Ich, die Wutmutter.

„Wenn Du die ganze Zeit über Deine Kleidergröße jammerst, solltest Du jetzt wirklich kein Eis essen.“ „Warum trägst Du denn einen Rock? Bei Deinen Beinen würde eine Hose viel besser aussehen.“ „Warum habt ihr denn eine Putzfrau, Du hättest doch selbst Zeit, zu putzen?“
Mal ehrlich, wer hat einer Freundin oder Bekannten eine solche Frage schon jemals gestellt? Noch keiner? Weil es unhöflich ist?

Das stimmt. Es ist nicht nur unhöflich, sondern auch anmaßend und mitunter verletzend. So wenig wie man möchte, dass sich andere Leute in sein Leben einmischen, so sehr hält man sich auch mit solchen Äußerungen zurück. Weil man das Gefühl hat, dass es einen überhaupt nichts angeht. Und das ist gut so.
Aber bei einem Thema fehlt diese natürliche Distanz gänzlich: Wenn es um Kinder geht. Was das Beste für Mutter und Kind ist, wissen nämlich offenbar immer und allein die anderen am besten.
Letzten Freitag habe ich mich doch tatsächlich zum ersten Mal bei Wieland Backes‘ Nachtcafé gelangweilt. Die ansonsten von mir heißgeliebte und das Wochenende einläutende Sendung drehte sich um das Thema „Frau zu Hause, nichts wert?“ Spannendes Thema, dachte ich mir, fühl ich mich doch glatt angesprochen. Was dann allerdings kam, war eine Aneinanderreihung von Klischees. Die einen befanden, eine Frau müsse auf eigenen Beinen stehen können auch finanziell, da man nie wisse, wie lange so eine Ehe mit dem Versorger gut geht. Die Kinder also sollten ruhig frühzeitig in eine Kita gebracht werden, damit Mama den beruflichen Anschluss nicht verliert. Wie schrecklich sei es außerdem, den ganzen Tag über Milchzahnprobleme zu diskutieren, dabei verblöde man ja zwangsläufig. Für andere wiederum war klar: Eine Frau, die sich nicht rund um die Uhr um ihre Kinder kümmern möchte, hätte vielleicht gar keine bekommen sollte. Weil Mutter sein ist eine Aufgabe, der man sich bewusst stellen müsse. Oder eben auch nicht. Aber so ein Zwischending sei fürs Kind ganz schlecht. Ja ja.
Was mir gefehlt hat: Jemand, der sagt – lasst die Mütter doch einfach machen. Jede hat ihre Gründe, warum sie tut, was sie tut. Warum maßen sich so viele Frauen an, über andere Mütter zu urteilen? Vielleicht weil Muttersein die letzte einzig weibliche Bastion ist und wir auf diesem Feld meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben? Wenn ich mit Müttern zusammensitze und wir uns unterhalten (ja auch über Zähne), hat jede ihr eigenes Lebensmodell. Die eine arbeitet in Teilzeit, andere sind mit den Kindern zuhause. Ich käme nie, aber wirklich NIE auf die Idee, eine für ihren Lebensentwurf zu kritisieren. Weiß ich denn, warum die Mama arbeiten geht? Vielleicht bleibt ihr nichts anderes übrig. Vielleicht macht sie jetzt die Ausbildung, um später für ihre Kinder da sein zu können? Vielleicht arbeitet sie einfach gerne und genießt es, ein paar Stunden mit Erwachsenen über andere Dinge wie Quacki die Ente zu sprechen? Vielleicht hat sie aber auch die Elternzeit bewusst gewählt und nimmt in Kauf, später beruflich neu anfangen zu müssen? Egal wie – ist es mein Leben? Nein! Also respektiere ich, wie sich andere Eltern entscheiden und maße mir nicht an, darüber zu urteilen. Auch nicht hintenrum und hinter vorgehaltener Hand.
Und es hört ja bei den Müttern nicht auf. Auch was Kinder angeht, wird man als Mutter ständig mit guten Ratschlägen bedacht. „Das Kind kommt erst mit drei Jahren in den Kindergarten? Ach. Das ist aber spät. Dabei tut den Kleinen das Spielen mit Gleichaltrigen so gut.“ „Das Kind geht erst um zehn ins Bett? Ach. Das ist aber auch nur anerzogen. Um acht gehört das Licht aus.“ Die Liste ist beliebig erweiterbar. Es gibt Meinungen zu Kinderklamotten, zu Autositzen, zur Notwendigkeit musikalischer Früherziehung und zum Essen mit Besteck. Meist sind die „Meinungen“ aber versteckte Kritik, verpackt in einen guten Ratschlag, mit dem Nachsatz „…das tut dem Kind wirklich gut.“ (So als hätte man selbst für seine eigenen Kinder halt überhaupt kein Gefühl und keine Ahnung.)
All denen, die meinen, Kindererziehung und Elternsein gibt es als dogmatisches Komplettpaket, sei gesagt: Lasst Eure Kinder und Enkel mit Fingern essen, wegen mir auch mit den Füßen. Schleppt sie zum „frühkindlichen Musikerlebnis mit afrikanischen Rhythmen“, setzt sie vorwärts oder rückwärts ins Auto, gebt ihnen Holzklötze oder ein iPad. Gebt sie in die Kita oder zur Tagesmutter oder betreut sie selbst, bis sie erwachsen sind. Erzieht Eure Kinder ganz genau so, wie ihr es für richtig haltet. Aber bitte gesteht dieses Recht auch allen anderen zu. Und haltet Euch da raus.

