Sechs Wörter und der Krimi, der daraus wurde

Sich Geschichten auszudenken, der Fantasie freien Lauf zu lassen und dann loszuerzählen – schon immer war das etwas, was aus mir herausmusste. Schreiben ist für mich, wie atmen für andere. (Ich atme auch, keine Sorge.) Besonders habe ich früher Aufsätze geliebt, die mit Reizworten arbeiteten. Ein paar Worte, anhand derer man sich eine Geschichte ausdenken musste. Meine Tochter (womöglich habe ich das Talent vererbt) liebt ihre Erzählsteine auch sehr, das Prinzip ist das selbe, nur visualisiert, weil sie noch nicht lesen kann.

Und jetzt? Jetzt hat sich Anja von der Kellerbande eine tolle Blogparade ausgedacht – sechs Worte, aus denen eine Geschichte werden soll. Liebe Anja, die Geschichten sind alle in meinem Kopf. Ich erzähle Dir (und allen anderen) jetzt einfach eine davon. Los geht’s!

„Bär – Schiff – Haus – Schirm – Baum – Telefon“. Kommissar Rudi Hartmann las die Worte laut vor. Als er seinen Blick von dem kleinen, zerknüllten Zettel hob, sah er in die Gesichter seiner Kollegen, die ihn mit großen Augen schweigend ansahen. Ganz hinten räusperte sich einer. „Ja bitte?“ fragte Hartmann und machte eine einladende Geste. In der hintersten Reihe erhob sich ein junger Polizist. „Vielleicht … sind das … Hinweise?“ stammelte er. Irgendjemand in dem grauen Raum, der nach Bodenpolitur, Akten und Feierabend roch, kicherte. „Ja, das mag ja sein. Aber warum hinterlegt mir jemand diesen Zettel in einem Schließfach am Bahnhof und schickt mir den Schlüssel dazu per Fahrradkurier? Wozu dieser Aufwand? Und … was soll mir das ganze überhaupt sagen?“ Rudi Hartmann ließ den Zettel, mit dem er gerade eben noch in der Luft herumgefuchtelt hatte, auf das Rednerpult fallen. Die große Wanduhr tickte. „Kollegen, ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit, wenn jemand eine Idee hat, was das ganze soll, ihr wisst ja, wo ihr mich findet.“

Unter Stimmengermurmel leerte sich der Konferenzraum. Rudi Hartmann hatte sich mti den Ellbogen auf das Pult gestützt und fuhr sich mit beiden Händen durch die ergrauten Haare. Er hatte den jungen Polizisten nicht gesehen, der als Letzter im Raum geblieben war und erschrak, als er sich wieder aufrichtete. „Oh. Ich … also“, begann dieser. „Mhmh?“ fragte Hartmann. „Also es ist nur ein Gedanke. Aber vielleicht steht dieser Zettel in Zusammenhang mit dem Einbruch bei Juwelier Götze?“ sagte der junge Beamte leise. Rudi Hartmann richtete sich vollends auf und zog den Reißverschluss seiner Strickweste nach oben. „Hm. Sie meinen, jemand fräst bei Nacht und Nebel mit einem Glasschneider ein Loch in die Schaufensterscheibe des ersten Juweliers am Platze, klaut genau einen Ring, noch dazu keinen der höchsten Preisklasse, und schreibt dann alberne Zettelchen? Ja bin ich denn im Kindergarten, Himmeldonnerwe…“ er hielt inne, als er sah, dass sein Kollege die Augen aufsperrte und unmerklich vor ihm zurückgewichen war. Hartmann atmete geräuschvoll aus. „Schon gut, Struck. Danke Ihnen. Es tut mir leid, ich bin durch diese ganze Sache und die Ermittlungspanne letzte Woche nicht gut auf den Einbruch zu sprechen. Und dieser Zettelkram hat meine Laune nicht unbedingt verbessert. Danke für den Hinweis, ich denk mal drüber nach“, sagte er und konnte nicht verhindern, dass es halbherzig klang. Der Polizist nickte zum Gruß und verließ mit großen Schritten den Raum. Hartmann folgte ihm langsam.

In dieser Nacht war er ein paarmal wach geworden. Der aktuelle Fall verhinderte, dass er in einen entspannenden Schlaf fiel. Immer wieder wurde er vom kleinsten Geräusch auf der Straße vor dem Haus wach und fing an zu grübeln. Als er am nächsten Morgen beim Frühstück saß, wusste er, was ihm gut tun würde. Er griff zum Hörer und wählte die Nummer seiner Tochter.

