Warum ich keine lästigen Pflichten habe.

Ich saß gestern Abend in der Redaktion an meinem Schreibtisch, hatte rote Wangen und in meinem Kopf ratterte es. Den ganzen Nachmittag hatte ich telefonisch quer durch Behörden und Gerichte recherchiert, um ein möglichst aktuelles Bild eines aktuellen Rechtsstreits wiederzugeben. Mit dem Text, den zwei Kollgen gegengelesen hatten, war ich zufrieden. Runder würde ich ihn nicht hinkriegen. Allein der zweizeilige Vorspann wollte und wollte nicht gelingen. Zu wenig Platz, zu viele und komplizierte Worte, die Sachlage zu komplex. Ich schrieb und löschte, hirnte und verwarf.

Bis ich schließlich bei meinem Chef um kreativen Input bat. Und froh war, dass der auch keine perfekte Lösung mal eben so aus dem Ärmel schüttelte, sondern durchaus verstand, wo meine Schwierigkeiten lagen. Wir hirnten also zusammen. Und fanden schließlich eine Lösung, mit der wir beide zufrieden waren. Kurz danach stand der Verleger in der Redaktion und fragte nach einem Kollegen. Wir kamen ins Plaudern und er fragte mich, ob ich zufrieden sei und ob ich mich wohlfühlte. Als ich eine Weile später nach Hause fuhr und den Tag an mir vorbeiziehen ließ, fiel mir eines auf. Ich fühlte mich unfassbar zufrieden.

Ich war zwar müde, aber nicht leer. Im Gegenteil, ich fühlte mich und meine Arbeit wertgeschätzt und hätte am liebsten dem älteren Herrn, der vor mir über den Zebrastreifen schlich, aus dem offenen Autofenster zugerufen „Lassen Sie sich ruhig Zeit, ich habe den tollsten Job der Welt, mich bringt heute nichts und niemand mehr aus der Ruhe.“ Ich habe das dann übrigens doch nicht getan.

  

Aber das Gefühl in den Abend mitgenommen. Und beim Grübeln festgestellt, dass Wertschätzung in meinem Leben schon bisher einen großen Stellenwert hatte und durch die Atmosphäre im Büro nur noch verstärkt wird.

Wertschätzung in der Erziehung

Ich lebe und erlebe sie bewusst meinem Kind gegenüber. Wenn sie mir etwas erzählt, lasse ich sie ausreden, auch wenn sie dreimal anfängt und ich eigentlich schon weiß, wohin die Geschichte führt. Ich unterbreche sie nicht, sondern höre ihr zu und frage erst, wenn sie fertig ist. Ich ermutige sie, Dinge auszuprobieren, ermuntere sie, wenn sie das Gefühl hat, sie kann etwas grundsätzlich nicht und lobe sie, wenn ihr etwas gut gelingt.

Wertschätzung in der Erziehung heißt bei uns aber nicht nur, dass ich mich nach ihr richte. Sie ist das Kind und ich bin die Große, die die Richtung, den Rahmen vorgibt. Wir haben klare Regeln was Tischmanieren und Umgangsformen angeht und sie weiß, dass ich da kompromisslos bin. Mit dem Essen wird nicht gespielt, Türen werden nicht zugeschlagen, wir hauen uns nicht und schreien uns nicht an. (Wir flippen auch mal beide aus, aber dann wissen wir auch beide, dass das Fass überlaufen ist.) Grundsätzlich glaube ich nicht an blinde Strenge und elterliches Monopol in Sachen Rechthaben. Aber ich glaube an Konsequenz und an klare Regeln, sie geben Kindern eine Orientierung und Halt. Sie einfach laufen zu lassen und ihre Fehler folgenlos zu lassen, hieße für mich, ihre Persönlichkeiten nicht ernstzunehmen und nicht wertzuschätzen.

Wertschätzung mir selbst gegenüber

Und so wie ich mit meiner Tochter umgehe, gehe ich ganz aus einem Selbstverständnis heraus auch mit mir um. Es vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht nach der Arbeit noch einen Korb Wäsche falte oder aufhänge, die Küche wieder blitzblank putze und eine Grundordnung herstelle. Das erfordert manchmal ein bisschen Extradisziplin, aber dann auch wieder nicht, denn ich weiß genau, dass ich mich in einem aufgeräumten Raum viel besser entspannen kann, als wenn mein Blick ständig an leeren Flaschen, Gläsern und Krempel hängen bleibt.

