Warum ich eine Rabenmutter bin – und trotzdem den besten Brotsalat aller Zeiten hinkriege

Was für ein Montag. Während ich diese Zeile schreibe, steht ein Caipirinha neben mir, der braungebrannte Bartender zwinkert mir von der Strandbar zu und meine Füße baden in der Brandung des azurblauen … ok. Möglicherweise sind Teile dieser Beschreibung glatt gelogen. Unter Umständen sitze ich pappesatt im Schneidersitz mit dem Laptop am vollgepackten Esstisch und lausche dem Vogelgezwitscher draußen. Aber ich FÜHLE mich, als hätte ich Urlaub. Denn während der Sonntag gestern mit Mann und Kind und Streichelzoo und Miniatureisenbahn und Eis und Wasser und vor allem SONNE schon echt ziemlich toll war, war der Montag fast noch besser.

Das Fräulein hat nämlich fast die ganze Nacht im eigenen Bett geschlafen (das sie erst vor einer Woche bekommen und sofort akzeptiert hat). High five auf mehr Platz im Bett! Heute morgen sind wir dann irgendwann aufgestanden, als die Wecker uns längst aufgegeben hatten. Wir lungerten bis um zehn im Pyjama rum und wälzten Kochbücher. (Ich überlegte, worauf wir Lust haben, das Kind kommentierte jede einzelne Seite mit „Das sieht auch gut aus.“ Es ist so EINFACH, sie glücklich zu machen.) Ab dann folgte eigentlich ein Highlight aufs Nächste: Wir waren im Bau- und im Supermarkt, wurden beidesmal fündig und belegten, daheim angekommen, zusammen eine Pizza mit soviel Gemüse, dass jeder Italiener sich kopfschüttelnd abgewandt hätte. (Bei der Pizzaseite stoppte der kleine Zeigefinger nämlich und sie sagte: „DAS DA machen wir!“)

Heute Nachmittag wollte ich eigentlich nur kurz in die Lieblingsbuchhandlung (kurz! Finde den Fehler!) und zwei Bücher bestellen. Heraus kamen wir mit einer Tüte, deren Henkel noch auf halbem Weg zum Auto krachte.

Weil das Fräulein das neue Bett so gut findet, fand ich, hat sie ein paar Sterne vom Himmel verdient, die in ihrer Nähe bei Nacht leuchten. (Ihr wisst schon, die Dinger zum Aufkleben.)

Die Dame im Papierwarenfachhandel guckte bedauernd. „Die gibt’s bloß an Weihnachten.“ Ich so: „Ich meine keine Goldsterne zum Aufkleben, sondern die, die so grünlich leuch…“ „Jaja, ich weiß, was Sie meinen, aber die haben wir nur an Weihnachten. Weil jetzt, im Sommer, wird’s ja nicht mehr dunkel.“

WEISSTE BESCHEID! DARAUF hätte ich ja auch selber kommen können. Dann jetzt: Planänderung. Wir schlafen jetzt einfach nicht mehr, sondern nutzen die 24 Stunden Sonnenschein zum Bräunen, Wandern, Baden und Picknicken. (Ihre Kollegin meinte dann übrigens, dass es die Sterne im oberen Stock das ganze Jahr gebe. Offensichtlich wird es also doch wieder dunkel heute. Sorry, falls ihr jetzt andere Pläne hattet.)

Wir gönnten uns daraufhin ein Eis und weil die Sonne so schön schien und das Kind so gut gelaunt war, weil fast schon Weihnachten ist und der Mond im dritten Haus des Plutos steht, geriet ich unversehens noch in meinen Lieblingsschuhladen. Und war nach zehn Minuten wieder draußen mit dem weltschönsten Paar Schuhen ever.

Und als wäre das ALLES noch nicht genug: Heute Abend habe ich zum ersten Mal Brotsalat mit Tomaten gemacht und frage mich seither – warum?! Warum habe ich das früher noch nie ausprobiert?

Ihr braucht dazu.

Baguette oder Ciabatta oder ein anderes helles Brot vom Vortag, Basilikum, Tomaten, Olivenöl, Pinienkerne, Salz, Pfeffer, Essig, eine Zwiebel und eine Knoblauchzehe.

