Blöder Igel!

Nicht falsch verstehen, ich mag Igel. Diese kleinen, stacheligen, possierlichen Trappeltierchen, die in unserem Garten die Flöhe auflesen und herumniesen.
Was ich nicht mag, ist im Sprechzimmer meines Arztes zu sitzen und einen Katalog vorgelegt zu bekommen. Ich möchte mir nicht vorkommen, wie mein Auto in der Werkstatt. Bei dem der freundliche Chefmechaniker aus Kulanz mal drüber guckt und mir dann anbietet, dass man für kleines Geld den Zahnriemen checken könnte. Ich will nicht scheckheftgepflegt nach Hause gehen mit eins und Sternchen.

Das Leistungsverzeichnis beim Arzt ist aber voll mit Dingen, die der Doc mit mir machen könnte, aber nicht tut. Warum nicht? Weil ich dafür nicht bezahle. Und meine Kasse auch nicht. Bei einer Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt wird also auf Ultraschall und Urintest verzichtet. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht angesprochen wird. So vage. “Wenn Sie möchten, machen wir noch einen Ultraschall. Kostet aber extra.” Dem Patienten, der nein sagt, bleibt ein schales Gefühl zurück. Hätte ich das doch machen lassen sollen? Ist mir meine Gesundheit diese Extra-Ausgabe nicht wert? Spare im am falschen Fleck?
Es ist ein perfides Geschäft mit der Angst und der Unsicherheit von Patienten, die man schlecht informiert. Ich gehe davon aus, dass ein Arzt seiner Sorgfaltspflicht nachkommt und einen Ultraschall macht, wenn er einen Grund dazu sieht. Wenn er nach einer Tastuntersuchung der Meinung ist, alles sei soweit ok und ein Ultraschall nicht notwendig, soll er es bleiben lassen. Und dann die Klappe halten. Und mir keine Möglichkeiten anbieten, die mich verunsichern, nur weil sie ihm einen extra Verdienst ermöglichen. Ich, die ich gesund bin, kann nein sagen und kann das vor mir verantworten. Wer vorbelastet ist, wird sich das vielleicht überlegen.
Wer es sich nicht leisten kann, hat nicht viel Wahl. Er wird es ablehnen müssen.
Damit werden Patienten automatisch in Klassen eingestuft. Kannst Du’s Dir leisten, dann lass den Arzt checken, was er eigentlich ohnehin tun sollte, bestünde ein Anfangsverdacht. Hast Du das Geld nicht, dann hast Du Pech gehabt. Igel ist eine ganz große Angstmacherei, die mit der Furcht und Sorge von Patienten Geld scheffelt. Für Ärzte, die keine unabhängigen Helfer mehr sind, sondern profitorientierte Unternehmer. Ich könnte kotzen.

ABC, auf ein Neues

A… wie Ameisen. Wo kommen die her? Wo wollen die hin? Zur Zeit ist es ein BISSCHEN ruhiger an der Krabbelfront. Aber hier und da begegnet mir eine in meinem Badezimmer oder – noch viel schlimmer – in der Küche. Backpulver, Köder, Streugift. Ich glaube ich züchte Resistenzen. Argh.

B… wie Badewanne. Sie ist zu klein für die kleine Große. Die stört das überhaupt nicht, aber mich. Nach jedem Badegang ist mein Badezimmer eine Wanne.

C… wie Cicero. Heißt: Kichererbse. Sagt Gerald, der alte Lateiner.

D… wie Dauerregen. Endlich hat heut mal die Sonne gescheint, wenigstens ne Weile und wenigstens ein bisschen. Ich bin bis gestern mit Sitzheizung rumgefahren. SITZHEIZUNG. Im JUNI!

E… wie Elemente. Was Wasser anrichten kann. Unfassbar. Die Bilder aus Passau schockieren mich.

F… wie füttern. Ein Kind mit sieben Monaten zu füttern ist manchmal echt eine Geduldsprobe. Der vielzitierte Sack Flöhe erscheint mir da wie eine Aufwärmübung.

G… wie Geranien. Oder eben das Fehlen solcher. Ich möchte schon seit Wochen mal meine Balkonbegrünung in Angriff nehmen. Aber es schifft oder ist schweinekalt.