Wenig später bog er in die Fasanenstraße ein und parkte seinen alten Volvo hinter dem schwarzen Mini seiner Tochter Katharina. Er hatte die wenigen Schritte zwischen Gartentür und Haustür noch nicht einmal hinter sich gebracht, als die Tür aufflog. „Opaaa!“ rief ein kleiner blonder Junge und stürmte mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. „Sebastiaaaan!“ rief Rudi Hartmann, fing den Kleinen auf und wirbelte ihn durch die Luft. „Opa stimmt das? Du gehst mit mir in den Zoo?“ fragte der Junge atemlos, als ihn sein Opa wieder auf den Boden gestellt hatte. „Ja, ist das eine gute Idee?“ wollte Hartmann wissen und kannte die Antwort schon längst. „Ich hol nur noch meine Jacke!“ rief der Blondschopf und stürmte an Hartmann vorbei zur Haustür hinein, wo er beinahe mit seiner Mutter zusammengestoßen wäre. „Hallo Papa!“ sagte die junge Frau, und nahm ihren Vater in den Arm. „Schön, dass Du Dir Zeit nimmst. Geht’s Dir gut?“ fragte sie und sah ihrem alten Herrn prüfend in die Augen. „Ach … die Arbeit stresst mich gerade ein bisschen. Und die Tatsache, dass Mama noch zwei Wochen in Bad Gastein ist, macht es nicht gerade besser, aber ich komme schon klar“, sagte er mit Nachdruck. „Pass auf Dich auf“, sagte Katharina und strich ihrem Sohn über den Kopf, der sich zu den beiden gesellt hatte. „Ich pass schon auf Opa auf“, sagte Sebastian und grinste breit. Katharina lächelte, half ihrem Vater mit dem Kindersitz und winkte dem Volvo noch so lange hinterher, bis er um die Straßenecke verschwand.

Schon auf dem Weg in den Tierpark hatte Sebastian seinem Opa in allen Details erklärt, welche Tiere er in welcher Reihenfolge sehen wollte. Rudi Hartmann hatte irgendwann aufgehört, dem verbalen Dauerfeuer seines Enkels wirklich zu folgen. Er lächelte, genoss die Anwesenheit seines kleinen Beifahrers und freute sich auf einen entspannten Tag im Zoo. Er hatte keinen Schimmer davon, dass ihn seine Polizeiarbeit in kürzester Zeit wieder einholen würde.

Sebastian hatte sich gerade einen guten Platz bei der Seelöwenfütterung erkämpft und beobachtete gebannt, wie sich die mächtigen Tiere scheinbar mühelos aus dem Wasser katapultierten, um den Fisch aus den Händen des Tierpflegers zu schnappen. Rudi Hartmann ließ den Blick schweifen. Ein paar der Zuschauer schienen dem Schauspiel im Seelöwenbecken weniger konzentriert zu folgen. Am Eisbärenhügel auf der anderen Seite schien etwas ihren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, jedenfalls drehten sich die Köpfe ständig in die andere Richtung. Was da war, konnte Rudi Hartmann nicht sehen, weil der Tierpfleger und hin und wieder ein Seelöwe und Wassermassen ihm die Sicht versperrten. „Ich bin gleich wieder da“, flüsterte er in Richtung seines Enkels und machte einen Schritt rückwärts, was eine ältere Dame mit riesigem Hut zu einem empörten „AUA!“ veranlasste. Hartmann murmelte eine Entschuldigung und war froh, als sich die Menschenmasse vor ihm wieder zu einem kompakten Ganzen schloss. Er versuchte, sich zu merken, zwischen welchen Hintern er Sebastian suchen musste und umrundete das Seelöwenbecken.

„Immer das Gleiche“, blaffte ein Tierpfleger in einer grünen Latzhose, der ihm entgegen kam. In der Schubkarre vor ihm lag Grünschnitt und ein paar nasse Büschel, die wie Algen oder Seerosenwurzeln aussahen. Der Pfleger, dessen Schnurrbart Hartmann an die Seelöwen erinnerte, hielt etwas in den Händen. Hartmann hatte den Mann noch nicht ganz erreicht, als es ihm eiskalt den Rücken hinunter lief. „Halt, stopp. Woher haben Sie das?“ fragte er und ging mit raschen Schritten auf den Pfleger zu. Der stoppte, schaute überrascht auf und zuckte mit den Schultern. „Na da, die Leute werfen immer wieder Zeug ins Wasser zu den Eisbären. Die armen Viecher spielen eine Weile damit, aber wenn es dann so Kleinkram ist, verschucken sie es manchmal. Wenn Sie wüssten, was wir schon alles aus den Tieren geholt haben! Einmal, da war ich noch in der Ausbildung, hatte eine Giraffe einen Schnuller im Magen. Und einmal, das war kurz später, da war ein Bär mit …“ „Jaja“, unterbrach ihn Hartmann ungeduldig. „Kann ich das bitte mal sehen?“ fragte er und zeigte auf das Ding, das der Pfleger noch immer in der Hand hielt. „Gehört das etwa Ihnen?“ wollte der wissen und schaute mit einem mal sehr misstrauisch. „Ach Schmarrn“, sagte Hartmann und nestelte seinen Dienstausweis aus dem Geldbeutel.

