Fünf Wahrheiten übers Campen – oder: Warum ich gerne Spießer bin

Wir unterbrechen diese Sendung Ferienetappe für eine wichtige Durchsage für einen wichtigen Blogpost: Eine Ode ans Campen. Aber eigentlich bin ich gar nicht da. Doch, na gut, ein bisschen. Aber wir schalten hier nur ganz kurz in den Arbeits- und Haushaltsmodus (unverschiebbare Termine!), ab Donnerstag ist dann wieder alles auf das „dolce far niente“ in der Sonne und am Wasser eingestellt. (Und jetzt erzählt mir nicht, ihr hättet mich hier schmerzlich vermisst, ich glaube Euch KEIN WORT.)

Damit ihr seht, was ICH vermisse, während ich jetzt so am heimischen Schreibtisch sitze, und natürlich, wie schön es am Bodensee ist, habe ich Euch eine Unmenge Fotos mitgebracht. Und wer jetzt sagt – Camping! Igitt! Wie kann man nur?! – für den habe ich heute fünf Wahrheiten (oder eher Lügen?) über die Sache mit dem Leben ohne gemauerte Wände aufgeschrieben.

1. Campen ist was für Leute, die es einfach mögen.

HAHA. Campen IST nicht einfach. Campen ist eine wahnsinnig akkurate und komplizierte Sache. Es beginnt beim Aufbau. Jeder Quadratmeter Grün auf dem Campingplatz gehört zu einer Stellplatznummer. Hat man sein Fleckchen gefunden, geht die Aufbauarbeit los. (Nix mit einfach Abstellen und fertig!) Wer sich ein bisschen ungeschickt anstellt (oder nur irgendwie kurz zögert und beim Aufbau innehält), bekommt sofort Schützenhilfe von allen Nachbarn. Reißverschlüsse ratschen an Vorzelten nach oben und spucken tatkräftige Herren in Schlappen und Ballonseide aus, die noch eben den letzten Bissen Schweinebraten hinunterwürgen, wedelnde Nachbarn von der Parzelle ganz hinten zeigen gestikulierend, dass man mit Schieben doch bitte warten möge, sie kämen doch gern zu Hilfe. Und so drehen, ruckeln und knarzen sechs erwachsene Männer einen Wohnwagen in die Position, die gemeinsam als „richtig“ definiert wurde. Parallel zur Hecke, aber im rechten Winkel zum beginnenden Kiesfeld, möglichst nah an die Versorgungsstation aber in höflichem Abstand zum Nachbarn. Oberste Regel: Man bedankt sich bei den Bernds, Werners und Helmuts für die Hilfe und erzählt freimütig, wo man herkommt, seit wann man campt, wie man den Platz findet und wie das Wetter morgen wird. Wenn sich die fröhliche Runde aufgelöst hat, wird es Zeit, das Wirrwarr aus Stangen und Stoffteilen für das Vorzelt auf dem Rasen auszubreiten. Wenn man sich ein bisschen ungeschickt anstellt – ha – kommt trotzdem keiner. Denn diese Arbeit ist wirklich nix, was man anderen gerne abnimmt. Mit der Wasserwaage werden Querstangen ausgerichtet, mit der Richtschnur Heringe ins Erdreich getrieben. Alles in allem dauert der korrekte Aufbau einer Campingeinheit locker einen Zweidritteltag. Die Überlegung, das Ensemble gleich mehrere Monate stehen zu lassen, ist also naheliegend.