H… wie Hochwasser. Das Thema beschäftigt die Medienlandschaft noch immer. Ist schon auch heftig, wie’s mittlerweile in Passau und im Osten aussieht. Da bin ich ganz ehrlich froh, dass ich nicht so nah am Wasser wohne.

I… wie Impfen. Zum Glück hat die Maus die letzte Impfung halbwegs gut weggesteckt. Die nächste steht erst im Oktober an. Und bis dahin würde ich den Kinderarzt bitte nicht mehr sehen wollen. Der ist nämlich Südamerikaner und spricht so deutlich wie Jorge Gonzales. Nur trägt er flachere Schuhe.

J… wie Jesses, verfliegt die Zeit. Gut, das war weit hergeholt. Aber stimmt doch, unser Kind ist sieben Monate alt. Ich war eben noch überrascht, schwanger zu sein.

K… wie Kohlrabi. In meinem Kühlschrank. Geschält. Für morgen. (Hilfe. Was gibt’s morgen? Was mach ich mit Kohlrabi?)

L… wie Landesgartenschau. Ist bei uns grade in Sigmaringen. Schön, bunt, hat uns gut gefallen. Und die Kleine fand’s auch cool. So im Kinderwagen. Glaube ich.

M… wie Mittagessen. Zur Zeit wird hier intuitiv gekocht. Ich nenne das so, weil es die spannende Fortsetzung von “Planlos eingekauft” ist. Man kocht, was da ist. Und stellt mal was Neues zusammen. Schmeckt nicht gibt’s nicht.

N… wie Newsfeed. Twitter überfordert mich immer noch. Könnte auch daran liegen, dass ich zuviel Zeug abonniert habe. Wenn ich alle zwei Stunden mal reingucke, muss ich mich durch hunderte tweets wühlen. Vielleicht wär weniger mehr.

O… wie Oma. Das Haus meiner verstorbenen Omi wird verkauft. Irgendwie ein komisches Gefühl, da mal vorbei zu fahren und die Leute nicht zu kennen, die da jetzt wohnen.

P… wie Papa und mein altes Handy. Keine Erfolgsgeschichte. “Die Tasten sind so klein”, meinte er kleinlaut. Glück, dass mein Mann sein altes Handy wieder zum Laufen gebracht hat. das hat groooße Tasten. Bevor er sich ein Seniorenhandy kauft, das ein bisschen aussieht wie eine Tafel Ritter Sport.

Q… wie Qualle. Wusstet ihr schon, dass Quallen sowas wie Ameisensäure in den Nesseln haben?

R… wie… Rindfleischettiketierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Ich werd’s vermissen.

S… wie schmerzhaft müssen die Zähne wohl sein, die sich grad durch Minis Kiefer bohren. Zumindest teilt sie mir ihr Unbehagen sehr lautstark mit.

T… wie Tablet! MEIIIINS! Ich hab endlich ein tolles Zeichentablet. Ein wacom, falls es wen interessiert.

U… wie Untermieter. An unserem Bienenstand wohnt ein Siebenschläfer. Der ist SOOO SÜÜÜÜSS! Ich hab ihn Siegbert getauft und er gehört mir.

V… wie Vätermonate. Im Juli und August bin ich zu dritt! Will sagen, mein Mann nimmt Elternzeit. Wir freuen uns alle schon riiiiesig.

W… wie Wandern. Würden wir gern mit der Kleinen, aber es scheitert am w wie Wachstum. Die Maus wächst eher in die Breite und ist noch zu kurz für den schicken Tragerucksack. Von mir hat sie das nicht.

