Was bleibt von uns?

Der Inhalt dieses Textes schwirrt mir seit längerem im Kopf herum. Er lässt sich nicht unbedingt in eine lineare Erzählform bringen, weil es so viele Facetten sind, die das Thema ausmachen. So versuche ich wenigstens vorne anzufangen, beim Auslöser meiner Gedankenkette. Ich hatte unterwegs ein Radiointerview mit einem Medienwissenschaftler gehört. Darin ging es um das digitale Erbe eines jeden unserer Generation, das größer sein wird, als bisher. Wo früher alte Liebesbriefe in vergilbten Schuhschachteln auf Dachböden gefunden wurden, sind es heute facebook- und twitter-accounts, um die sich jemand kümmern muss – oder auch nicht. Und es sind Blogs wie dieses. Es wird, sollte sich das Internet nicht auflösen, bestehen bleiben, auch wenn es mich morgen nicht mehr geben sollte. Bevor irgendjemand zu grübeln beginnt – es geht uns allen gut und ich hoffe sehr, dass ich auch morgen wieder mit Augenringen Begeisterung aufstehe. Aber führe ich morgen vorn Baum – das Blog hier wäre davon unbeeindruckt noch da und der eine oder andere würde sich vermutlich über mein plötzliches Verschwinden wundern.

Während ich so über mein persönliches digitales Erbe nachdachte, zogen meine Gedanken immer weitere Kreise. Ich stellte mir vor, morgen nicht mehr da zu sein. Was würde alles liegen bleiben, wenn ich mich einfach so in Luft auflöste? Zuerst kamen mir merkwürdigerweise völlige Banalitäten in den Sinn. Würde jemand daran denken, nächsten Monat das Geld für das Getränk in den Kindergarten zu bringen? Würde jemand daran denken, meiner Klavierlehrerin Bescheid zu sagen? Und würde jemand die Sommerreifen aus der Werkstatt abholen? Abgesehen davon, dass meine Familie vermutlich ganz andere Sorgen hätte als meine Reifen – was bliebe von mir eigentlich übrig? Ganz automatisch dachte ich an mein Kind. Woran würde sie sich erinnern? Würde sie sich überhaupt an etwas erinnern, das mit mir zu tun hat? Ich kramte in meinen eigenen Erinnerungen. Wie lange zurück reichten die? Zwar fielen mir einige Begebenheiten aus meiner frühen Kindheit ein, ich konnte jedoch nur sehr ungenau einschätzen, wie alt ich da etwa gewesen war. Woran also würde mein Kind seine Erinnerungen an Mama festmachen? An Bildern, die man ihm später zeigt? An Geschichten, die man ihm über mich erzählt?

Dieses Gedankenkarussel begleitete mich während einer Autofahrt. Und plötzlich stand ich an einer roten Ampel und hatte Tränen in den Augen. Hatte ich nicht morgens noch voller Ungeduld mein Kind zur Eile angetrieben, mich über seine Bockigkeit geärgert? Wenn ich mich jetzt, genau in diesem Moment in Luft auflöste, wäre das die letzte Erinnerung an mich? “Iss jetzt bitte endlich Dein Müsli und trödel nicht immer so rum?”

Aus Gründen widerstand ich meinem ersten Reflex, sofort in den Kindergarten zu fahren, mein Kind an mich zu drücken und ihm zu sagen, dass ich es liebe. Die Erzieherinnen wären mit meiner urplötzlichen Befürchtung, mich innerhalb der nächsten halben Stunde in Luft aufzulösen, vermutlich überfordert gewesen.

Ich fuhr weiter in Gedanken versunken, kramte in meinen Erinnerungen und förderte allerhand zutage, woran ich schon lange nicht mehr gedacht hatte. Und mit einem Mal  fiel mir noch etwas sehr Prägnantes ein. Ein Gespräch mit meiner Oma, auf dem Weg zwischen Haustür und Mülleimer. Ich muss damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Ich sagte zu ihr, dass ich gerne wüsste, wie lange ich lebe. Ich erinnere mich noch an ihren erschrockenen Ausdruck und an ihre Worte: “Nein, das willst Du lieber nicht wissen. Das ist gut, dass das niemand weiß. Das Leben findet immer heute statt, nicht morgen.” Ich wusste damals nicht, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt war. Wenige Monate später ist sie gestorben. Heute weiß ich, wie recht sie hatte. Das Leben findet heute und hier und jetzt statt. Morgen ist es eine Erinnerung. Und wenn wir alles richtig machen, eine bunte und schöne.

Und so beschloss ich für mich etwas. Wir können die Zeit nicht anhalten. Aber ich möchte gerne Erinnerungen schaffen. Momente, die sich bei meiner Tochter ins Gedächtnis einbrennen. Die sie später mit einem Lächeln an ihre Kindheit und an ihre Eltern denken lässt. Die sie mit schönen Gefühlen und mit bunten Bildern verbindet. Materielles spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Sie soll nicht an den großen grünen Traktor denken, den der Osterhase gebracht hat, sondern lieber an die wilde Fahrt im Garten, bei der Oma schnaufend und lachend hinterhergelaufen ist und sie vor Kichern fast gegen den Apfelbaum gefahren ist. Solche Erlebnisse, Erinnerungen an gemeinsame Stunden, sind vielleicht das Beste, was wir unseren Kindern hinterlassen können. Und vielleicht liest sie ja auch irgendwann Mamas Blog und erinnert sich – mit einem Lächeln.