2. Wer in einem Wohnwagen campt, reist mit leichtem Gepäck.

Wir waren schon öfter im Urlaub. Auf Kreuzfahren. Mit dem Bus. Mit dem Auto. Aber gefühlt habe ich noch nie so viel für „falls“ eingepackt, wie fürs Campen. Man nimmt nämlich alles mit, was man VIELLEICHT, IM FALLE DES FALLES, MÖGLICHERWEISE brauchen könnte. Regenjacke in dreifacher Ausfertigung. Schirme. Matsch- und Buddelhose. Plastikförmchen für den Sandkasten (falls wir mal auf dem Spielplatz sind). Ein Paar Schuhe zum Wandern. Eins für die Stadt. Eins für sovordemWohnwagenrum. Eins als Ersatz für … so halt. Jacken! Dünne! Dickere! Windabweisende! Regenfeste! Leichte! Hübsche! Genauso Oberteile und Hosen! Falls man mal nass wird. Oder dreckig. Ich glaube, weil ich ahne, dass ich mich sehr viel im Freien aufhalte, beschleicht mich das Gefühl, ich könnte ruckzuck im See/im Matsch/im Dreck/in der Vogelkacke/in der Patsche sitzen und müsste womöglich einen ganzen Sonntag lang in der Jogginghose herumsitzen, weil ich keine ordentliche Jeans mehr im Gepäck habe. Also lieber: An „FALLS“ denken.

Und dann natürlich der Kühlschrank. Dass man ständig Hunger hat wegen der vielen frischen Luft, weiß man. Und man lebt ja nicht gern von Butterbrot allein. Also haben wir frische Pasta eingepackt und Erdbeermarmelade, frischen Spargel und Pralinen (falls man mal Hunger auf was Süßes hat und die 150 Meter bis zum Kiosk nicht mehr schafft). Wenn man übrigens daheim die elf Reisetaschen und Kisten auspackt, stellt man fest, dass zwei Drittel davon originalgefaltet und unberührt sind. Aber man hätte die Gummistiefel dabei gehabt. Für falls.

3. Camper sind der Inbegriff von Spießigkeit.

Kann ich das entkräften? Ich weiß nicht. Wenn man eine Runde über den Campingplatz spaziert, sieht man sie: Gartenzwerge, kleine bunte Windräder, Hornveilchen in Hängeampeln, Götterstatuen en miniature und winzige weiße Zäunchen, die Blumenbeetchen säumen. Jedem das Seine. Aber dann sitzen da eben Menschen auf ihren Gartenstühlen, die erstmal lächeln und dann freundlich hallo rufen. Wenn man nebeneinander an den Stahlwaschbecken steht und Geschirr spült, kommt man einfach so ins Gespräch. Am zweiten Tag grinst man nicht mehr über die älteren Damen, die mit ausgebeultem Waschbeutel unterm Arm, im geblümten Morgenmantel und in rosa Badeschläppchen morgens um acht eilig zu den Duschen wieseln (man hat sich nämlich grad selbst mit Duschmünze, Handtüchern und Waschzeug bewaffnet, um es ihnen gleich zu tun.) Am dritten Tag erkennt man die direkten Nachbarn an der Farbe des Handtuchturbans schon aus 100 Metern. Und wenn ein Wohnwagen auf die Parzelle gezogen wird, schluckt man schnell den letzten Bissen Spargel, reißt das Vorzelt auf, und läuft ihnen winkend und wedeln entgegen, um … ach. Ihr wisst schon. Man wird in kürzester Zeit Teil dieser Gemeinschaft und zwinkert sich morgens in der Schlange beim Brötchenholen verschwörerisch zu. Spießer unter ihresgleichen halt.

4. Campen ist eine ruhige Sache.

Wenn die Sonne um die Mittagszeit ganz oben steht, herrscht eine andächtige Stille auf dem Platz. Ganz von unten hört man vielleicht ein bisschen Kinderlachen vom Spielplatz. Aber ansonsten – nichts als Ruhe. Die hat man sich allerdings auch verdient, denn mit Ruhe beginnt und endet kein Tag auf dem Campingplatz. Ich wurde am ersten Morgen tatsächlich unsanft ermahnt, ich möge meinen SCH…-Wecker abstellen.  Verdattert tastete ich mich durchs Dunkel, um festzustellen, dass mein Wecker völlig unschuldig war. Das Gezwitscher, Geklapper und Geschnatter kam von draußen! Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist es herrlich – wer genau hinhört, kann die unterschiedlichen Vogelstimmen heraushören, je heller es wird, desto lauter werden sie. Man kann auch einfach weiterschlafen, denn das Grundrauschen wird einen noch den ganzen Tag begleiten. Abends dann sind es eher die Bernds, Werners und Helmuts, die das Gezwitscher übernehmen. Man glaubt kaum, wie laut ein Würfelbecher klappern kann, wenn man in einem dunklen Raum sitzt und hofft, dass das Kind endlich einschläft! Und übrigens – selbst wenn KEINE Gartenparty mit Hits der Achtziger (seufz) auf der Wiese gegenüber des Platzes stattfindet – REGEN kann verdammt laut sein auf einem Kunststoffdach.