X, Y… wie nixnypsilon

Z… w

Die Großwetterlage…

…am Nachrichtenhimmel: Teilweise leicht bewölkt, teilweise schwere Gewitter mit Orkanböen. Dazwischen sonnige Abschnitte.
Will sagen – der tägliche Blick in irgendein Medium zeigt einen bunten Mix aus Informationen, die für mich interessant und wichtig sind, aber auch den vielzitierten Sack Reis. Auf Deutschland bezogen ist das Thema des Tages noch immer Hochwasser, auch wenn hier der Spannungspegel so langsam fällt. Sandsäcke, Feuerwehrleute, Rettungsdienst, Evakuierte im Schlauchboot oder auf Schuppendächern, ungläubige Hochwassertouris – die Bilder ähneln sich. Sonst noch? Deutschland hat gegen die USA im Fußball verloren. Leute, die sich mit sowas auskennen, meinen “blamabel verloren”. Das längste Wort der deutschen Sprache gibt’s nicht mehr. Was natürlich nicht heißt, dass man es nicht mehr benutzen darf. Ich gehöre ja eher der “rettet die schönen Worte”-Fraktion an, aber ich muss gestehen, auch mir dürfte es schwer fallen, den Begriff “Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz” in meinen täglichen Sprachgebrauch zu integrieren. Und so schön isses wieder nicht. Was noch? Let’s dance hat einen neuen Star hervor gebracht. Er heißt Manuel irgendwie, den Rest hab ich wieder vergessen. Ich las von einer Demo von Parkschützern in der Türkei, die blutig aufgelöst wurde – S21 wird wohl bald zum Synonym für einen behördlichen und staatlichen Umgang mit Menschen, der mit Demokratie wenig zu tun hat. Die USA sind weiter windgebeutelt, auch hier macht die Natur was sie will. Ich habe sicher noch mehr gelesen und gehört heute morgen, aber ich erinnere mich spontan nicht mehr daran. Und genau darüber grüble ich seit ich auf bin nach – über meinen eigenen, subfontanellen Info-Filter. Ich konsumiere Medien auf vielfältige Art und Weise. News-Seiten im Internet, Radio, facebook-posts und tweets. Nicht zuletzt Tageszeitung. Die allerdings meist als letztes, weil mich der Rest der Welt schon vor dem Aufstehen im Bett erreicht. War die Welt einfacher, als die Menschen in erster Linie sich, ihre Familie und ihr Dorf hatten? Wer hat wem im abgelegensten Dorf erzählt, dass Krieg ausgebrochen ist? Gäbe es ein Wettrüsten, wenn Nord- und Südkorea nichts voneinander wüssten? Es ist natürlich utopisch, über eine Welt ohne Nachrichten nachzudenken. Aber was muss mein armes Hirn am hellen Morgen schon verarbeiten? Ich bin beim ersten Kaffee schon vollumfänglich informiert über das Leben ganz wo anders. Dass Angelina Jolie den ersten Auftritt nach Brustentfernung hatte, dass ein Wikileaks-Helfer mit der Todesstrafe rechnen muss. Dass bei Amazon zum dritten Mal gestreikt wird. Früher gab’s Müsli und Kaffee zum Frühstück, heute Massenaufstände und Krisen. Das Fatale: Nachrichten machen süchtig. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich die Großwetterlage des Nachrichtenhimmels beobachte, als könnte jede Minute etwas passiert sein, was mein Leben unmittelbar ändert. Fragt mich aber morgen nochmal jemand nach den gestrigen News – ich fürchte, mein Hirn hat über Nacht wieder großreine gemacht und ich habe das meiste vergessen. Das mit dem Rindfleisch-Wort zum Beispiel. Oder diesen Dancing-Manuel. Manchmal tut es einfach gut, abzuschalten. Und noch kann ich das. Habe ich gestern gemerkt. Wir haben einen Familienausflug zur Landesgartenschau gemacht. Ich hatte den Auftrag, für einen Artikel ein Bild einer der zahlreichen Attraktionen für Kinder zu machen. Die Sonne schien, die Schau war voller Familien. Ich machte Bilder. Von Blumen, vom Schloss, von Gärten, von Brücken und von uns. Auf keinem einzigen Bild ist ein Kind drauf. Ich habe es schlicht vergessen. Das mit dem Abschalten muss ich noch üben. Aber jetzt geh ich erstmal Nachrichten gucken.

Der Hochsommer ist im Anmarsch!