Das Brot habe ich in mundgerechte Würfel geschnitten und mit Olivenöl beträufelt. Bei 200 Grad werden die Würfel auf einem Backblech mit Backpapier im Ofen in etwa fünf Minuten kross und leicht braun. Ich habe zwei Hand voll Tomaten kleingeschnitten, eine halbe Zucchini in feine Scheiben geschnitten und mit frischem Basilikum in eine große Schüssel gegeben, eine Zwiebel und eine Knoblauchzehen kleingeschnitten, in Olivenöl angedünstet und Pinienkerne ohne Fett in einer kleinen Pfanne goldbraun geröstet. Die Zwiebel-Knoblauch-Mischung zu den Tomaten geben, die Brotwürfel unterheben und mit den Pinienkernen bestreuen. Ich habe den Salat mit hellem Balsamico, schwarzem Pfeffer und Meersalz abgeschmeckt und er war so lecker, dass die Schüssel für zwei jetzt … noch für eine Viertelperson reicht. (Die Portion fürs Kind natürlich abgezogen).

Übrigens: Was zwischendurch auch noch passierte – ich stehe im Bad und kämme mich, das Fräulein steht neben mir und guckt mir zu. Plötzlich legt sie sich seufzend auf den Boden und guckt unter den Badschrank. Ich so: „Was ist da unten? Ist irgendwas unterm Badschrank?“ Sagt das Kind von unten: „Ne … nur Dreck.“

Diese SPONTANE EHRLICHKEIT! Ist sie ein Produkt meiner gänzlich am Trend vorbei gehenden Erziehung? Liebe Manu (und auch alle anderen, die kommentiert haben), danke für Eure lieben Worte hierzu, aber ich bin SICHER nicht die perfekte Mutter! Das kann ich Euch beweisen mit der

Top fünf, warum ich ganz bestimmt eine Rabenmutter bin

5. FINGER WEG!

Ich habe noch nie verstanden, warum Kinder mit den Fingern essen sollen. Warum es für die Entwicklung wichtig ist, die Haptik von Kartoffelbrei zu erfühlen. Ich habe mein Kind mit einem Löffel ausgestattet, sobald ich der Meinung war, es habe Interesse an selbsttätiger Nahrungsaufnahme. Und ganz ehrlich – Spinat mit der Faust zu essen ist ein wesentlich frustrierenderes Unterfangen, als mit dem Löffel. Wir reden hier wohlgemerkt nicht vom Butterbrot oder der Brezel, die wir natürlich auch in die Hand nehmen. Aber bisher habe ich nicht den Eindruck, die motorische Fähigkeit des Kindes habe irgendwie gelitten, ganz im Gegenteil. Aber wer weiß, mein Kind wird mir mit Mitte 20 sicher den Blumenkohl an den Kopf werden und mit der flachen Hand in die Soße patschen und mich anschluchzen „alle durften mit dem Essen spielen NUR ICH NICHT“.

4. Entertainment? Nein danke.

Ich habe es Euch schon erzählt. Weder Babyschwimmen, noch Babymusikgarten, PeKip oder ähnliches hat mich überzeugt. Mein Kind wird sicher mit Mitte 20 ein unmotivierter, sozial eingeschränkter Misantrop sein, der nichts mit sich anzufangen weiß. Sie wird sicher mal jammern „alle durften zum afrikanischen Babytrommeln, NUR ICH NICHT und deswegen habe ich jetzt eine zwei in Musik im Abizeugnis und finde keinen Beruf, der zu mir passt.“

3. Es hupt und dudelt und blinkt. Nicht.

Spielzeug gibt es in unbegrenztem Umfang. Schon während meiner Schwangerschaft schlenderte ich durch die Spielwarengeschäfte und kaufte Kleinigkeiten, die mir gut gefallen haben. Was es bei uns allerdings nicht gibt – Plastikdinge, die auf Knopfdruck hupen, blinken und Geräusche machen. Ich sehe nur wenig Potential in Spielzeug, das auf Knopfdruck funktioniert, mit dem man aber sonst nichts machen kann. Ich will nicht falsch verstanden werden, unser Kind spielt auch nicht mit Stöcken und Steinen, die es sich selbst im Wald suchen muss, aber ich finde Dinge, die die Fantasie anregen, mit denen man verschiedene Szenarien spielen oder Gebilde bauen kann, viel spannender, als vorgefertigtes Spielzeug, das ausschließlich nach Schema F funktioniert. Und ganz ehrlich – ich höre so oft von anderen Müttern, dass die Batterien irgendwann verschwinden, weil es keiner mehr aushält. Das sparen wir uns halt. Mein Kind wird sicher Mitte 20 anklagend sagen, „ich kann zwar Häuser bauen und Klavier spielen, aber ich kann kein Handy bedienen, weil ich NIE AUF KNÖPFE DRÜCKEN DURFTE.“