„Hartmann, Kriminalhauptkommissar“, sagte Rudi Hartmann und räusperte sich. „Darf ich das jetzt bitte mal sehen?“ Der Tierpfleger starrte abwechselnd auf den Ausweis, das gelbe Ding in seiner Hand und den herangestürmten Fremden. Nach einem Augenblick völliger Stille schien er sich gefangen zu haben. „Das hier? Also … gut.“ Er reichte die gelbe Kapsel dem Kommissar. Rudi Hartmann nahm das Objekt mit spitzen Fingern entgegen. Exakt dasselbe gelbe Ding hatte in dem Schließfach gelegen, das er vor zwei Tagen geöffnet hatte. Es hatte den Zettel beinhaltet, der ihm seit eben diesen zwei Tagen Kopfzerbrechen bereitete. „Wo genau war das?“ wollte er wissen. „Da drüben, beim Eisbärhügel. Offenbar hat es jemand in den Zaun geklemmt, von da ist es ins Wasser gefallen. Brunhilde, die Eisbärin, hatte es schon im Maul aber zum Glück wieder ausgespruckt“, erzählte der Pfleger weiter. Hartmann war so von der gelben Plastikkapsel fasziniert, dass er zusammenzuckte, als Sebastian ihn von hinten anstupste. „He Opa, wo warst Du denn? Die Seelöwenfütterung ist jetzt vorbei! Und was ist das da?“ wollte er wissen. „Das … hat vielleicht etwas mit meinem aktuellen Fall zu tun. Das ist aber nichts für Dich. Das Beste wird sein, ich bringe Dich nach Hause. Ich muss …“ begann er und blickte plötzlich in ein sehr enttäuschtes Bubengesicht. „Aber Opa, wir sind doch noch gar nicht lange hier! Außerdem ist Mama jetzt auch nicht daheim“, warf der Junge ein. „Dann bring ich Dich halt zur Om… ach Mist, die ist ja auch nicht da“, antwortete Hartmann und sah seinen Enkel eine Weile nachdenklich an. „Pass auf, Sebastian. Der Opa muss ausnahmsweise am Sonntag etwas … arbeiten. Und Du … also … das ist echt nichts für Kinder“, fuhr er fort. „Opa, ich bin doch kein kleines Kind mehr“, protestierte Sebastian. „Basti, hör zu, ich … “ Hartmann fand keine passende Erklärung. Sein Enkel nahm ihm die Entscheidung ab. „Opa, Du arbeitest und ich komme mit. Ich bin auch ganz brav, versprochen!“

Hartmann sah resigniert in ein strahlendes Kindergesicht. „Na meinetwegen. Aber Du tust immer, was ich Dir sage, ok?“ sagte der Kommissar eindringlich. „Aber klar doch“, antwortete der Junge. „Entschuldigung, brauchen Sie mich dann noch?“ sagte eine Stimme hinter den beiden. Sie drehten sich um. Der Tierpfleger stand unschlüssig mit seiner Schubkarre am selben Fleck und trat von einem Bein auf das andere. „Oh … nein, danke. Ich nehme das hier an mich und melde mich, wenn ich noch etwas von Ihnen wissen muss“, sagte Rudi Hartmann, nahm seinen Enkel am Ellbogen und schob ihn Richtung Zooausgang.

Sebastian hatte sich auf den Beifahrersitz des Opas gesetzt und beobachtete gespannt, wie sein Großvater die gelbe Kapsel auseinanderschraubte. Er fluchte erschrocken, als sich eine Ladung Wasser aus dem Eisbärenteich auf seinen Schoß ergoss. „Himmelsakra… wusste ich’s doch.“ „Lass sehen Opa!“ rief Sebastian aufgeregt. Mit zitternden Fingern fischte Rudi Hartmann eine zusammengefaltete Fotografie aus der Kapsel. Er faltete das Blatt auseinander und schaute schweigend auf das Bild. „Aha. Und jetzt?“ fragte er mehr an sich selbst gerichtet. „Das ist ein Boot“, sagte Sebastian. „Ach ne“, brummte Rudi Hartmann. „Aber das kann ja überall sein“, sagte er. Sebastian nahm ihm das feuchte Bild aus der Hand. „Also Opa. Das ist doch nicht überall. Guck mal da im Hintergrund. Da ist ein Kiosk mit so einer großen Eistüte aus Plastik…“, begann Sebastian. „Du kennst das?“ fragte Rudi Hartmann verblüfft. „Aber klar, also diese große Eistüte aus Plastik. Als ich noch klein war, war ich mal mit Mama und Papa Tretboot fahren. Und da war diese riesige Eistüte … „, erzählte Sebastian weiter. „Wo?“ fragte Rudi Hartmann aufgeregt. „Na da bei dem Kiosk. Und ich habe nicht aufgepasst, wo ich hinlaufe und bin mit dem Kopf voll gegen …“ „WO IST DAS?“ fragte der Kommissar und seine Stimme war lauter, als er es beabsichtigt hatte. „Der Kiosk? Na am Welschersee“, sagte der Junge. „Los, da fahren wir hin“, sagte Rudi Hartmann und drückte seinem Enkel die gelbe Kapsel in die Hand. „Darf ich vorne sitzen?“ fragte Sebastian aufgeregt. „Ach so … nein. Warte, ich schnall dich ein“, seufzte Hartmann und stieg wieder aus.