Das zumindest dachte ich grade eben. Als das Prasseln des Dauerregens auf meinem Dachfenster plötzlich so leise wurde nämlich. Und ich die Berge der Alb vor meinem Fenster durch den Regenschleier schon fast wieder ausmachen konnte.
Aber kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, setzte gleichmäßiges Plätschern ein und der Regen kam in gewohnter Heftigkeit zurück.
“Gib mir irgendwas, das bleibt”, summte ich vergnügt und betrat meinen Balkon. Das weiche, grüne Moos fühlte sich angenehm an unter meinen Zehen und das Schilfgras in der Ecke rauschte sacht im Wind. Ich schloss für einen Moment die Augen und lauschte dem Quaken der ersten kleinen Frösche, für die unser Meisenkasten Kinderstube geworden war. Im Garten unter mir blühten die Seerosen und bildeten einen herrlich pastelligen Farbklecks im Dunkelgrün des Wassers. Die kleinen Reispflänzlein in meinen Blumenkästen hatten sich gut entwickelt. Aber was war das? Im Spiegel der Oberfläche sah ich eine Bewegung und schaute auf. Nachbar Schmitt stand seinerseits auf dem Balkon und winkte. In seinem dunklen Neopren hätte ich ihn fast übersehen. “Sie beißen heute schlecht”, brüllte er durch zwei Hände zu mir herüber und zeigte auf die Angel, die von seinem Balkon hing. Ich lachte und hob beide Arme, zum Zeichen, dass man da eben manchmal nicht drinstecke, da hörte ich von Weitem bereits ein leises Tuckern. Schnell lief ich zum Schaltkasten, um die grünen und roten Leuchtsignale einzuschalten, damit das Postboot den Weg sicher durch unsere Gärten fand. “Ich habe heute leider keine BILD für Sie”, rief mir die Postfrau entschuldigend zu und tuckerte rüber zu Schmitt. Das Brummen des Außenbordmotors wurde leiser und ich ging zurück in die Küche. Es würde jetzt so langsam Zeit fürs Mittagessen. Seehecht oder Regenbogenforelle? Auf alle Fälle mit Meerrettich. Und zum Nachtisch Wassermelone. Das Mittagsmahl hatte mich dermaßen geschafft, dass ich meine müden Gräten ins Wasserbett warf. Ich war gerade eingeschlafen, als mich ein völlig absurder Traum heimsuchte. Ich träumte von trockenen, blühenden Wiesen. Von Geranien in Balkonkästen. Von Sonnenschein und blauem Himmel. Schweißgebadet erwachte ich und musste lachen. FRÜHLING! Pfffh… manchmal träumt man vielleicht einen Mist zusammen. Flüssigmist, versteht sich.

Hausfrau…

…, noch nicht verzweifelt. Könnte aber noch kommen. Heute ist mein letzter offizieller Arbeitstag, ab morgen nenne ich mich Hausfrau und Mutter. Aus diesem Anlass trug ich heute beim Kochen eine Schürze. Sieht sehr häuslich aus und verhindert das Bekleckern der übrigen Oberbekleidung. Beim Rühren in der Tomatensoße gab ich mir die größte Mühe, die Schürze nicht zu bekleckern, weil waschen müsste man die ja auch. Ich komme nicht umhin mir Gedanken über Sinn und Unsinn einer Küchenschürze zu machen. Aber hausfraulich aussehen tut es. Als Herr Venus nach Hause kam, flötete ich – Liebling, das Essen ist fertig! Kurz überlegte ich mir, die gattigen (=die, des Gatten) Hausschuhe neben den Esstisch zu stellen, wurde aber in meinem Gedankengang von spritzender Tomatensoße unterbrochen. Fleck auf der Schürze. Großes Kino.
Und so aßen wir am Familientisch, traut vereint. Selbstgemachte Bolognese mit Pasta, das Kind Spinat mit Kartoffeln. Häuslicher Frieden. Nach dem Mittagsmahl betüdelte ich das Kind, bis es sich zum Mittagsschlaf hinreißen ließ, hängte Weißwäsche ans Seil und machte Betten. Und weil ich dann doch ein bisschen verzweifelt war, setzte ich mich wieder an den Rechner. Denn dort – jetzt kommen wir zum eigentlich Sinn dieses langatmigen Blogbeitrags – entsteht ein Buch. Es ist ein ultrageheimes, grimmepreisverdächtiges Werk, verkündet die größenwahnsinnige Stimme in meinem Kopf. Aber Euch kann ich’s ja sagen – es wird ein Krimi. Die erste Leiche gibt’s bei Zeile zwei, soll ja nicht so lang werden. Oder doch. Ich habe das letzte Wochenende auf dem Fußboden meines Esszimmers gehockt (neben dem Kind auf der Decke) und von Hand Manuskriptzettel bekritzelt. Blatt für Blatt habe ich die Geschichte aus meinem Hirn auf Papier gebracht. Das hat den ungeheuren Vorteil, dass ich mich beim Schreiben in alberne Details vertiefen kann und beim Blick auf meinen in Stein gemeißelten Spannungsbogen wenigstens rechtzeitig merke, dass ich grade völlig vom Weg abkomme. So sind jetzt immerhin zehn fertige Textseiten entstanden. In Gedanken signiere ich schon huldvoll lächelnd meine Bücher auf der Frankfurter Buchmesse. Is klar.
Es wäre also nett von Euch, wenn ihr hin und wieder nach dem Stand der Dinge fragen könntet. Frau Venus braucht ein bisschen Erwartungsdruck von außen. Sonst verliere ich mich womöglich irgendwann im Kosmos von Buntwäsche und Breigläschen. Und das wär schon ein bisschen, schade, oder? (Psst… das ist jetzt EUER EINSATZ…)

