Wir sind das Volk? Ich nicht.

Als ich das erste Mal von Pegida-Demos gehört habe, dachte ich – ein paar Spinner mit einem albernen Namen. Das geht wieder weg, wie alles, was keiner braucht. Wie Halsschmerzen oder Kopfweh oder sowas. Nun hält sich der Virus Pegida aber hartnäckig und ich mache mir Gedanken dazu. Wer sind diese patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands?

Erstmal – Patriotismus. Wikipedia sagt dazu:

„Patriotismus wird heute allgemein von Nationalismus und Chauvinismus unterschieden, insofern Patrioten sich mit dem eigenen Land und Volk identifizieren, ohne dieses über andere zu stellen und andere Völker implizit abzuwerten.

Man sollte den Pegida-Anhängern das mal erklären.

Sie versammeln sich in ostdeutschen Städten, die meisten in Dresden, und greifen mit der Bezeichnung „Montagsdemo“ Traditionen aus DDR-Zeiten auf. Auch der Ruf „Wir sind das Volk“ rührt aus dem damaligen Aufstand des Volks gegen das politische System. Der Unterschied besteht halt darin, dass die Dresdner vor 1989 gegen einen Unrechtsstaat auf die Straße gingen. Heute richtet sich der Zorn des Volks gegen eine stabile Demokratie. Wenn die übrigens das Volk sind, was bin dann ich?

Und was zum Teufel ist Islamisierung? Das ist für mich eine zentrale Frage. Ich habe mich mal umgeguckt. Ich kenne keine fünf Moslems. Wenn doch, dann ist Religion offenbar kein Thema bei uns, sonst wüsste ich ja um ihre Konfession. Wie fühlt sich islamisiert werden an? Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, meine Stadt, mein Umfeld, sei irgendwie vom Islam geprägt. Außer, dass ich weiß, wo vermutlich die nächste Moschee und die nächste Dönerbude steht, ist hier alles gänzlich unislamisch. Ich fahre als Frau Auto, ich arbeite, ich trage mein Haar offen. Da müsste ich in meinem katholisch geprägten Bundesland viel eher fürchten, katholiziert zu werden. Und in Dresden, wo laut wikipedia etwa 80 % der Bevölkerung konfessionell nicht gebunden sind, haben die Menschen Angst, islamisiert zu werden? Dresden hat einen insgesamten Ausländeranteil von 4,7 Prozent. Ausgerechnet da kann einem natürlich schon Angst werden. Nicht.

Was also wollen die Demonstranten wirklich, nachdem sie Fakten gegenüber offenbar resistent sind? Einen Erklärungsversuch gab Kathrin Oertel bei Günther Jauch am Montagabend. Sie ist das seltsam wächsern-starre Gesicht von Pegida und klärt auf: Es geht gar nicht mehr um die Islamisierung des Abendlands, sondern, Achtung, um den Problemstau der Politik. Weißte Bescheid. Vor gerade mal einem Vierteljahr entstanden, um das Abendland vorm Islam zu schützen, wollen sie jetzt also Verstopfungen der deutschen Politik lösen. So viel negative Presse kommt wohl nicht gut an. Dabei hat sich die AfD schon mehrfach begeistert als Helfer angeboten. Aber immerhin sind sich die Pegidajünger bei einem noch einig – zum rechten Spektrum wollen sie sich keineswegs gezählt sehen. Auch wenn sie sich mit Begriffen wie Lügenpresse einem Vokabular bedienen, das unter anderem auch Hitler in „Mein Kampf“ und Goebbels in seinen Brandreden benutzte. Was wären die ach so Gutbürgerlichen wohl, wenn sie in der verunglimpften Lügenpresse schlicht nicht stattfinden würden? Ein für den Rest Europas unsichtbares Häufchen Protestierender, die dort einem Islam Einhalt gebieten wollten, wo eh fast keiner ist. Aber dann müsste sich die Presse tatsächlich vorwerfen lassen, ihrer Chronistenpflicht nicht nachzukommen.

Ich werde also weiterhin mit Sorge beobachten, wie Montag für Montag diffus um etwas für mich nicht Greifbares besorgte Bürger durch Städte spazieren und denen, die ihnen eine Plattform geben, „Lügenpresse auf die Fresse“ entgegnen. Aber mein Volk ist das nicht.

 

 

 

3 Antworten auf „Wir sind das Volk? Ich nicht.“

  1. Hört, hört!

    Hier in England hat seit ein paar Monaten die Partei UKIP Auftrieb, die sich ursprünglich den Austritt Großbritanniens aus der EU auf die Fahnen geschrieben hatte. Den Vertritt sie auch nach wie vor, aber das Hauptargument ist heute nicht mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit sondern das Ende des Zuzugs von Ausländern. UKIP gewinnt einen Sitz nach dem anderen, aber nur in eher ländlichen Gegenden, in denen es kaum Ausländer gibt. In London, das den größten Ausländeranteil im ganzen Land hat, hat UKIP keinen Erfolg. Anscheinend sehen die Briten in London kein Problem im Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen.

    Seltsam, oder? Dass hüben wie drüben die Menschen am lautesten schreien, die das „Problem“ gar nicht haben.

  2. Das spricht doch irgendwie dafür, dass Menschen Angst vor Unbekanntem haben. Fremde Leute, fremde Gebräuche, fremde Kulturen – lieber einfach ablehnen was man gar nicht kennt, dann muss sich keiner mit was anderem als seinem täglichen Trott beschäftigen. Da wo sich Kulturen treffen, klappt es ganz gut und die, die das erleben, sind Befürworter des Mixes. Mir macht die Entwicklung zunehmend Angst. Sie schürt einen Groll gegen das System, der zu nichts Gutem führt.

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