5. Campen ist anstrengend, provisorisch und unbequem.

Ich habe noch nie in einem Zelt übernachtet und kann mir tatsächlich nicht vorstellen, dass sich mein wasserbettversautes Ich nach einer Nacht auf einer Isomatte begeistert aus dem Schlafsack schälen würde. Aber im Wohnwagen auf dem Campingplatz ist Campen eine ganz großartige, wunderbare Sache! Man ist unabhängig von Restaurantöffnungszeiten, keinen würde es stören, hätte man zwei Wochen lang einen Trainingsanzug und Pantoffeln an (was nicht heißen soll, dass ich das gut fände, nur so). Man ist den ganzen Tag an der frischen Luft, weil man zwar ein warmes und trockenes Dach über dem Kopf, aber letztlich doch keine luxuriöse Suite zur Verfügung hat. Die Kleine kann nach Herzenslust im Dreck graben, Steine sammeln, Enten füttern und den Ball über den Platz kicken – es fahren fast keine Autos und falls sie dreckig wird, hat Mama eine ganze Reisetasche Ersatz dabei. Man wacht auf mit dem Geklapper des Storchenpaars, das hoch über dem Campingplatz sein Nest gebaut hat, man hört die Fähre nach Überlingen tuten und das Rauschen der Brandung, man hat den ganzen Tag Sonne und Wind im Gesicht und entschleunigt auf ganz wunderbare Weise. Und während ich hier so sitze und überlege, ob ich womöglich ein Spießer bin, sagt die innere Stimme in mir: Wenn doch nur schon wieder Donnerstag wäre. 

6 Antworten auf „Fünf Wahrheiten übers Campen – oder: Warum ich gerne Spießer bin“

  1. Wir hatten Dich sehr sehr vermisst!!!

    Uuuund ich, ich habe Deinen Bericht gelesen, der die Lust aufs Campen weg.
    Aber auch als erzwungene Mit-Wohnmobilbesitzerin hält sich meine Leidenschaft für das Leben in freister Natur begrenzt.
    Mein Mann liiiiiebt es… Ich hasse die Lautstärke des Regens auf dem Dach, ich hasse die Kälte, ich hasse die Hitze und die drilliönen Mücken die sich trotz „das ist bombensicher fliegenvergittert“ über mich hermachen.
    Aber am meisten, ich gebe ich zu, hasse ich die winzige Toilette, auf die man sich nachts nicht mal eben schleichen kann. Man muss ja alles hell beleuchten und so… seufz… Das man nicht mal eben Nachts raus kann (weil ich zuviel Angst hätte, wir campen nie auf einem Campingplatz, da ist es sicher was anderes und nicht dass ich ansonsten nachts spazieren gehen würde in den Garten,… aber naja, wenn ich wöllte könnte ich halt…. )

    Und ja, man nimmt 1000 Sachen mehr mit als führe man ins Hotel, plant genau was es alles zum Essen braucht und… ach… da ist der Urlaub schon Tage vorher anstrengend… 😉

    Ich habe den Verdacht, mein Mann steht so drauf, weil er zum Einen das wilde Übernachten in der Natur liebt, aaaber auch, weil er sich so ein Stück „Zu Hause“ mitnimmt.
    Ich brauch datt nicht. Ich bin lieber tagsüber bei angenehmen Temperaturen in der Natur ohne das Zu Hause… 🙂

    lg
    manu

    1. Ach sooo, ich dachte Du meinst „kaum hab ich das gelesen, ist die Lust aufs campen weg …“ Mücken hatten wir nicht viele, ich muss nachts nie aufs Klo und ja, man schleppt echt den Hausstand mit, aaaaber: ich liebe den Abenteuerbonus dabei einfach sehr!

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