2. Wir diskutieren nicht über Garderobe.

Ich will einschränkend vorneweg nehmen – sie ist noch keine drei Jahr alt und es mag noch kommen. Aber BISHER wird nicht über die richtige Socke und nicht über die beste Hose diskutiert. Wenn ich sie morgens anziehe, entscheide ICH nach Wetterlage und nach Verfügbarkeit, was sie anzieht. Sie kennt es bisher nicht anders, sie stellt das auch nicht in Frage. Vermutlich wird sie Mitte zwanzig sagen „ich fühle mich in meiner modischen Identität beschnitten, weil ich NIEMALS MIT ZWEI VERSCHIEDENEN SOCKEN IM SCHNEE HERUMLAUFEN DURFTE.“

1. Ich bin kein Vollsortimenter.

Egal, ob wir das Auto tanken, die Post wegbringen, im Wartezimmer sitzen oder Schuhe anprobieren: Die Vollsortimenter-Mütter sind überall. Sie schleppen Taschen mit sich herum, deren Tragegurt eine tiefe Schneise in die mütterliche Schulter schneidet und die Vermutung nahelegt, die Familie kaufe nur eben noch zwei Meisenknödel und eine Packung TK-Spinat, bevor sie das Land gen Australien verlässt. Und sobald das Kind sagt – „Mama ich will einen Keks“, setzt die Vollsortimentermutter ächzend die ambossschwere Reisetasche ab, öffnet den Reißverschluss und zaubert eine Vielzahl bunter Plastikdosen in allen Größen hervor. „Einen Keks? Mit Sesam oder Dinkelvollkorn? Oder lieber einen Zwieback? Ich hab auch die mit Kokos mit. Oder ein bisschen Banane? Eine halbe Birne? Zwei Weintrauben? Ein Fruchtquetschi? Einen Kindermüsliriegel?“ Ich stehe da mit offenem Mund und denke an meinen Handtascheninhalt. Zerknüllte Kassenzettel, Gummibärchen, Geldbeutel, Schlüssel, Handy. Aus die Maus. Wenn wir aus dem Haus gehen und es absehbar ist, dass wir nicht den Kontinent wechseln und innerhalb der Zivilisation bleiben, nehme ich für das  Kind nichts zu essen mit. Noch nie, aber auch noch gar nie, stand ich an der Tankstelle und bin in Tränen ausgebrochen, weil mein plötzlicher Wunsch nach einem Apfelschnitz mich übermannt hätte. Das wird mein Kind dann auch überleben.  Aber vermutlich wird sie mir Mitte 20 an den Kopf werfen, dass sie beim Kinderarzt höchstens einen Impfen-ist-nicht-schlimm-du-kriegst-einen-Bestechungs-Butterkeks bekommen hat, während die anderen Kinder ALLE ZWISCHEN LACHSSCHNITTCHEN UND GUACAMOLE entscheiden durften.

Ich bin also keine perfekte Mutter. Aber das Kind ist glücklich! Echt! Und solange sie mir nicht vorwirft, ich sei schuld daran, dass es im Sommer nachts dunkel wird, bin ich’s auch.

15 Antworten auf „Warum ich eine Rabenmutter bin – und trotzdem den besten Brotsalat aller Zeiten hinkriege“

  1. Kicher – eine Freundin hat immer gesagt „ich spar einfach schonmal für Deine Therapie“, wenn Ihr Kind gejammert hat, was für eine Rabenmutter sie sei oder daß „ALLE ANDEREN“ das dürfen – nur das Kind nicht…
    Ich würde mal sagen, das geht in die gleiche Richtung ;D

    1. Haha, das ist gut. Ich hätte nur Angst, dass das Kind überall rum erzählt, Mama macht Therapie. Im Moment plappert sie einfach drauf los.

  2. Hihi, ich finde diese Punkte untermauern nur, was für eine tolle Mutter Du bist!!!!

    Ich bin auch kein Vollsortimenter, nicht mal ein halber. Bei mir gehts tatsächlich in Richtung Rabenmutter, weil ich häufig sogar nichts zum Trinken mitnehme. Ich bin so, dass ich denke, wenn los, dann los und zack bin ich Draußen. Stundenlanges Sortieren und Überlegungen was man unterwegs oder auf dem Spielplatz gebrauchen könnte würde mich wahnsinnig machen.

    Das Gute an der Sache ist, die Kids sind da sehr selbstständig. Sie hurten zum Ball oder zum Schäufelchen und bevor die Tür zufällt ertönt ein: Mama, hast Du auch mein Wasser eingepackt?

    Anziehen. Hihi, da hab ich sowas von keine Schnitte bei der Kleinen. Ich glaube das läuft nach dem Motto, entweder dem Kinds ists (noch) egal, oder aber es ist existentiell, oder aber Geschmack von Mutter und Tochter egänzen sich prima.
    Bei meiner ersten Tochter schwankte es zwischen 1. und 3. Punkt. Das war also problemlos.