Ein paar Splitter…

…aus dem Venusschen Alltag.

– Ein Kind entwickelt im Verlauf eines Tages einen merkwürdigen Eigengeruch, wenn man nicht rausfindet, dass es ausgerechnet an der Strumpfhosenferse einen Klecks “Kürbis-Kartoffel-LACHS”-Brei kleben hat.

– Man wacht morgens neben dem angetrauten Gatten auf und sagt – boah, das war ne tolle Nacht! Man meint damit, dass man die ganze Nacht durchgepennt hat wie ein Murmeltier. Die Dinge ändern sich einfach.

– Kürbis und Karotte machen hässliche Flecken. Woraus folgt:

– Ich habe zur Zeit Wäscheberge wie nie zuvor.

– Durchsagen im Supermarkt sind mir prinzipiell egal. Aber gestern erklärte mir eine sonore Frauenstimme, wie man Kaninchen richtig hochhebt. Bei Edeka. Die lieben wohl auch Haustiere.

– Bei Büchern entwickelte ich einen unkontrollierbaren Kaufrausch. Ich kann nicht nur eins kaufen. Heute waren es drei. Die ersten 200 Seiten hab ich schon, weil:

– das Kind hat das Phänomen Mittagsschlaf für sich entdeckt. Bei entsprechend warmer Umhüllung pennt es klaglos zwei Stunden durch. Und Mama kommt drei Leichen weit.

– Ich

Glaubensfragen…

“Erziehung ist Arbeit”. Wir waren uns dessen bereits bewusst, bevor ich wusste, dass sich da ein Würmchen in meinem Bauch eingenistet hatte. Dass es zermürbend sein kann, immer wieder nein zu sagen, dem Kind das mitzugeben, was man selbst für wichtig und richtig hält, dabei fair aber konsequent zu bleiben, haben wir an befreundeten Eltern und in der eigenen Familie gesehen und bewundert.
Unsere Tochter ist gerade mal ein halbes Jahr alt und noch kann man nicht viel an ihr herumerziehen. Ich beschwere mich auch gar nicht über ein knatschiges oder nörgeliges Kind. Ich bin vielmehr selbst die, die sich gegen erzieherische Einflüsse zur Wehr setzt. Noch lange bevor mein eigenes Kind mitbekommt, dass ich es erziehe (klammheimlich!), muss ich mein “Erziehungskonzept” rechtfertigen und mich ständig erklären, warum wir dies so und jenes anders machen.
Ich hatte schon in der Schwangerschaft keine Lust, mir drölf Ratgeber zu besorgen. Ein einziger Blick ins Internet reichte oft schon und mein gesundes, intrauterines Kind wurde aufgrund eines diffusen Zwickens irgendwo unten rechts plötzlich zur Eileiterschwangerschaft mit offenem Rücken und dramatischer Unterversorgung. Will sagen – ich habe meine Arzttermine brav wahrgenommen und darauf vertraut, dass ein fähiger Arzt und ein funktionierendes Ultraschallgerät derlei Missstände frühzeitig erkannt hätten. Und den Rest der Schwangerschaft habe ich mich auf die Kleine gefreut und ganz fest daran geglaubt, dass schon alles gut geht. So wie es die Natur vorgesehen hat.