Der Trick ist denkbar simpel – ich lasse das Chaos gar nicht erst überhand nehmen, sondern halte eine Grundsauberkeit aufrecht, in dem ich jeden Tag den gewünschten Status quo wieder herstelle. Natürlich haben wir hier ein Familienleben, verteilen Lego auf dem Teppich (das Kind), lassen Zeitungen und Bücher nach dem Blättern herumliegen (ich) oder verteilen auch mal Klamotten im ganzen Haus (er). Aber ich bin es mir einfach wert, in einem schönen Zuhause zu leben und nicht im „Ich-räume-das-später-morgen-irgendwann-auf“.

Es mag banal klingen, aber ich kann mich jeden morgen freuen, wenn ich die Wäscheschublade öffne. Ich liebe schöne Unterwäsche (auch wenn außer mir nur ein sehr sehr begrenzter Personenkreis zu Gesicht bekommt) und finde, dass sie es nicht verdient hätte, lieblos in eine Schublade geworfen zu werden. So habe ich mir tatsächlich kleine Abteile in meiner Schublade angelegt, in die zusammengelegte Wäsche schön aufgeräumt werden kann. Das ist unwesentlich mehr Arbeit, aber der Effekt ist riesig. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mir morgens aus einem Kuddelmuddel an Unterwäsche durch Rühren etwas Passendes heraussuchen … dann graust es mich.

Der pflegliche Umgang mit mir selbst ist auf jeden Bereich meines Lebens ausweitbar. Wenn ich Lebensmittel einkaufen gehe, achte ich auf Saisonalität und Regionalität. Ich entscheide mich immer dafür, den Wagen nicht vollzupacken mit Masse, sondern kaufe nur das, was wir drei auch wirklich essen können und wollen. Dafür achte ich auf Qualität. Wenn ich Kosmetik kaufe, achte ich auf die Inhaltsstoffe. Finde ich vegan hergestellte Produkte, ziehe ich sie herkömlichen vor.

Wertschätzung ist kein Luxus

Bevor jemand jetzt aufschreit und sagt, Frau Venus, schön für Dich, aber ich kann mir das nicht leisten: Wertschätzung hat nichts mit Prada und Gucci zu tun. Wertschätzung hat mit Persönlichkeit zu tun. Jemandem die Tür aufzuhalten, zu warten, bis der Fahrstuhl sich geleert hat und nicht zu drängeln, der Kassiererin im Supermarkt ein Lächeln zu schenken und einen schönen Feierabend zu wünschen, das eigene Heim aufgeräumt zu halten und die Wäscheberge am wuchern zu hindern und seinen Kindern zuzuhören – all das kostet nichts. Dazu gehört übrigens auch, der Kollegin ein Kompliment für ihren stimmigen Look, für ein besonders schönes Tuch oder für ihre Leistung im Job zu machen.

Wertschätzung hat sehr viel mit Bewusstsein zu tun. Wer seine täglichen Pflichten (und wer hat die nicht) ungern und lieblos erfüllt, wird sich immer nur aufs Wochenende, aufs Nichtstun, auf den Feierabend oder den Urlaub freuen. Ich habe für mich beschlossen, jeden Tag bewusst zu erleben und ihm, meiner Umwelt und mir selbst mit Wertschätzung zu begegnen. Das kann soweit führen, dass ich mich abends vor dem Fernseher auf den flauschigen Teppich setze und die Wäsche der ganzen Familie bewusst und möglichst akkurat und schön falte. Ich muss es doch eh tun, dann kann ich es auch gleich mit Sorgfalt, Liebe und Bewusstsein tun.

Und schlussendlich – auch ich kenne Tage, an denen der Wäscheberg lästig und das Kind anstrengend und der Mann schlechtgelaunt ist. Ich mache mir bewusst, dass ich nicht immer überall sein kann und sogar ich mich ein bisschen bäh fühlen darf. Aber dann gönne ich mir ein winzig kleines Stück Schokolade (so ca. 100 Gramm), mache es mir schön, drehe die Musik auf und mache mir klar, dass die meisten unserer Sorgen weder finanziell existenziell noch lebensbedrohend sind. Und beschließe, die negativen Vibes auf der Stelle aus dem Haus zu kehren und wieder das zu tun, was sich am besten anfühlt – glücklich sein.

Wer ab sofort keine Lust mehr hat, jeden Tag lästige Pflichten zu erfüllen, der macht es einfach wie ich: Das „lästig“ steichen und durch „schön“ ersetzen. Das muss nicht auf der Stelle klappen, ihr müsst nur versprechen, ab und zu an meine Worte zu denken. Wir haben nur dieses eine Leben. Ob es aus lästigen Pflichten oder aus wundervollen und vielfältigen Aufgaben besteht – das entscheidet jeder für sich.

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