Dein Kotelett ist meine Kartoffel.

Ich esse kein Fleisch mehr. Seit Anfang Juni dieses Jahres. Klingt wie ein großer Verzicht? Wie eine persönliche Einschränkung sondersgleichen? Och. Im Großen und Ganzen fehlt es mir nicht. Ich habe schon davor keine Unmengen Steaks, Wurstbrote oder Hähnchenschlegel in mich hineingeschaufelt. Von einer kompletten Ernährungsumstellung zu sprechen, wäre also ziemlich übertrieben. Was als Selbstversuch begann, hat sich ziemlich schnell richtig angefühlt. Ursprünglich wollte ich eine Woche auf Fleisch und Wurst verzichten. Zumindest wollte ich mir damit eine Hintertür offenlassen. Wenn ich mein Wurstbrötchen nach einer Woche sehr vermissen würde, hätte ich den Versuch als beendet erklären und wieder in das Schnitzel beißen können. Nach einer Woche vermisste ich aber überhaupt nichts. Es war Sommer, die Gemüseregale quollen über vor lauter frischgeernteten Radieschen, Gurken und Tomaten und die Alternativen zu Wurst und Fleisch waren geradezu grenzenlos.


Für mich selbst also war der Verzicht kein echter. Wohl aber für mein Umfeld. Während mein Mann mein Vorhaben unterstützte und akzeptierte – danke dafür! – hatte der Rest der Familie, der Vegetariern sowieso eher belächelnd gegenübersteht, Bedenken. Ich hörte mir geduldig „Argumente“ an wie „du hast doch immer Fleisch gegessen“, „der Mensch hat ein Allesfressergebiss“, „es hat dir doch früher auch geschmeckt“, „sei doch froh, dass du alles essen kannst“, „Vegetarier und Veganer sind nur ein blöder Trend“ und so weiter.
Ich bemühte mich redlich, meine Beweggründe klar zu machen. Mein freiwilliger Fleischverzicht hat nichts mit Ekel zu tun. Jedenfalls nicht mit Ekel vor einem Schnitzel. Es wäre glatt gelogen, wenn ich behaupten würde, ein Steak vom Grill schmecke mir nicht.
Und ja, Fleisch zu essen gehörte für mich völlig selbstverständlich dazu, zwar nicht täglich, so aber doch ein- bis dreimal die Woche. Was also hat den Ausschlag zum Vegetarismus gegeben?
Irgendwann habe ich damit begonnen, mich mit meiner Ernährung auseinanderzusetzen. Nicht erst, seit unsere Tochter mit uns am Tisch sitzt, überlegen wir, was auf selbigen kommt. Ich kaufe, wo es mir sinnvoll erscheint, Bio-Ware. Wir achten auf kurze Wege und Regionalität der Sachen, die wir essen. Es gibt im Winter keine Erdbeeren, ebenso wenig wie Äpfel aus Neuseeland. Beim Fleisch hatte ich mich einfach auf die Vertrauenswürdigkeit des Metzgers verlassen. Meistens mit einer gewissen Skepsis, die aber leicht auszublenden war. Wenn alle Fleisch essen, ist das halt so. Bis zu diesem einen Abend, an dem ich eine Reportage über einen Zerlegebetrieb sah. Bilder vom Viehtransport, vom Umgang mit den Tieren, die halbtot über die Lkw-Pritschen gezogen wurden, überzählige Ferkel, die an die Stallwand geschleudert und im Müllcontainer entsorgt wurden, tot oder nicht. Diese Bilder haben mich regelrecht in Mark getroffen und tief erschüttert. Ich habe mich geschämt und hatte Tränen in den Augen.
Und weil ich wusste, dass ich nicht dort vor dem Betrieb gegen diese Zustände demonstrieren kann, habe ich beschlossen, meine ganz privaten und persönlichen Konsequenzen zu ziehen.
Nach einer Woche ohne Fleisch und Wurst war ich geradezu euphorisch. Ich bog neugierig in Supermarktregale ab, in denen ich bislang nicht gewesen war. Wie schmeckt vegetarische Wurst? Wie Tofu? Aus heutiger Sicht würde ich jedem, der Vegetarismus für eine Einschränkung seines Speiseplans hält, empfehlen, eine Woche lang auf Fleisch zu verzichten. Noch nie habe ich so viele neue Rezepte ausprobiert, wie seit Beginn meines Fleischverzichts. Ich habe Polenta für mich entdeckt, Avocado und Süßkartoffeln. Und ja, auch ich habe mich eingedeckt mit vegetarischem oder veganem „Ersatzfleisch“.
Mein Mann füllte den Kühlschrank mit Veggie-Würstchen und Bratlingen. Ich habe mich tapfer durchprobiert, Tofu als zu labberig und Bratlinge oft als zu fad empfunden. Mittlerweile sind aber durchaus auch ein paar sehr schmackhafte, vegane „Grillsteaks“ auf meinem Teller gelandet, aber diese Art von Fleisch-Substitution ist eher die Ausnahme.
Tatsächlich gibt es mittags viel Gemüse-Nudel-Aufläufe, Kürbisspalten mit Feta oder Spaghetti mit Pesto und wenig pflanzliche Schnitzel aus Pappschachteln.
Weil ohnehin nur meine Tochter und mein Mann mit mir am Tisch sitzen, kommt auch die eine Frage recht selten auf, die man als Vegetarier sonst wohl oft hört: „Wenn Du kein Hühnchen essen möchtest, warum isst Du denn ein Stück Tofu, das aussieht und schmeckt, wie Hühnchen?“
Nun ja. Ich habe ja kein Problem damit, wie mein Essen aussieht. Ich habe noch keinen Vegetarier erlebt, der als Grund für seinen Fleischverzicht „die Form des Schnitzels gefällt mir nicht“ angegeben hätte. Warum soll denn ein vegetarisches Schnitzel aussehen, wie ein grüner Tetraeder? Der ließe sich erstens nicht gut anbraten und würde zweitens nicht so gut auf ein Brötchen passen. Der Grund also, warum ein pflanzliches „Schnitzel“ einem echten ähnelt, ist schlicht ein pragmatischer: Weil es so praktisch ist. Dem Schwein beißt ja auch ein „normaler“ Esser nicht einfach so in den Hintern, sondern lässt es sich als Scheiben verkaufen.
Nach einigen Wochen fleischlosen Essens, macht sich übrigens ein weiterer Trend bemerkbar. Wer am Tisch sitzt mit anderen und – auch ganz beiläufig – erwähnt, dass er kein Fleisch isst (weil er sich beispielsweise zwischen Kässpätzle und „Marktgemüse mit Sauce Béchamel“ entscheiden muss) setzt eine Diskussion über Ernährung in Gang. Ob er will oder nicht. Er wird von der Runde als die personifizierte Moral betrachtet. Wem auch immer ich von meinem „grünen Tellerchen“ erzähle, fängt an, sich zu rechtfertigen. Plötzlich wird nur noch ganz wenig Fleisch gegessen. Und wenn, dann nur bio. Und totgestreichelt wurde das Kalb, ganz sicher. Mich amüsiert das meistens. Die Leute reden sich förmlich in Rage. Ich schweige dazu. Denn nichts geht mir selbst mehr auf den Senkel, als missionarische Vertreter ihrer Meinung. Mir ist ein Gegenüber lieber, das zu seinem Fleischkonsum steht und nicht weiter darüber reden will, als einer, der mir in einem Wortschwall zu vermitteln versucht, dass Fleischessen aber wichtig und gesund und NORMAL sei. Ich möchte niemanden überzeugen. Ich möchte aber auch selbst nicht bekehrt werden. Ich habe das für mich ganz persönlich entschieden, für niemanden sonst, übrigens auch nicht für meinen Mann oder unsere Tochter, die sich selbstverständlich abends mit dem Papa über die „Schwatzwust“ hermacht. Ach ja, eine Frage wird mir dann doch relativ oft gestellt: „Glaubst Du, Du allein kannst die Welt verbessern, nur weil Du kein Fleisch ist?“ Nein, das glaube ich nicht. Aber ich weiß, dass sich die Welt nie ändern würde, wenn keiner den Anfang machen würde. Und wenn jeder mit etwas, was ihm wichtig und sinnvoll erscheint, bei sich anfängt, sind das schon ganz schön viele.