Während der Fahrt zum Welschersee, der etwa eine halbe Stunde vom Zoo weglag, hatte sich Rudi Hartmann die Geschichte mit der Plastikeistüte und der Beule an Sebastians Hinterkopf angehört. Seine Gedanken aber kreisten längst um das Foto und das kleine Schiff darauf.

Der Welschersee war an diesem Sonntag das Ziel vieler Familien und Ausflügler. Rudi Hartmann fluchte, als er versuchte, seinen Volvo in eine etwas zu enge Parklücke zu manövrieren. „Scheiße sagt man nicht“, hörte er von der Rückbank. „Ja, Du hast Recht. Aber wenn diese Idioten hier auch so … diese Touristen hier auch so blöd parken…“, brummte der Kommissar vor sich hin. Er klemmte den Wagen letztlich haarscharf neben ein Parkverbotsschild und hatte größte Mühe, sich durch die nur einen Spalt breit zu öffnende Fahrertüre ins Freie zu quetschen. Sebastian war schon vorausgerannt. „Basti, warte, ich komm mit“, rief Rudi Hartmann seinem schlaksigen Enkel hinterher, der schon aus der Entfernung auf die Eistüte vor dem Kiosk zeigte. „Guck, da bin ich rückwärts dagegen gelaufen und ich hatte die Sahne von meinem Eis im Gesicht“, erzählte der Junge und kicherte. Rudi Hartmann zog die knittrige Fotografie aus seiner Hosentasche. „Lass mal sehen … “ murmelte er. „Das Schiff ist das kleine Mini-Segelschiff bei den Tretbooten“, erklärte Sebastian fachmännisch und zeigte zum Wasser. „Auf geht’s!“ sagte der Kommissar und nahm den Buben entschlossen an die Hand. Kaum am Bootsverleih angekommen, sahen die beiden das kleine, wie ein Segelschiff aufgemachte Tretboot. Ein älteres Paar war gerade dabei, das schwankende Gefährt zu betreten. „Halt!“ rief Rudi Hartmann und balancierte über den schmalen Holzsteg. „Dieses Schiff … ist vorübergehend konfisziert!“ sagte er und streckte seinen Rücken durch. Die rothaarige Dame mit dem Strohhut sah ihn einmal von oben nach unten an, dann lächelte sie süffisant. „DAS glaube ich aber nicht. Dieses Boot und dieser Herr“ – sie zeigte auf einen glatzköpfigen älteren Herrn mit goldener Brille – „fahren jetzt mit mir auf den See. Wir haben gerade für eine halbe Stunde bezahlt und Sie warten gefälligst oder suchen sich ein anderes Boot aus. Der Schwan ist doch auch ganz hübsch, nicht?“ sagte sie und zeigte auf ein Tretboot in Schwanenoptik, das einen Anlegeplatz weiter im Wasser schaukelte. „Nein, Sie verstehen mich nicht. Ich will nicht Tretboot fahren. Dieses Boot ist Gegenstand einer polizeilichen Ermittlung.“ Bereits zum zweiten Mal an diesem Sonntag zückte er seinen Dienstausweis. Die Dame vor ihm schaute vom Ausweis zu Hartmann und zurück zum Ausweis. „Also … das ist doch Polizeiwillkür!“, protestierte sie. „Würden Sie jetzt BITTE dieses dämliche Boot verlassen und in ein anderes steigen?“ wurde Rudi Hartmann deutlicher. „Der Schwan zum Beispiel ist doch auch ganz hübsch“, fügte er an. Die Rothaarige kletterte mit einem verächtlichen Schnauben aus dem Boot, nahm ihren Begleiter an der Schulter und schob ihn Richtung Ufer. „Un-er-hört!“ schimpfte sie. „Und überhaupt, wer ist dann dieser Junge? Etwa ihr Lehrling?