Jetzt, später, viel später?

Wenn es um mein Kind geht, bin ich relativ unbeeindruckt von „guten Ratschlägen“ von außen. Wir handhaben unseren Alltag so, wie es sich für uns richtig anfühlt. Dinge in unserem Tempo zu tun, Möglichkeiten auch mal auszulassen (kein Pekip, kein Elba, kein Säuglings-Feng-Shui), das fühlt sich für uns einfach richtig an.

Trotzdem begegnen mir nicht nur als bloggende und lesende Mama, sondern auch als Mutter in der Gesellschaft Familien, die Dinge grundlegend anders machen als wir. Ist ja völlig normal. Was bei uns wunderbar funktioniert, funktioniert bei anderen vielleicht überhaupt nicht. Was wir uns gar nicht vorstellen können, ist in anderen Familien das Normalste der Welt. Jeder so, wie er es für richtig hält.

Es wäre aber vermessen zu behaupten, dass mich andere Konzepte nicht manchmal nachdenklich machen. Wer ist sich schon immer sicher, genau das Richtige zu tun. Man kann ja mal übern Tellerrand gucken. Während ich also eher zu den relaxten-das-Kind-gibt-das-Tempo-vor-der-Rest-findet-sich-fördern-aber-nicht-überfordern-Müttern gehöre, wird es für andere Familien mit Kinder in Hannahs Alter jetzt offenbar Zeit für Hobbys. Klavierunterricht, Ballett, Fußball, Turnen. „Macht sie denn eigentlich was außer Kindergarten?“ wurde ich neulich gefragt. Und antwortete – naiv wie ich bin – „sie lebt entspannt vor sich hin und malt und spielt und guckt Bücher an und baut Türme und langweilt sich auch mal“.

Um mir in just diesem Moment bewusst darüber zu werden, dass das nicht die gewünschte Antwort war. Denn andere Dreijährige „machen was“ in ihrer Freizeit. Was Organisiertes. Was mit Termin. Was Sinnvolles. Was fürs Leben. Während mein Kind ungelenk im Esszimmer auf allen Vieren auf dem Fußboden kauert, ein Bein nach hinten in die Luft reckt und ruft „Guck mal, ich kann waaaas“, lernen andere Mädchen die ersten Ballettfiguren. Während sie auf meinem Schoß am Klavier sitzt und zu einer unbestimmten aber sehr lauten Melodie „Atemlos“ von Helene Fischer skandiert, lernen andere Dreijährige Tonleitern.

Im Moment ist das eben so. Aber heute in drei Jahren? Was wird in der Schule sein? Wird sie dieses „Defizit“ spüren? Wird sie das Gefühl haben, wir hätten ihr etwas vorenthalten? Werden wir den Eindruck haben, die anderen Kinder seien unserem in ihrer geistigen Entwicklung voraus? Wird sie mal beleidigt sein, weil sie eine Ballerina zur Freundin hat, die schon seit drei Jahren professionell in weißen Strumpfhosen herumhopst während sie gänzlich ungefördert auf dem heimischen Teppich Faxen macht?

Wir können uns nur auf unser Gefühl verlassen. Das Handbuch für die einzigrichtige Erziehung war bei der Lieferung unseres Kindes leider nicht beigelegt (danke lieber Gott!). Mein Gefühl sagt mir – „Wir handhaben unseren Alltag so, wie es sich für uns richtig anfühlt.“ Und dazu gehört kein Englischunterricht für Dreijährige, kein Terminplan und keine Förderung von Talenten, die noch gar nicht wissen, dass es sie gibt.

Vielleicht denke ich in einem Jahr anders darüber. Wenn sich herauszukristallisieren beginnt, welche Interessen aus dem Kind selbst kommen. Sie verbringt viel Zeit mit uns, hat teil an unserem Leben, unserer Arbeit, unserer Freizeit. Sie bekommt dadurch vielfältige Einblicke und Anreize und wird unterstützt in allem, was aus ihrem Wesen kommt, woran sie Spaß hat. Aber sie jetzt in ein bestimmtes Muster zu pressen, ihr eine bestimmte Art von Förderung zuteil werden zu lassen, sei es in Richtung Musik, Sprachen oder Sport, käme mir in dem zarten Alter schlicht vor, wie ein Aufpfropfen elterlicher Wünsche. Klar könnte es sein, dass sie Spaß am Musizieren hat. Es könnte aber auch sein, dass sie im Handball genau so gut wäre. Welche Dreijährige kann das schon ganz allein entscheiden?