Das Drama nahm während der Geburtsvorbereitung allerdings Fahrt auf. Mütter mit Geschwisterkind erzählten Schauergeschichten von Eisenmängeln, von hyperaktiven Kindern aufgrund von zuviel Koffein während der Schwangerschaft, diskutierten über Zusatzvitamine und die richtige Schlafposition. Ich klammerte mich an mein restliches bisschen Menschenverstand, das mir sagte, dass mein Körper mein Kind im Schlaf keiner Gefahr aussetzen, sondern mich zum umdrehen veranlassen würde, wäre meine Rückenlage derart lebensbedrohlich für das Ungeborene.
Jetzt ist die Kleine da. Wir gehen brav zu jeder U-Untersuchung und halten uns dafür von möglichst vielen Müttern fern. Ich habe womöglich eine konservative Erziehung genossen und daher gewisse Werte und Vorstellungen von daheim mitbekommen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur empfindlich gegen den missionarischen Eifer, mit dem man mir wichtige Ratschläge gibt, nach denen ich gar nicht gefragt habe. Zu den Dingen, die ich im Moment, noch, wieder, oder einfach generell ablehne gehören…

1. Babyschwimmen. Ich bin eine Rabenmutter. Weil ich meinem Kind das Erlebnis “Baden im öffentlichen Chlor” vorenthalte. Wir baden – wie langweilig – in der heimischen Badewanne. Sie patscht und plantscht und es braucht vier Hände, um das glucksende, glitschige Bündel vorm Abtauchen zu bewahren. Aber es macht Spaß. “Ja aber es ist doch so wichtig, dass die Kinder in Interaktion mit anderen kommen und noch dazu im entspannenden Wasser…” Mein Kind interagiert nicht. Es guckt andere Babys mit großen Augen an und packt sie allenfalls am Pulli, um sich herumzuziehen. Und wenn ich sehe, dass vierzehn Maxi-Cosis langsam die feuchte Hallenbad-Luft in sich aufsaugen, während vierzehn Mütter auf dem Rücken liegen und ihre Babys auf dem Bauch sitzen haben, frage ich mich ernsthaft, ob das in der Badewanne daheim nicht wesentlich entspannter wäre? Ohne, dass Kinder und Mütter erst an-, dann wieder aus- und wieder angezogen werden, ohne Schwimmwindeln, ohne nasse Badesachen, ohne Wickeltasche, Babykekse in Tupper, Autofahren, Ein- und Ausladen und sieben nassen Handtüchern? Es ist so wichtig für die Kinder ins Wasser zu kommen? Soso. Ich konnte in der Grundschule noch nicht schwimmen, weil ich Wasser einfach doof fand. Heute ist Schwimmen mein erklärter Lieblingssport.

2. Baby-led-weaning. Heißt – Kinder bekommen nach der Milch keinen Brei, sondern essen mit ihrer eigenen Hand weichgekochtes Gemüse. Das Baby soll sich dabei selbstbestimmt füttern dürfen und Gelegenheit haben, Essen abzulehnen. Mein Kind lehnt Essen auch ab. Und zwar vehement und lautstark. Zucchini hält sie beispielsweise für Teufelszeug und lässt mich das auch wissen. Kürbis und Karotte vom Löffel geht stattdessen ganz prima. Ich sehe keinen Sinn darin, dass das Kind, um des “haptischen Erlebnisses” Willen unsere Küche mit Brokkolistückchen überziehen soll. Nicht, weil ich den Aufwand scheuen würde, jeden Tag den Boden nass zu wischen, sondern weil ich mich frage, wann das Kind denn lernen soll, dass man Essen eben NICHT herumwirft? Wieso sollte ich meinem Kind beibringen, dass man mit den Händen ins Essen greift und was nicht schmeckt wegwerfen darf? Nicht nur, dass ich so keine Ahnung habe, wieviel Essen in die Kleine hineinwandert, das, was auf dem Boden landet, ist dann einfach verschwendet. Ist das tatsächlich ein pädagogisches Konzept? Ich würde meinem Kind gerne beibringen, dass man nicht alles essen muss, was auf dem Teller ist und auch nichts, was man überhaupt nicht mag. Aber dass man alles probieren sollte, bevor man etwas ablehnt. Dass man mit Besteck isst und dass Lebensmittel kein Spielzeug sind. Aber ich bin ja auch von gestern.

