Mutterschutz, Woche 2, Tag 2

Langzeitarbeitslosen gehe die Struktur des Tages irgendwann verloren, habe ich neulich gelesen. Ich bin seit einer Woche und einem Tag im Mutterschutz und fühle mich jetzt schon langzeitarbeitslos. Zumindest, was meine Struktur angeht.

Erkenntnis 1: Ausschlafen ist böse. Es führt dazu, dass ich alleine aufstehe und sich mein Mittagessen in die frühen Nachmittagsstunden verlagert, wo es nicht hingehört.

Erkenntnis 2: Mittagsschläfchen sind ebenso böse. Ich schaffe es nicht, mich wegen zwanzig Minuten ins Bett zu legen. So lange braucht alleine mein Bauch, um sich bequem zu betten. Wenn ich mich hinlege, dann muss es sich lohnen, also schlafe ich mindestens zwei Stunden tief und fest, was wiederum dazu führt, dass ich mich abends meinem zubettgehenden Mann anschließe und ins Dunkle starre, ohne schlafen zu können. Was dann folgt, sind wirre …

…Träume: Heute Nacht eröffnete mir meine Frauenärztin, dass die „Null“ an dieser Stelle im Mutterpass darauf hindeute, dass das Kind mit beiden Armen auf der rechten Körperseite geboren werde. Sie lächelte dabei, als handle es sich um eine besonders ulkige Sache.

Babys: Hormone sind Teufelszeug. Sobald im Fernsehen ein fremder Säugling gezeigt wird, schießen mir die Tränen in die Augen und ich möchte ihn anfassen. Ich brauche einen Exorzisten.

Bauch: Abgesehen davon, dass ich beim Einkaufen Selbstgespräche führe (ich spreche mit dem Kind und erzähle ihm, was ich heute zu Kochen beabsichtige), bin ich auch selbst Gesprächsthema. Neulich an der Kasse vor mir stand eine Mutter mit ihrer ungefähr Vierjährigen. Die Kleine starrte mich an mit einem Blick, den man von Leuten kennt, die an einem schweren Unfall vorbeikommen und nicht wegsehen können. Dann fragte sie ihre Mutter „Mama, kriegt die Frau ein Baby oder ist die einfach so dick?“ Am liebsten hätte ich gesagt, der Bauch käme daher, dass ich an Kasse zwei gerade eine freche Vierjährige aufgefressen hätte und nun auf die nächste warte. Meine Rachegedanken wurden jedoch jäh vom Lachen der Mutter unterbrochen, das klang wie das Husten eines pensionierten Grubenarbeiters, der seit seinem zehnten Lebensjahr Kette rauchte. Ihre gelben Finger packten zwei Dosen Ravioli, vier Dosen Bier und zwei Schachteln Kippen in eine zerfledderte Aldi-Tüte und ich beschloss, dass das Kind andere Sorgen hatte und hielt meine Klappe.

Zeit und Raum: Mein Raum-Zeit-Kontinuum löst sich ein bisschen auf. Zwar kann ich die Uhr lesen, aber manchmal habe ich bereits beim Weggucken vergessen, wie spät es eigentlich ist. Ist ja auch nicht so wichtig. Ich orientiere mich sowieso nur noch an niederen Bedürfnissen – Hunger, müde, Badezimmer. Das jeweilige Datum ist mir mittlerweile ein völliges Rätsel. Sogar der Wochentag bedarf scharfen Nachdenkens. Allein meine Schwangerschaftswoche weiß ich im Schlaf.

Krankenhaustasche: Ich vermeide den Begriff „…koffer“. Das klingt zusehr nach Urlaub und Daueraufenthalt. Im Internet findet man drölftausend Checklisten, was man alles zur Entbindung mitbringen soll. Nach langer Suche habe ich gestern Abend endlich eine gefunden, die mir in ihrer Kürze sympathisch erscheint. Auf Ratschläge wie „packen Sie Ihrem Geburtspartner Badebekleidung ein, falls er sie in die Geburtswanne begleiten möchte“, kann ich gut verzichten. Ich habe immer ein Bild von einer munteren Whirlpoolrunde vor Augen, die sich mit Champagner zuprostet, während ich in ihrer Mitte gerade niederkomme. Es gibt Orte, da ist man auch als Gebärmutter gerne alleine.

Die K-Frage: K wie Klamotten. Ich habe einen wohlsortierten Kleiderschrank voller Dinge, die mir mal passten. Heute erscheinen mir Shirts und Blusen lächerlich klein, als hätte ich Alice-im-Wunderland-gleich eine Transformation innerhalb von Sekunden durchgemacht. Ich gewande mich also in Größen, die meine Kugel halbwegs abdecken und tröste mich damit, dass ich das Haus nur verlassen muss, wenn ich unbedingt möchte.

Bücher: Es gibt auch positive Veränderungen, jaha! Ich befinde mich in Woche zwei, Tag zwei, und kann stolz vermelden, dass ich bereits am VIERTEN Buch bin. Und ich lese wahrlich nicht nur Broschüren, nein, richtige Bücher! Ich wage nur nicht, jemandem davon zu erzählen, einzig, weil ich den Satz „genieß es, soviel Zeit wirst Du später NIE MEHR haben“ nicht mehr hören kann.

Jaaaa, Kinder sind kleine, zeitraubende Parasiten, die erst Deinen Bauch und dann Dein komplettes bisheriges Lebens sprengen. Zum Glück bringen die Hormone auch eines mit sich – das ganz große „na-und-Gefühl“ und eine tiefe Zuversicht, die beinahe religiöse Züge hat. Insofern gleite ich jetzt zurück in meine kleine Blase und widme mich erstmal in Ruhe der Tageszeitung. Soviel Zeit werde ich später nämlich NIE MEHR haben.

2 Antworten auf „Mutterschutz, Woche 2, Tag 2“

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