    Bei der kleinen Namensvetterin gilt Punkt zwei. Und zwar unerbittlich. Sie lebt in einer Traumwelt in der kein Wetter und auch keine normalen Regeln existieren. Es macht üüüüüüüüüüüberhaupt keinen Sinn ihr von irgendwo etwas mitzubringen oder ihr Anziehsachen zu schenken. Das hat selbst ihre Oma eingesehen.
    Sie zieht es nicht an. Auch der Kindergarten scheitert an ihr, da sie z. B. keine Regenhose anzieht. Das ist „HEEEIß“ und „ENG“ und es fühlt sich gaaaanz furchtbar an und dann dreht sie durch. JHandschuhe? Schal? Du meine Güte, was haben wir Kämpfe ausgefochten (die ich aber dann letztendlich tatsächlich gewonnen habe). Naja gut, oder sagen wir halb halb, denn das mit den Handschuhen hat sie eingesehen nach ein paar verfrorenen Fahrten zum Kindergarten, aber der Schal lag immer noch locker drapiert um den Hals.
    Ich habe an einem rabenschwarzen Tag im Dezember all ihre Sommerkleidchen aus ihrem Kleiderschrank verbannt. Eine Woche lang hatten wir Weltuntergangsstimmung, die sich erst wieder lockerte, als wir genügend Winterkleidchen hatten (ich bin eingeknickt). Dieses Kind hat seit ihrem 3. Lebensjahr keine Hose mehr angehabt. Vor diesem Zeitpunkt hab ich ihr mitunter noch eine angezwungen, aber da heulte das ansonsten sonnige Kind locker drei Stunden durch, klagend durch die ganze Stadt: „Das tut weh“ (vermeintliche Knickfalten) „Das ist eng“ (weil sich so ne Hose ja fest anfühlt), „Das sieht doof aus“…

    Und echt, ich bin die Letzte die für solche Allüren auch nur eine Form von Verständnis aufbringen kann. Ich bin mehr so Typ: Rein in die Klamotten und fertig, genauso wie, wenns los geht, dann gehts Los…

    Aber bei diesem starken Willen hab ich echt aufgegeben, und es macht uns das Leben sehr viel leichter und angenehmer, seitdem…

    Liebste Grüße
    Manu

    1. Na dann bin ich ja mal froh, dass ich nicht die einzige bin, die es zwar schafft, dem Kind für die Krabbelgruppe einen Apfel klein zu schneiden, die Hälfte der Schnitze aber beim Schnibbeln schon selbst futtert und die andere Hälfte daheim auf der Anrichte stehen lässt … Rabenmütter der Welt, UNITE! 😀

  3. [Klugscheißermode] Nur zur Begriffsklärung: Raben sind ganz und gar keine schlechten Eltern! Im Gegenteil. Nur weil junge Raben häufig bevor sie fliegen können das Nest verlassen heißt das nicht, das die Eltern sie dann vernachlässigen! Im Gegenteil! Rabeneltern füttern und beschützen ihren in der Gegend herum hüpfenden Nachwuchs danach noch wochenlang! [/Klugscheißermode]

    Außerdem sind Raben imho hübsch anzusehen und nachweislich eine der intelligentesten Spezies im Vogelreich! 🙂

    1. Aber das weiß ich doch. Nur ist der Begriff Rabenmutter ebenso im Sprachgebrauch mit einer vermeintlich schlechten Mutter verknüpft, wie der Begriff Katzenwäsche mit wenig Sauberkeit. Obwohl Katzen sehr reinlich sind.

  4. So erfrischend 😄. Ich suche immer nach solchen Geschichten, nämlich den echten, den authentischen. Nach den Müttern und Vätern die auch mal ehrlich sind, zu sich und allen anderen. Die keine Fassade aufsetzen und so tun, als ob alles heile Welt, superduper und man selber ein/e Super-Daddy/Mami ist 😄.
    Mein Abenteuer fängt ja gerade erst an und ich weiss jetzt schon, ich werde einiges in deinen Top 5 unterschreiben können 😊.

    Ganz liebe Grüsse, Klaudi

    1. Hallo Klaudia! Hier gibt’s nur echte Geschichten, wie unser Leben sie halt so schreibt. Wie lange hast Du denn noch vor Dir? Ein paar Wochen oder nur noch Tage?

  5. Also ich habe jetzt Hunger auf Brotsalat!! Schade eigentlich, dass ich auch kein „Vollsortimenter“ bin, sonst hätte ich jetzt spontan alle Zutaten zu Hause 😉

    Viele Grüße,
    Patricia

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