7 Antworten auf „Dein Kotelett ist meine Kartoffel.“

  1. Ich hab den Schritt zu „kein Fleisch“ leider noch nicht so ganz geschafft. Aber ich arbeite daran. Mir geht es im Übrigen wie dir: Man denkt, ohne Fleisch zu kochen, ist eine wahnsinnige Einschränkung, dabei geht es dann mit der Kreativität erst richtig los. 🙂
    Aber manchmal komme ich um ein gutes Stück Fleisch einfach nicht drum herum. 🙁

  2. Das dachte ich auch, das mit dem guten Stück Fleisch. Aber es ist ja nicht das Fleisch an sich, sondern die Zubereitung, die Würze, die Panade, etc., die schmeckt. Ich habe mittlerweile echt gute Alternativen für mich gefunden, die mir das Fleisch gut ersetzen.

  3. Ich habe seit 18 Jahren kein Fleisch mehr gegessen und find’s lustig, dass du schon nach einer Woche zu Erkenntnissen kommt, die jeder Vegetarier erfahren muss:

    1. Die Ernährung verliert nichts, sondern gewinnt. Das ging mir so, das ging meinem Mann so. Meine Schwiegermutter (die so eine pingelige Esserin ist) fragt uns: „Was esst ihr denn jetzt überhaupt noch?“ Mehr Verschiedenes als sie auf jeden Fall. Unsere Ernährung ist sehr abwechslungreich und lecker. Es passiert oft, wenn ich mit Fleischessern essen gehe (Kollegen zum Beispiel), dass sie mit Neid auf meinen Teller gucken, weil mein Essen so lecker aussieht.