“ fragte sie spöttisch. Hartmann räusperte sich und zog Sebastian am Ärmel zu sich her. „Das ist ein wichtiger Zeuge!“ sagte er. Sebastian grinste über alle Backen. „Genau!“ bestätigte er. Beide sahen dem Paar zu, wie es sich ein paar Meter weiter, noch immer zeternd, in ein rosarotes Boot fallen ließ. „Los Opa, was suchen wir denn jetzt?“ fragte Sebastian und Rudi Hartmann steckte seinen Dienstausweis wieder zurück in seinen Geldbeutel. „Wir suchen vermutlich wieder so eine komische gelbe Kapsel“, sagte er, während er mit den Fingernknöcheln den Boden des Bootes abklopfte. Sebastian ging vorsichtig an Bord. Über den beiden flatterte eine kleine weiße Fahne wie ein angedeutetes Segel im Wind. Sebastian sah seinem Opa gespannt bei der Arbeit zu. Der tastete unter den Sitzen, suchte ums Lenkrad herum, kroch zu den Tretern hinunter. „So ein Mist, da ist nichts“, sagte er. Sebastian sah über die Reeling. „Doch Opa, da!“ Rudi Hartmann war so schnell aufgesprungen, dass das kleine Boot bedrohlich ins Wanken kam. An der Seite des Bootes war ein kleiner Rettungsring befestigt. In dessen Mitte baumelte, an einer weißen Kordel, eine gelbe Kapsel. „Bub, Du bist der Knaller“, sagte Rudi Hartmann und klopfte seinem Enkel anerkennend auf die Schulter. Der strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Opa, wenn ich groß bin, werde ich Kommissar, wie Du!“ sagte er stolz. „Überleg Dir das gut“, sagte Rudi Hartmann, band die Kapsel los und half Sebastian aus dem wackeligen Boot. „Aufmachen, schnell“, forderte der. Die beiden steckten die Köpfe zusammen, als der Ältere das gelbe Plastikbehältnis öffnete. Zuerst dachte er, es sei leer. Dann entdeckte er ganz unten einen winzig zusammengefalteten Zettel. Hastig entfaltete der das kleine Stück Papier. Dann sahen die beiden sich verblüfft an. „Das ist das Haus vom Nikolaus …“ sagte Sebastian und starrte wieder auf das kleine, mit einem Kugelschreiberstrich gezeichnete Häuschen. „Was soll das denn sein?“ fragte er seinen Opa. „Das Haus vom Nikolaus …“ wiederholte der Kommissar. Schweigend gingen die beiden zurück zum Kiosk. „Krieg ich ein Eis, Opa?“ unterbrach der Junge die Stille. „Ja klar“, sagte Rudi Hartmann. Wenige Minuten später saßen sie auf einer Bank und während der Bub genüsslich sein Eis leckte, starrte Hartmann auf den See hinaus. Die Hinweise waren bisher einleuchtend gewesen. Aber jetzt steckte er irgendwie fest. Das Haus vom Nikolaus. Wo sollte das sein? „Opa, den Nikolaus gibt’s doch nicht wirklich, oder?“ fragte Sebastian in die Stille hinein. „Nein“, sagte der ältere Mann nachdenklich. „Oder doch. Also weißt Du, der Nikolaus war ein Heiliger. Also erstmal war er ein Bischof. An seinem Todestag, dem 6. Dezember, feiern wir sein Andenken“, referierte Hartmann. Während er seiner eigenen Stimme lauschte, kam ihm ein Gedanke. „Außerdem sind Kirchen nach ihm benannt …“ sagte er und seine Augen weiteten sich. „So wie die Stadtkirche Sankt Nikolaus?“ fragte Sebastian und war aufgestanden. „Das ist es!“ rief Rudi Hartmann, schnappte seinen Enkel an der Hand und beide rannten zum Auto.

