Hirschhorn-Hype?

Landfrauen. Was habe ich gegrinst, als ich diesen Begriff in Zeiten meiner aktiven Redaktionsarbeit zum ersten Mal gehört habe. „Es gibt echt einen Haufen gelangweilter Hausfrauen, die nichts besseres mit ihrer Freizeit zu tun haben, als Marmelade einzukochen und damit angzugeben?“ dachte ich mir. (Liebe Landfrauen, ihr tut sicherlich ganz tolle Dinge außer Marmelade zu kochen, und nur weil ich Ignorant das nicht besser weiß, lästere ich hier nach Herzenslust. Tse!) Bei dem Begriff Landfrau drängen sich mir noch heute Bilder von kittelbeschürzten, patenten, grauhaarigen Damen auf, die ad hoc 29 Kuchenrezepte nachts aus dem Tiefschlaf gerissen auswendig aufsagen können, die wissen, wie man Obstflecken aus Geschirrtüchern kriegt und wie man aus drei Paletten frischer Eier und einem Kilo Roggenmehl in zehn Minuten ein schmackhaftes Mittagessen für eine Fußballmannschaft zaubert. DAS sind die Landfrauen in meiner Fantasie. 

Wenn diese Landfrauen ein Buch zur Hand nähmen, dann vielleicht so etwas wie „Hundert Tipps für die erfolgreiche Karottenaufzucht“ oder „Apfelsorten aus dem 21. Jahrhundert – Streuobstverwertung leicht gemacht“. Aber eigentlich haben die Landfrauen meiner Fantasie gar keine Zeit zum Lesen. Sie sind nämlich den ganzen Tag beschäftigt mit Einkochen, Ernsten, Dünsten, Haltbarmachen, Pressen, in Weckgläser füllen, in den Ofen schieben, Haushaltsbuch führen, Wäsche mangeln und Teppiche klopfen.

Und jetzt macht mit mir einen Sprung zum Zeitschriftenregal im Supermarkt Eures Vertrauens. Was findet ihr da neben TV-Spielfilm und Spiegel? Richtig. Handarbeitszeitschriften. OK, die gab’s schon immer. Aber ist Euch auch schon aufgefallen, wie viele Hochglanz-Magazine sich mittlerweile mit dem Thema „Land“ beschäftigen? LandLust, LandLiebe, LiebesLand… und es gibt sicher noch viele andere. Es würde mich auch nicht wundern, wenn sich „Die liebe LandFrau“ dazwischen verstecken würde. Seit geraumer Zeit schon wundere ich mich über diese Entwicklung, denn seien wir mal ehrlich: Diese Magazine haben im Grunde keinen wirklich brauchbaren Inhalt. Sie kommen daher mit beeindruckenden Bildern. Doppelseitige Panorama-Aufnahmen von Sonnenblumenfeldern. Tierkindern. Blühenden Wegrändern. Flussläufen. Es gibt Reportagen über Kartoffelbauern, über alte Tomatensorten und über Rübenarten. Hin und wieder werden Artikel mit passenden Rezepten abgerundet, es gibt Tipps zum Sterilisieren von Weckgläsern und Hinweise auf schöne Wandertouren. Was aber genau fasziniert eine offenbar breite Leserschicht an all dem? Denn während es etliche dieser Landleben-Zeitungen gibt, fällt die Auswahl an „Stadtmagazinen“ eher bescheiden aus. Der Trend geht offenbar ausschließlich hinaus aufs Land. Selbermachen ist in.

Hat es etwas mit der Rückbesinnung auf Traditionen zu tun? Sehnen wir uns nach alten Werten? Besinnen wir uns auf Dinge, die wir mit den eigenen Händen machen können, sei es einen Zwetschgenkuchen zu backen wie damals unsere Oma oder im Gemüsebeet zu buddeln wie früher bei Mama? Weiden wir uns an Hausfrauen-Rezepten, weil die Welt da draußen viel zu übersichtlich und schnell geworden ist?

Und neben all dem Lesestoff ist mir noch etwas aufgefallen. Als ich heute morgen nach einem bestimmten Kleidungsstück gesucht habe (mehr dazu vielleicht ein andermal…) landete ich in der Trachtenabteilung eines großen Modehauses in der Gegend. Während ich auf die Verkäuferin wartete, wanderte ich staunend durch lange Gänge aus Dirndln und Lederhosen. Ich begutachtete bunte Schürzen, las mit Interesse, welche Rocklänge für welches Alter geeignet sei, schaute kurze, lange und Miederblusen an, Schürzen, Lebkuchenherz-förmige Handtaschen, Balkon-BHs, Hirschhornbeknöpfte Stricksocken, Edelweiß-Halsketten und karierte Blüschen. Wir sind nun sicher keine grundsätzlich urbane Gegend, aber auch nicht das platte Land. Und trotzdem lohnt es sich, ein ganzes Stockwerk mit Trachten zu füllen? Und das ja offenbar nicht allein zur Wiesn-Zeit?

Hängt das eine mit dem anderen Phänomen zusammen? Zurück zu alten Werten? Wir kochen unser Apfelmus wieder selbst ein und tragen dazu rechts-links-vorn-gebundene Schürzen überm Lodenröckchen?

Habt ihr ähnliches beobachtet oder eine Erklärung für diesen Zeitgeist? Ich bin gespannt!

4 Antworten auf „Hirschhorn-Hype?“

  1. Ich glaube, das ist ein künstlicher Trend. Es geht hauptsächlich darum, mit preiswerten Inhalten Profit zu machen. Gibt ja auch flankierend nen Haufen Landirgendwas Sendungen auf den Dritten. Find ich gar ned schlecht. Die Sendungen vom WDR wecken Heimatgefühle! 😉

  2. Ja, ich glaube, das ist ein Trend und gehört zu den ebenfalls trendigen Themen Minimalismus, Downsizing, Achtsamkeit, Entkommen aus dem Hamsterrad, von denen man seit 2008/9 immer öfter hört. Diese Zeitschriften sind sicherlich nicht besonders realistisch. Da müsste man mal eine echte Landfrau fragen. 😉 Ich glaube auch nicht, dass die Landfrauen den lieben langen Tag backen und einkochen. Viele haben sicherlich einen Job und kaufen ihre Marmelade im Supermarkt. Wer weiß? Vielleicht ist der Landfrauenverband in Wirklichkeit viel cooler als man so denkt?

    Ich habe das Gefühl, dass ich dem britischen Women’s Institute (WI) auch unrecht getan habe, indem ich ihnen jahrelang nur Interesse an Marmelade und Biskuitkuchen zugetraut habe (und natürlich, dass die alle über 60 sind und blaue Haare haben).

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