uns in keinen Koffer passen würde.

Es war offenbar geschäftlich in Augsburg, dort fand eine Messe für Elektrogroßhändler statt. Und es saß zufällig zwei Tische von uns entfernt beim Frühstück. Eigentlich hätte ich der Herrenrunde keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Aber das Sackgesicht machte lauthals auf sich aufmerksam, als es mit seinem Teller vom Buffet zurück zum Tisch kam und sich darüber aufregte, dass das Hotel dasselbe Essensangebot wie vor fünf Jahren habe. „Alles noch wie vor fünf Jahren! Dieselbe Wurst! (Ich denke, er meinte die gleiche, alles andere wäre dann wirklich skandalös) Derselbe Käse! Hier hat sich NICHTS geändert! Das ist un-glaub-lich!“ So wie er es sagte, war klar, dass er von dem Konzept „never change a running system“ noch nie gehört hatte. Und mal ehrlich – Die Auswahl auf dem Buffet war reichlich und deckte wirklich alle Geschmäcker ab. Vielleicht hätte er sich italienische Mortadella gewünscht oder Blutwurst. Aber für den normalen Esser war einfach genug da. Als dann die Bedienung kam (das Frühstück wurde von Hotel-Azubis und einer Dame mit gestrengem Blick gewuppt), gab es wieder lauten Protest: Offenbar hatte sie beim Einschenken einen Tropfen Kaffee auf der Untertasse oder dem Tisch hinterlassen. Sie hatte sich gerade zum Gehen gewandt, da blaffte das Sackgesicht los: „So nicht! Aber SO nicht, meine Liebe! Das ist ja wohl unerhört!“ Sie wischte etwas auf dem Tisch herum und entschuldigte sich vielmals. Stoisch lächelnd. (In dem Moment wurde mir mal wieder klar, dass ich in dem Job keine zwei Wochen überleben würde. In der Situation wäre mir nämlich eine sehr, sehr bedauerliches Missgeschick mit der Kaffeekanne passiert. Dann hätte er wenigstens Grund gehabt, aufzujaulen.) Er beschwerte sich noch minutenlang über den Service, sagte immer wieder „Das gibt’s doch nicht“ und mittlerweile hatten auch andere Hotelgäste den unangenehmen Zeitgenossen entdeckt, denn das Paar am Tisch zwischen uns rollte auch schon mit den Augen und schüttelte den Kopf. Herr Venus, der sich bis zu diesem Zeitpunkt zurückgehalten hatte, wurde dann auch laut. In dem Moment nämlich, als sich am anderen Ende des Raumes zwei kleinere Kinder, deren Eltern grade am Aufbrechen waren, jagten. Sie kicherten und lachten und waren etwas lauter. Wie Kinder halt sind, wenn sie Spaß haben. Das Sackgesicht war grade von einem weiteren Gang zum langweiligen Buffet zurückgekehrt (es schmeckte dann wohl doch), und sagte „Jetzt muss man das Geschrei auch noch ertragen? Wo sind denn da die Eltern, so was gibt’s ja nicht!“ Meinem Mann, dessen Ader am Hals gefährlich sichtbar pochte, erklärte dem Sackgesicht über zwei Tische hinweg und laut genug, dass er es hören musste, dass wir seine unangenehme Anwesenheit schließlich auch ertragen müssten und dass er das eigentliche Übel in diesem Raum sei. Auch das Paar am Nachbartisch schüttelte abermals die Köpfe und den Kollegen des Sackgesichts war der Auftritt des Trottels offenbar peinlich.

Wir beschlossen dann, uns den Tag von dem Miesepeter nicht verderben zu lassen. Aber es hat mich doch bis heute beschäftigt. Gerne hätte ich ihm gesagt, dass die Kinder von heute, über die er sich so aufregte, in 25 Jahren seinen Allerwertesten saubermachen. Leider ist mir das zu spät eingefallen. Nichts macht mich sprachloser, als offen zur Schau gestellte Arroganz und Überheblichkeit. Ich begnüge mich mit dem sicheren Wissen, dass er die schönen Stunden in seinem Leben vermutlich an einer Hand abzählen kann. Und dass ihn sein unmögliches Verhalten eines Tages einholen wird. Denn: Karma is a bitch.

PS: Lustigerweise hat Sternenkratzer ganz ähnliches erlebt am selben Wochenende. Wir werden doch nicht an Denselben geraten sein?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.