Wir warten also zu. Bis sich die ersten Freundschaften bilden. Bis sie die ersten Vorbilder unter älteren Kindern findet. Oder unter uns Erwachsenen. Bis sie in der Lage ist, ihre Interessen zu formulieren. Ich habe kurz vor der Schule mit Blockflöte angefangen. Weil ich ein Instrument spielen wollte. So viel Zeit lassen wir der Lütten auch. Und wenn sie bis zum Schulalter übrigens weder Lust auf Ballet noch auf Klavier hat – dann wird sie auch damit ein glücklicher Erwachsener werden können. Glück kommt nämlich von innen, ganz ohne Termin.

Aber neugierig bin ich. Wie macht ihr das? Gibt es bei Euch feste Termine für die Kinder? Blockflöte vs. Ballett? Ist es sinnvoll, dass Eltern etwas vorgeben, aussuchen für die Kinder? Erzählt es mir!

 

2 Antworten auf „Jetzt, später, viel später?“

  1. Ich sehe das ähnlich wie du, ich finde es schlimm, wenn Kinder (selbst, wenn sie schon was älter sind) von einem Termin zum nächsten hetzen müssen. Und gerade bei den Kleinen empfinde ich es so, wie du es sagst – da werden die Kinder irgendwo reingesteckt, wo eigentlich am Liebsten die Eltern hingehen würden.
    Oftmals sind Eltern in meinem Umfeld verwundert, dass ihre Kids keinen Spaß mehr am Hobby haben oder Probleme in der Schule bekommen – so ist z. B. der Sohn von Bekannten in der Wasserwacht, in der Feuerwehr, er lernt Geige und ist in einer Tanzgruppe. Die restliche Zeit ist für Hausaufgaben reserviert und wenn er mal nen Freund treffen will, muss mit ca zwei, drei Wochen Vorlauf ein Termin gefunden werden (ohne Scherz, hab ich schon mehrmals live mitbekommen).

    Und wie du finde ich auch, dass nicht für jedes Hobby ein Termin her muss – ein Kind kann auch mal malen, Sand spielen, basteln, lesen, Ball spielen und sich einfach mit sich selbst beschäftigen (das können viele Menschen leider nicht mehr).

    Mal sehen, wie das bei uns läuft – momentan ist unser Zwerg eh noch zu Hause, wir gehen einmal wöchentlich in eine Spielgruppe (die liebt er) und seit einiger Zeit lässt sich erahnen, dass er eine starke Vorliebe für Bälle hat. 😊

    1. Ein Kind kann sich auch mal mit sich selbst beschäftigen – das unterstreiche ich ganz dick! Ich weiß, dass die Kindheit der Eltern kein Maßstab sein muss für die Kindheit der eigenen Kinder. Aber ich habe keine Geschwister und um uns herum lebten nur alte Leute. Ich war also mittags oft zuhause und habe da gespielt und mich beschäftigt. Ich habe viel gemalt und gebastelt, viel gelesen und vor mich hingewerkelt. Und ich habe die Zeit genossen. Dass Kinder heute Verabredungen mit Freunden über WOCHEN! planen müssen, ist ein Zeichen einer überambitionierten Elternschaft, die in ihre Kinder alle Wünsche hineinprojiziert, die sie selbst vielleicht nicht ausleben konnten. Wenn das Kind dann mal acht oder neun oder zehn ist und ein Hobby sucht – ok. Aber mit drei?!
      Bälle sind doch ein super Beschäftigungsfeld! Was bei Euch Bälle sind, sind bei uns Stifte und Wasserfarben. 🙂

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