3. Co-Sleeping. “Wie, Euer Kind schläft schon im eigenen Zimmer?” Ja tut sie. Und zwar gut. Und durch. Sie schläft gegen halb acht ein und wacht nach einer Stunde auf. Sie weint, Mama nimmt die Beine in die Hand, streichelt das Köpfchen, rückt den Schnuller gerade und sie schläft weiter. Manchmal bis morgens um halb sieben. Dann wacht sie auf und singt vor sich hin. Wenn ich in ihr Zimmer komme, wirft sie die Beine in die Höhe, wedelt mit den Ärmchen, strahlt über alle Backen und quietscht mich an. So sieht kein Kind aus, dass nachts von Verlustängsten geplagt nicht geschlafen hat. Zumal wir das Babyphone haben und sie hören, wenn sie weint. “Ja aber man hört so viel über den plötzlichen Kindstod bei Kindern, die alleine schlafen…” Was soll diese Angstmacherei? Dieses Szenario ist ein Alptraum für alle Eltern. Aber ich würde neben dem Kind schlafen, wenn etwas wäre. Ich würde schlafen. SCHLAFEN. Ob sie dabei einen halben Meter neben mir oder ein Zimmer weiter liegt, ich würde es verschlafen. Ich halte es hier wie in der Schwangerschaft – ich vertraue darauf, dass sie gesund ist, alle U-Untersuchungen zufriedenstellend sind und dass alles gut geht. Und trotzdem muss ich ihren Auszug ins Kinderzimmer verteidigen und nehme hochgezogene Augenbrauen und spitze Müttermünder in Kauf.

4. Die Krabbelgruppe. Dasselbe wie Babyschwimmen. Mein Kind möchte nicht interagieren mit anderen Kindern. Fragt mich in einem halben Jahr nochmal. Aber im Moment – nicht. “Es ist ja auch so wichtig, mit anderen Eltern den Erfahrungsaustausch zu pflegen” – Nein, es ist mir HIMMELANGST. Ich finde mein Kind toll, ohne Frage. Aber andere Kinder können schon viel mehr als meins. Ich warte nur darauf, dass eine Mitmutter erzählt, ihr Kind würde mit neun Monaten fragen, ob es kurz austreten darf und dann alleine aufs Klo gehen. Nee, is klar. Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit der Maus, weiß, dass sie sich nach links und rechts drehen kann, aber nicht gerne auf dem Bauch liegt. Dass sie Kürbisbrei liebt und Zucchini verabscheut, dass sie beim Wickeln gerne die Zehen in den Mund steckt und dass das grün-rote Schmusetuch ihr Lieblingsstück ist. Wenn ich dann ein paar Stunden für mich habe, möchte ich nicht über Brei, nicht über Windelsorten und nicht über Schlafgewohnheiten sprechen. Ich möchte keine Heldengeschichten von Luca-Finn und Chayenn-Zoe-Clementine erzählt bekommen und auch nicht wissen, wie toll Jamie-Isabelle schon den Löffel halten kann. Jedes Kind entwickelt sich nach seinem Tempo und das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Und WENN ich schon mal Zeit habe, einen Kaffee in Ruhe zu trinken, dann möchte ich dies mit einer Freundin alleine tun, die mir etwas anderes zu erzählen hat als die Muttis von Maximiliane und Flora. Aber ich bin ja auch völlig soziophob.

Desweg

Liebe Sigrun!

Ich wünsche Dir ALLES LIEBE UND GUTE fürs neue Lebensjahr, viele erfolgreiche Friseurbesuche, viele unkarierte Hemden, lange trockene Laufwege ohne Touris, tausende gebannte Leser und wunderschöne spitze Highheels soviel du tragen kannst! Fühl dich herzlich gedrückt und genieß deinen Tag!