Diesmal hatten beide keine Mühe, einen Parkplatz zu finden. Die Innenstadt war am Sonntagnachmittag kaum besucht. Allein in den Eisdielen herrschte reger Publikumsverkehr. „Aber wie sollen wir so ein kleines Plastikding in der riesigen Kirche finden?“ fragte Sebastian, als die beiden durch die große Holztür schlüpften und den kühlen Innenraum der Kirche betraten. „Das habe ich mich auch schon gefragt“, flüsterte sein Opa. „Aber erstens waren wir bisher immer erfolgreich. Und außerdem sehen vier Augen mehr als zwei. Und wer mal Polizist werden will, darf nicht zu früh aufgeben“, dozierte er. Eine Weile sahen sie sich still um. Dann sagte Rudi Hartmann: „Du gehst auf der Seite an den Bänken entlang und ich hier. Wenn Du was siehst, rufst Du mich, ok?“ „Ist gut“, antwortete der Junge und machte sich mit großem Eifer auf die Suche. Eine Viertelstunde lang suchten die beiden schweigend. Die Sonne malte durch die hohen Kirchenfenster bunte Farbenspiele auf den breiten Gang. Eine gelbe Plastikkapsel fand sich jedoch nirgends. „Opa?“ fragte Sebastian  halblaut. „Hast Du was?“ fragte Rudi Hartmann zurück. „Ne … aber was ist, wenn wir hier falsch sind?“ wollte der Junge wissen. „Du musst immer Deiner Intuition vertrauen, Bub. Das Haus vom Nikolaus. Sankt Nikolaus. Wir sind hier bestimmt richtig!“ sagte er und kämpfte damit auch gegen die Zweifel an, die er selbst hatte. „Wir müssen nur gründlich suchen!“ sagte er und ging zur Bestätigung auf die Knie. Die Kapsel könnte sich ja schließlich unter jeder Kirchenbank befinden.

Ein paar Minuten robbte er schnaufend auf allen Vieren durch die Bankreihen. „Was um alles in der Welt machen Sie denn da?“ sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Er fuhr mit einem Ruck nach oben und stieß sich seinen Kopf unsanft an der hölzernen Ecke der Bank, unter der er gerade gesucht hatte. Als er sich mühsam umgedreht hatte, blickte er in das strenge Gesicht einer älteren Frau, die ein Bündel Sonnenblumen auf dem einen und einen roten Eimer im anderen Arm hatte. „Ich suche hier etwas“, sagte er. „Wenn Sie Ihren Schirm oder Ihr Gesangbuch vermissen, dann fragen Sie doch einfach auf dem Pfarramt“, sagte die Frau und klang nicht mehr ganz so streng. „Nein, ich suche einen Hinweis in einem Fall von Einbruchdiebstahl“, sagte Hartmann, der sich mittlerweile aufgerappelt hatte. Er klopfte sich die Hosenbeine ab. „Hier ist es sauber“, stellte die Frau vor ihm entschieden fest und sah ihn durchdringend an. „Ich bin die Mesnerin der Stadtkirche. Und Sie sind …?“ fragte sie, legte die Sonnenblumen auf die Bank und streckte ihm die Hand entgegen. „Jaja, das glaub ich Ihnen. Also, dass es hier sauber ist. Und bin Kommissar“, sagte er verlegen und schüttelte die dargebotene Hand. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ fragte die Mesnerin und um ihre Mundwinkel zuckte es. „Opa, hast Du was?“ fragte eine helle Stimme von der Orgelempore. „Und wer ist das?“ fragte die Dame direkt im Anschluss. „Das ist mein Enkel. Wir … suchen zusammen“, sagte Rudi Hartmann und ihm wurde bewusst, welch sonderbares Bild sie abgeben mussten. „Sebastian, komm da bitte runter“, rief er in Richtung seines Enkels. Und zur Mesnerin gewandt sagte er: „Also. Mein Name ist Rudi Hartmann, ich bin Kommissar bei der hiesigen Kripo und wir suchen hier einen Hinweis.“ „Sie suchen einen Hinweis in meiner Kirche?