7 Antworten auf „Was bleibt von uns?“

  1. Die Gedanken, die dir da durch den Kopf gegangen sind kenne ich nur zu genau. Das sind die Sorgen einer Mutter und begleiten mich , seit dem die Kinder auf der Welt sind. Meine 3 sind jetzt soweit, dass sie mit eigenen Füßen in der Welt stehen können und sich selbst versorgen . Und das nimmt mir die Sorge ab, was ist wenn ich nicht mehr für sie da sein kann. Sie sind jetzt selbstständig und ich hoffe ich konnte sie auf diesem Weg gut begleiten. Habe mein Bestes gegeben und hatte die Möglichkeit immer zu Hause für sie da zu sein, was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Welche Erinnerungen bleiben , ich denke , das wird von Kind zu Kind unterschiedlich sein. Unsere 3 sind ganz verschiedenes Persönlichkeiten und jeder wird da etwas anderes für sich in Erinnerung behalten. Eigentlich darf ich darüber auch nicht weiter nachdenken, was alles kommt wie sich alles noch entwickelt. Mein größter Wunsch ist einfach , dass sie sich ein glückliches und zufriedenes Leben weiter aufbauen können und gesund bleiben. Liebe Grüße Anne

    1. Liebe Anne, danke für Deine Worte. Eigentlich ist es sowieso sinnlos, drüber nachzudenken, wie sich alles entwickelt – wer will das schon so genau sagen? Vielleicht hilft der Fokus auf die Gegenwart dabei, die Weichen jetzt richtig zu stellen, damit die Kinder in Zukunft auf ein stabiles Fundament bauen können. Wie es halt so ist – es kommt, wie es kommt. Liebe Grüße an Dich! Nicole

  2. Ich bin ein großer Fan von Erinnerungen.
    Ich denke zum Beispiel, sehr viele Dinge, die man eventuell erbt, sind nur Gedankenstützen. Die einen an einen besonderen Moment erinnern, an eine Person. Es geht häufig nicht um dem materiellen Wert, den eine bestimmte Sache hat, sondern um das Gefühl.

    Das ist auch der Grund, warum meine Wohnung nicht peinlich sortiert und aufgeräumt ist, sondern Dinge rumstehen und auch einstauben, die ich zwar nicht benutze – aber an denen ich aus sentimentalen Gründen hänge. Und das, obwohl ich ja regelmäßig entrümpele.

    Schöne Erinnerungen schaffen ist ein tolles Ziel und etwas Wunderbares, was Du Deinem Kind mitgeben kannst.

    Ich bin auch nach wie vor ein Fan von Fotoalben. Ich mache regelmäßig welche – wenn auch inzwischen als Fotobücher. Aber immer noch mit Schnipseln von Eintrittskarten, Stadtplänen, Zimmerkärtchen. Und ich blättere auch nach wie vor drin. Das ist etwas anderes als eine CD mit 2000 Bildern….. auch wenn diese 2000 Bilder einen Urlaub quasi lückenlos dokumentieren. Ein Fotoalbum ist die Essenz…

    Jeden Moment JETZT als wertvoll erleben – und nicht auf die vielleicht besseren Zeiten in der Zukunft spekulieren – das finde ich wichtig. Ich bedauere immer die Menschen, die einem erzählen, was sie alles später mal machen wollen – wenn sie in Rente sind, wenn sie mehr Zeit haben, wenn wenn wenn.

    Ich versuche, meine Träume jetzt in zu leben. Ich schaffe nicht jeden – aber ich sage tatsächlich: Wenn ich morgen sterbe, dann habe ich bis dahin wenigstens ganz viel erlebt, was ich erleben wollte. Und wenn ich morgen Dinge nicht mehr machen kann – aus was für Gründen auch immer – dann habe ich in meinem Kopf doch die Erinnerungen an so Erlebnisse, die mir niemand wegnehmen kann.

    Ich versuche mein Leben nicht in der Warteschleife auf „irgendwann“ zu verbringen. Wir wissen nicht, wie lange unser Leben dauert – und ich bin froh, das nicht zu wissen. Mein Leben findet heute statt. Und wenn ich morgen von einer Straßenbahn überfahren werden, war heute wenigstens gut.

    1. Wunderschön geschrieben, liebe Wendy. “… dann war heute wenigstens gut.” Genau. Ich bin auch kein Aufschieber. Ich habe mir vor vielen Jahren ein Cabrio gekauft, gegen die Vernunft. Und ich habe jede Sekunde das offene Dach genossen. Und wenn ich morgen nicht mehr fahren könnte, dann müsste ich wenigstens nicht einer verpassten Chance hinterhertrauern. Und so geht es mir auch mit vielen Kleinigkeiten – wozu warten? Das Leben endet immer tödlich und keiner weiß wann. Ganz liebe Grüße, Nicole

  3. Diese Gedanken kenne ich nur zu gut. Lustigerweise kommen sie mir auch gerne beim Autofahren (ist das die Zeit, die wir Mütter endlich mal zum Nachdenken frei haben??). Wenn ich mir vorstelle meine Kinder “verlassen” zu müssen, heule ich sofort los. Schrecklich.
    Es wäre wirklich mal interessant zu wissen, an was sie sich später erinnern werden.
    Hach, hoffentlich können wir alle noch viele schöne Erinnerungen sammeln.
    Übrigens, ich habe heute (endlich, ich weiß) deine Fragen beantwortet.
    Liebe Grüße
    Jutta

    1. Hallo Jutta, wollte das grade kommentieren, aber mein Handy mag das nicht durchschicken. Ich bin jetzt erst recht neugierig auf Usedom. 😉 Hat Spaß gemacht zu lesen! Merci!

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