6 Antworten auf „Ich, die Wutmutter.“

  1. Ich erwische mich auch ab und an eine Meinung zu haben zu Dingen, die mich nicht betreffen. Jedoch versuch ich die Meinung behutsam und Kontextsensitiv zu äußern. Ich frage mich (als Nichtelter), ob diese Art der Bevormundung durch andere Eltern, die du beschreibst, Arroganz oder Unsicherheit ist?

    1. Keine Ahnung, vielleicht liegt es wirklich darin begründet, dass Frauen, die selbst Mutter sind, meinen, so wie sie es machen, sei es richtig und NUR so. Sonst hätten sie’s selbst anders gemacht. Aber von sich auf andere schließen ist immer leichtsinnig.

  2. Das ist natürlich ein schwieriges Thema, das immer auch emotional geladen ist.
    Ich würde nie jemanden für seinen Lebensentwurf kritisieren – wie du schreibst: Jeder soll das so machen wie er meint und hat sicherlich Gründe sich für einen zu entscheiden (arbeiten gehen, mehrere Jahre mit Kind zu Hause bleiben etc.).
    Wie auch du, finde ich es anmaßend, wenn ich mir da als Außenstehender ein Urteil bilden wollte.

    Allerdings glaube ich auch, dass nicht alles, was Eltern mitunter so mit ihren Kindern treiben. Wenn es um eine offensichtliche Vernachlässigung geht, ist ja klar, dass das so nicht geht. Aber das andere Extrem – wenn sich alles nur noch um das Kind dreht – finde ich mitunter auch fragwürdig. Ich bekomm‘ das auch öfters bei der Betreuung einer Kindergruppe (sind alle schon was älter, ab neun Jahre) – da passieren auch manchmal Sachen, die mir einfach nicht in den Kopf gehen und die Mamas sind dann überhaupt nicht zugänglich, weil ihr Kind ja ein verkapptes Genie und man selbst der Depp ist.

    1. Klar, mit sich-nicht-einmischen ist nicht gemeint, wegzugucken, wenn das Kind offensichtlich vernachlässigt wird. Aber Du wirst selbst erleben wie viele Arten von GANZ RICHTIG es gibt, wenn es ums Kind geht. Jeder wird dir ungefragt erzählen, wann dein Kind ins Bett/ aufs Töpfchen/ in den Kindergarten/ aus dem Elternbett gehört. Ich versuche mittlerweile, einfach wegzuhören. Oder ich verblogge meinen Frust. 🙂

      1. Ach ja, wie gesagt – schwieriges Thema.

        Ich denke, es ist so, dass wahrscheinlich JEDE Mutter denkt, sie macht es genau richtig.
        Ein Teil der Mütter denkt somit, sie müssten ihre Heilslehre allen anderen Müttern mitteilen, wohingegen wahrscheinlich keine Mutter Lust hat, sich irgendwas sagen zu lassen (mal angenommen, es wäre wirklich ein berechtigter Einwand), weil man ja ebenso der Meinung ist, alles richtig zu machen.

        Aber ich merke das ja gerade schon in der Schwangerschaft, wie sich alle möglichen Leute einmischen und mich mit Tipps überhäufen. Das geht mir auch ziemlich auf die Nerven. Manchmal frage ich ja sogar um Rat, z. B. wenn mir was komisch vorkommt und ich wissen will, ob das bei anderen auch so war oder was die in dieser Situation gemacht haben. Aber mir geht´s auch in der Schwangerschaft prima, also wird wohl alles in Ordnung sein.

        1. Du entwickelst ein recht gutes Gespür für Dich und Dein Kind. Vertrau auf Deinen gesunden Menschenverstand. Und lass die Leute reden. Was mir immer geholfen hat: „Früher war das vielleicht so, heute ist es eben anders.“ Denn oft kommen ältere Mütter und versuchen, Dich zu belehren mit Sätzen wie „früher haben wir auch nicht gestillt/ nur gestillt / gab es keine Gurte in Autos / hat man auch alles gegessen…“ Lass Dich nicht verunsichern und mach es genau so, wie Dein Bauchgefühl es Dir sagt. Dann ist es auch richtig. 🙂 Alles Gute Dir weiterhin!

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