“ fragte die Mesnerin verblüfft. „Was hat denn die Stadtkirche mit einem Einbruch zu tun? Den Herrn Pfarrer werden Sie ja wohl kaum verdächtigen“, sagte sie und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. „Nein nein“, sagte Rudi Hartmann und seufzte. „Sehen Sie, ich habe einen merkwürdigen Hinweis bekommen, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte. Und dann war ich im Zoo und beim Eisbärenberg … “ Hartmann hielt inne. Die Geschichte musste sich für Außenstehende anhören, als habe der Erzähler nicht alle Tassen im Schrank. „Hallo“, sagte eine Stimme neben den beiden und der Kommissar war froh um die Unterbrechung. „Hallo, wer bist Du denn?“ fragte die Mesnerin. „Ich bin Sebastian. Und das ist mein Opa. Und wir suchen eine gelbe Plastikkapsel!“, sagte er freimütig. Rudi Hartmann wollte seinem Enkel gerade ins Wort fallen, als er sah, wie die Mesnerin zusammenzuckte. „So was wie das hier?“ sagte sie und griff in den roten Eimer, der noch immer an ihrem Arm hing. Sie zog eine gelbe Plastikkapsel heraus. „Wo haben Sie das her?“ rief Rudi Hartmann aufgeregt und griff nach dem Objekt. „Ich habe das für Müll gehalten“, sagte die Mesnerin ehrlich verdutzt und händigte das gelbe Ei aus. „Es lag dort drüben unter den Füßen der Statue …“ „… des heiligen Nikolaus‘!“ vervollständigte Rudi Hartmann den Satz der Mesnerin, während sein Blick ihrem ausgestreckten Arm folgte. „Sie sind ein Engel!“ sagte er ungestüm und wäre er nicht so von seinem Fund begeistert gewesen, hätte er bemerkt, dass sich die Wangen der Frau vor ihm verfärbten. „Ach, naja. Ich hätte es beinahe weggeworfen“, sagte sie. „Da haben wir ja richtig Glück gehabt“, sagte Hartmann. „Darf ich denn jetzt auch erfahren, was Sie damit machen?“ fragte sie. „Wir machen das jetzt auf, das ist wie eine Schnitzeljagd!“, rief Sebastian. „Ja also eigentlich ist das hier ernsthafte Polizeiarbeit“, versuchte Rudi Hartmann seinen Job zu verteidigen. „Aber wir machen es jetzt trotzdem auf!“, wiederholte der Junge und zog ungeduldig am Ärmel seines Opas. „Ja, ist ja schon gut“, sagte der und drehte die Kapsel in beiden Händen. Heraus fiel ein Zettel, nach dem sich Sebastian sofort bückte. Er rollte das Blatt auseinander und las laut vor  „Eichen sollst Du weichen, Buchen sollst Du suchen“. „Hä?“ fragten Rudi Hartmann und die Mesnerin im Chor. „Da steht: Eichen sollst Du weichen, Buchen sollst Du suchen“, wiederholte Sebastian. „Das hat man uns als Kinder immer erzählt, wenn’s draußen gewittert hat“, sagte die Mesnerin. „Dabei ist das völliger Quatsch. Unter Bäumen ist man bei Gewitter nie gut aufgehoben, egal unter welchen“, fuhr sie fort. „Buchen sollst Du suchen“, murmelte Rudi Hartmann. „Hier gibt’s jede Menge Buchen. Wir können doch nicht jeden verdammten Baum angucken“, brummte er. „Jeden vielleicht nicht“, sagte die Mesnerin nach einem Moment der völligen Stille plötzlich. „Aber vielleicht die Ehrenbuche, oben beim Kapellchen. Die ist doch erst neulich unter Schutz gestellt worden, weil sie fast 150 Jahre alt ist“, sagte sie. Rudi Hartmann pfiff anerkennend durch die Zähne. „Sie sind ja fast so gut wie mein Enkel!“, sagte er anerkennend. Er hatte die Kapsel wieder zusammengeschraubt und ließ sie in die Tasche seiner Jacke gleiten. „Haben Sie vielen Dank für … alles“, sagte er. „Sie verstehen, dass wir jetzt losmüssen. Gruß an den Herrn Pfarrer und … so“, sagte er und schob Sebastian in Richtung der großen Tür. „Gern geschehen und viel Glück“, rief ihnen die Mesnerin nach.