    2. Man wird kritisiert oder belächelt, weil man Fleischersatzprodukte isst. Meist begleitet von Augenrollen. „Kein Fleisch essen, aber dann was kaufen, was wie Fleisch aussieht und schmeckt.“ Ich verstehe nicht, warum das so unbegreiflich ist. Die meisten Vegetarier lehnen Fleisch nicht wegen seines Geschmacks ab. Nur die Allerwenigsten. Die überwältigende Mehrheit meidet Fleisch aus anderen Gründen, z. B. ethischen, gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen oder religiösen Gründen. Die haben nichts gegen den Geschmack und deshalb auch kein Problem damit, etwas zu kaufen, dass ähnlich aussieht und schmeckt. Allerdings: Je länger man sich vegetarisch ernährt, desto seltener greift man auf diese Produkte zurück. Am Anfang hat man genug damit zu tun, sich mit einer fleischlosen Ernährung vertraut zu machen. Man kocht weiter die bekannten Rezepte und ersetzt Fleisch mit einem FEP. Je mehr neue Rezepte und Lebensmittel man kennenlernt, desto mehr lässt das nach. Wir kaufen so etwas jetzt nur noch selten, z. B. wenn wir die Schwiegereltern besuchen.

    Ich hoffe, du findest noch Gefallen an Tofu. Ich liebe das Zeug. Den sehe ich übrigens nicht als Fleischersatzprodukt, sondern einfach als Lebensmittel.

    3. Das Gerede am Tisch. Da musste ich lachen. Wie oft habe ich schon gehört: „Wir essen ja auch so gut wie gar kein Fleisch mehr.“ Ja, whatever. Auch sehr beliebt sind aggressive Reaktionen. Als Vegetarier ist man die personifizierte Anklage, auch wenn man nichts weiter will als in Ruhe sein fleischloses Essen essen und keinen Piep gesagt hat. Ich habe schon lange gelernt, dass man durch Missionieren niemanden überzeugt, deshalb halte ich die Klappe. Wie du aber schon schnell bemerkt hat, setzt man aber schon durch seine bloße Anwesenheit eine Diskussion in Gang. Nachher wird einem das dann vorgeworfen.

    1. Um auf beide Kommentare gleichzeitig zu antworten: Ja, ich esse immer noch vegetarisch. Ich sage mir jeden Tag, es ist ganz allein meine Entscheidung. Wenn ich wieder Fleisch essen will, dann tu ich das genau so selbstverständlich, wie ich damit aufgehört habe. Will ich?…. nö. Auch wenn es sich womöglich komisch anhört – kein Fleisch mehr zu essen macht für mich alles viel einfacher. Wenn ich früher überlegt habe, was ich heute, morgen, übermorgen koche, sind mir spontan ganz viele Dinge ohne Fleisch eingefallen. Irgendwie hatte ich dann aber immer das Gefühl, jetzt doch mal wieder was mit Fleischinhalt kochen zu müssen. Nur was? Meistens gab es Geschnetzeltes. Heute stellt sich die Frage gar nicht mehr erst. Ich esse einfach, was ich sowieso immer am liebsten mochte. Fleischersatzprodukte kommen tatsächlich ganz wenig im Speiseplan vor, allein schon, weil ich es komisch finde, vorgefertigtes Essen in Pappschachteln zu kaufen. Dann lieber ein Stück Sellerie, als ein Tofuschnitzel. Ich habe mich übrigens in Teilen mit Tofu angefreundet. Und zwar, wenn er in Form von bissfester, veganer Wurst daher kommt. Ich mag einfach das weiche, labberige nicht. Mein Umfeld hat sich inzwischen auch damit abgefunden. Meine Mama macht zwar hin und wieder den Versuch, mich mit „Oh, jetzt habe ich das Hackfleisch schon in die Tomatensoße getan, jetzt isst Du halt drumrum und wenn Du doch was erwischst, dann stirbst Du auch nicht dran“ zu ködern (oder wie neulich „Fisch isst du aber schon, oder? NICHT?“) aber auch sie kommt im Großen und Ganzen damit klar. Und allen Unkenrufen zum Trotz: Ich bin bisher noch nie umgekippt, habe keinen Haarausfall, verliere keine Fußnägel und auch mein Darm benimmt sich nicht sonderbar. Es geht tatsächlich einwandfrei ohne. 🙂

      1. Tofu ist labberig? Kaufst du vielleicht den Mori-Tofu? Den im Tetrapak? Der ist in der Tat sehr labberig, sogar wenn „fest“ draufsteht. Den nehme ich nur für Cremes und so, wo er sowieso püriert wird. Aber der feste Tofu, z. B. von Taifun, der ist doch nicht labberiger als eine Tofuwurst.

        1. Hm. Ich habe Tofu bisher in Form von Wurst gegessen. Also „Wurst“. Da gibt es eher feste Sorten und die mit besonders viel Soja drin, und die sind einfach von der Konsistenz her wie ein feuchter Schwamm. Und haben einen leicht metallischen Geschmack. Das meinte ich mit labberig. Festen Tofu muss ich mal noch probieren, so am Stück. Taifun gibt es bei uns auch. Was machst Du damit? Anbraten?

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