Ich und die anderen…

Ich bin nicht wie die anderen. Diese Einschätzung ist im Grunde nichts weiter als ein diffuses Gefühl, aber eines, das mich seit früher Kindheit begleitet. Ich war noch nie ein besonders guter Teamplayer, ich war nie Klassensprecher, nicht mal Klassenclown. Als Kind, während der Grundschulzeit (und im Grunde auch später) hatte ich keinen großen Freundeskreis um mich herum. Es waren immer einzelne, ausgesuchte Menschen, die an meiner Seite waren. Die allermeisten von ihnen sind es bis heute. Woher das Gefühl kam, anders zu sein, weiß ich nicht. Es war einfach da, ungefragt. Ich war schüchtern, still und grauslich unsportlich. Die Letzte, die im Sportunterricht in eine Mannschaft gewählt wurde, die, mit deren Turnbeutel in der Umkleidekabine Fußball gespielt wurde. Ich hätte mir sehr lange nichts sehnlicher gewünscht, als offen, schlagfertig und beliebt zu sein.

Wann ich begriff, dass Anderssein kein Schicksal, sondern ein Glücksfall ist, weiß ich auch nicht mehr. Aber irgendwann begann ich damit, mich bewusst über mein Anderssein zu definieren. Getreu dem Motto „was die anderen sind, WILL ich gar nicht sein“, war ich die Einzige, die im Winter mit Herrenhemd, dicken Winterstiefeln und Rock in die Schule ging. Ich entdeckte die Magie der Sprache für mich und nutzte mein Talent zum Geschichtenerzählen, um andere zum Lachen zu bringen. Ich begriff, dass ich kein Stück glücklicher sein würde, wenn ich mein Leben lang versuchte, anderen nachzueifern. Auf ihren Fachgebieten waren sie mir hoffnungslos überlegen, also erklärte ich das Kontrastprogramm zu meinem Ding. Meine Aufsätze begeisterten Lehrer, ich entdeckte meinen Spaß am Zeichnen und am Malen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, es war eine völlige Besinnung auf mich selbst. Ein Entdecken der Ressourcen in mir. Nicht die anderen waren mein Vorbild, sondern ich selbst. Ich beschloss für mich, dass ich alles kann, was ich will. Dass ich alles anziehen kann, was mir gefällt. Dass ich alles ausprobieren darf, was mich interessiert. Nicht immer lief alles so glatt, wie ich mir das gewünscht hätte. Ich hatte die hässlichste Zahnspange der Welt, mit Außenbügel und Spannbändern um den Kopf herum. Ich hatte fünf Jahre lang ein kantiges Plastikkorsett, das meiner zierlichen Figur die Silhouette eines Kühlschranks verlieh. Anderssein war nicht immer ein Grund zum Jubeln.

Aber vielleicht hat auch all das mein Selbstbewusstsein geprägt. Aus dem schüchternen und stillen Kind ist irgendwann die Person geworden, die ich heute bin. Die ein absolut unerschütterliches Vertrauen in sich selbst hat. Die gut weiß, was sie alles nicht kann und dieses Wissen als großen Schatz empfindet, der sie davor bewahrt, sich selbst zu überschätzen. Die aber auch weiß, was sie alles gut kann und sich erlaubt, dabei aus dem Vollen zu schöpfen.

Gibt es also heute Herausforderungen, die mir eigentlich ein bisschen zu groß erscheinen, schreit das kleine Mädchen in mir begeistert JAJAJA. Blazer mit schrägem Schnitt? Je schräger desto lieber. Strumpfhosen in schlumpfblau? Na klar. Ein Auto ohne Dach in Schreifarbe – aber sicher. Ein Kinderbuch schreiben? Ich mach’s halt. Schon ganz oft haben sich in meinem Leben Träume in Fakten verwandelt. So viel Fügung und Glück und Schicksal gibt es gar nicht. Es muss etwas mit meiner Art zu tun haben, an Dinge zu glauben. Geduld zu haben. Groß zu träumen und Ziele nie aus den Augen zu lassen. Ich habe dabei immer das Bild der offenen Tür vor Augen. Meine Tür fürs Leben und fürs Glück ist immer offen.

Was ich euch sagen will? Das weiß ich auch nicht so genau. Doch, vielleicht weiß ich es doch. Lasst Euch von niemandem sagen, wer oder was ihr seid. Hört auf die Stimme in Euch. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob ihr 20, 40, 60 Jahre alt seid. Sich selbst neu zu erfinden, die Richtung zu ändern, warum sollte es dafür jemals zu spät sein? Ich selbst betrachte meinen inneren Größenwahn mit einem milden Lächeln. Er hat mich noch immer genau dort hin geführt, wo ich irgendwann einmal sein wollte. Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Das stille Kind von einst hätte es sich damals vielleicht nicht vorstellen können, aber es ist froh, den Weg so gegangen zu sein. Auch wenn er meistens abseits des Trampelpfads war.

4 Antworten auf „Ich und die anderen…“

  1. Ein wirklich richtig schöner Eintrag, ich finde gerade keine Worte, um da viel mehr dazu sagen zu können!

    Höchstens: „Gut gemacht, weitermachen!“ 😉

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