„Opa, das ist viel viel besser als Zoo“, sagte Sebastian, als sie den Volvo rückwärts aus der Parklücke manövrierten. „Jaja, eigentlich darf ich Dich ja gar nicht mitnehmen“, sagte Rudi Hartmann, konnte sich ein Lächeln allerdings nicht verkneifen. „Komm schon, ich hab dir schon ganz schön geholfen“, protestierte der Bub. „Ja, das hast Du“, sagte Hartmann und lenkte den Wagen aus der Stadt hinaus. Als der Kommissar das Auto auf dem Wanderparkplatz unterhalb der kleinen Kapelle abstellte, bemerkte er, dass es langsam abkühlte. „Es ist ja schon sechs vorbei!“ sagte er erschrocken. „Ja und? Wir müssen doch noch den Fall lösen!“, sagte Sebastian und machte sich auf in Richtung Kreuzweg. Hartmann schloss die Fahrertür ab und folgte ihm. „Hoffentlich lösen wir ihn wirklich …“ sagte er leise.

Als Rudi Hartmann oben auf dem Kapellenberg ankam, schnaufte er mächtig. „Opa, Du bist aber langsam“, sagte Sebastian, der die einzelnen Kreuzwegstationen links liegen gelassen hatte und den Weg hinaufgespurtet war. Hartmann stützte beide Arme in die Seiten und versuchte, seinen Atem in den Griff zu bekommen. „Ich bin ja auch keine zehn mehr“, sagte er. Dann drehten sich beide um und reckten die Köpfe. Die mächtige Buche, die neben der Kapelle stand, trotzte Wind und Wetter und reckte ihre grüne Krone in den blauen Augusthimmel. „Ist sie das?“ fragte Sebastian leise. „Ich hoffe doch“, antwortete Rudi Hartmann. Hand in Hand gingen sie auf die Buche zu. Um den stolzen Stamm herum war eine runde Bank gebaut, auf der sich Wanderer und Pilgerer ausruhen und den Ausblick genießen konnten. Sebastian setzte sich auf die Bank und schnellte sofort wieder in die Höhe. „Aua“ rief er und rieb sich den Hosenboden. „Was hast Du denn?“ fragte Hartmann besorgt und besah sich die Stelle, auf der sein Enkel gesessen hatte. Er grinste breit. „Diesmal hast Du den richtigen Riecher gehabt“, sagte er, als er sich unter die Sitzfläche bückte. An einer Schnur baumelte eine wohlbekannte gelbe Dose. Der Nagel, mit dem die Kordel an der Sitzfläche befestigt war, hatte sich durch das Holz hindurchgebohrt und guckte oben ein wenig heraus. „So ein Blödmann, da passt man doch auf beim Reinschlagen“, maulte Sebastian und rieb sich  noch immer seinen Hintern. Hartmann hielt die Kapsel in der Hand und stutzte. „Die ist viel schwerer als die anderen“, sagte er. Sebastian setzte sich vorsichtig neben seinen Großvater und nahm ihm die gelbe Dose aus der Hand. „Da scheppert auch was drin!“, sagte er. Er sah konzentriert zu, wie sein Opa den Deckel löste. „Ein Telefon?!“ sagten beide verblüfft, als ein altmodisches Handy in die offene Hand des Kommissars rutschte. Er klappte es umständlich auf. Der Akku war noch ein Viertel voll. „Da ist eine SMS drauf“, sagte Sebastian und zeigte mit dem Finger auf ein kleines, blinkendes Briefchen in der oberen Ecke des Displays. „Ja dann … mach mal auf“, sagte Hartmann und war in diesem Moment ganz froh, seinen Enkel an seiner Seite zu haben. Mit wenigen Tastentippern hatte der Junge die SMS geöffnet und ein Text füllte den Bildschirm über den sich beide gespannt beugten. „1/3 Lieber Finder, herzl. Glückwunsch! Habe einen Fehler gemacht. Ring in der Kapelle unt… 2/3 …er Maria. Meine Maria wollte ihn nicht. Heiratet keinen Dieb. Entschuldigung. …3/3 …PS: Habe zum Glück eine 2. Chance bekommen. Auch ohne Ring.“

Sebastian und Rudi Hartmann sahen sich an. Fast gleichzeitig sprangen sie von der Bank und stürmten in die kleine Kapelle. Muffige, abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Auf einem kleinen Altar stand eine Marienstatue. Beim Nähertreten war es Rudi Hartmann, der unter dem Sockel bei den Füßen der Figur die kleine, dunkelrote Samtschachtel sah. „Da ist er!“, sagte er und versuchte, durch das schmiedeeiserne Gitter an die kleine Schatulle heranzukommen. „Wart, ich helf Dir“, sagte Sebastian, dessen dünner Arm mühelos bis zu dem kleinen Schächtelchen reichte. Er nahm es behutsam aus seinem Versteck und gab es seinem Opa. Als sie es öffneten, hielten beide den Atem an. Tatsächlich! Ein goldener Ring mit einem kleinen Rubin steckte in der Vertiefung des Satins. Das Licht, das durchs Kapellenfenster hereindrang, brachte den Edelstein zum Funkeln. „Boah ist der schön“, sagte Sebastian andächtig. „Wieso will die Frau den nicht?“ fragte er. „Ja weißt Du, vielleicht will sie keine gestohlenen Schmuckstücke tragen? Vielleicht will sie keinen Mann heiraten, der wegen ihr zum Dieb wird?“ fragte Rudi Hartmann. Sebastian blickte einen Moment nachdenklich drein. Dann sagte er: „Aber den Fall, den haben wir ja mal locker gelöst! Und wenn Du mal wieder meine Hilfe brauchst, dann hol mich einfach ab!“ Rudi Hartmann lachte. Erst leise, dann immer lauter. So laut, bis sein Bauch wackelte und Tränen in seine Augen traten. Dann nahm er seinen Enkel in den Arm und sagte: „Das mach ich ganz bestimmt. Aber jetzt bring ich dich erstmal schnell nach Hause. Und Deiner Mama … der erzählen wir besser nichts von unserem Ausflug“, fügte er an. „Aber Opa“, sagte Sebastian empört. „Wenn man nicht stehlen darf, darf man auch nicht lügen!“ rief er und hüpfte mit großen Sätzen zur Kapellentür hinaus und den Kreuzweg hinunter. 

 

Vielen Dank liebe Anja für diese tolle Blogparade. Es hat mir unendlich Spaß gemacht und Opa Rudi und Sebastian haben mir selbst spannende Stunden beim Schreiben beschert. Ich bin sehr gespannt, was bei den anderen entsteht!

 

 

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