Es war einmal …

… eine Redakteurin mit einer guten Idee. Der Idee, zu Recherchezwecken den hiesigen Stadtarchivar zu einem Thema zu befragen. An einem Montag. Mit dem höflichen Hinweis, die Antworten auf zwei ausgesprochen simple Fragen doch bitte innerhalb der nächsten beiden Tage zu liefern. Gerne auch telefonisch. Was dem Tagesgeschäft einer TAGESzeitung durchaus entspricht.

So geschah es, dass sich ebenjener Archivar unverzüglich per mail meldete. Mit der Bitte, die Redakteurin möge doch MORGEN zwischen 10:15 und 11:45 telefonisch um einen TERMIN für ein persönliches Gespräch im LAUF DER FOLGENDEN WOCHE bitten. Die Redakteurin wiederholte also in einer zweiten Mail, dass es sich um eine kurzfristige Anfrage (für einen Archivar ist kurzfristig vermutlich einfach etwas völlig anderes als für mich) für einen Artikel handle, der noch IN DIESER WOCHE gedruckt werden soll. Daraufhin hüllte sich der vermutlich Verschnupfte in Schweigen.

Die tapfere Redakteurin allerdings rief den Archivar tags darauf an. Legte ihm die Dringlichkeit ihres Anliegens dar. Wies darauf hin, dass es sich ja wirklich NUR um diese beiden Anfragen handle. JA, auch wenn das Thema so viel mehr hergäbe. JA, auch wenn er nächste Woche gerne viel Zeit investieren würde. JA, aber NEIN DANKE. Und so konnte seine getrübte Stimmung nur dadurch gelindert werden, dass die Redakteurin versprach, am Mittwoch zu einem Fototermin im Stadtarchiv vorbeizukommen. Wenigstens. Nachdem sie seinen ersten Terminvorschlag („Hauptsache, Sie kommen morgens vor acht“ Ernsthaft!) bedauernd ablehnen musste, konnten sich die Parteien doch noch auf zehn Uhr einigen.

Und als der Mittwoch mit Morgenröte hereingebrochen war, klingelte kurz vor acht das Redakteurinnentelefon. Zehn Uhr werde zu knapp. Ob halb elf auch ginge? Oder noch lieber elf? Die Redakteurin murmelte verschlafen stimmte erfreut zu, präparierte den Kameraakku und war guter Dinge.

Bis zu jenem Moment, als sie klingelnd um elf Uhr vor der Tür des Stadtarchivs stand. Und sich nichts rührte. Bis auf ein merkwürdiges Husten hinter der Tür. Sie war sich nicht sicher, ob die Klingel wohl funktioniert hätte, also klingelte sie erneut. Hinter der Tür räusperte es sich. Aber öffnen wollte niemand. Nach etwa zehn Minuten und drei Klingelversuchen fasste sich das tapfere Schreiberlein ein Herz und öffnete die Tür zur anderen Welt. Außer eines grauen Teppichbodens und alten Möbeln voller Ordner und Dokumentenmappen war nichts zu sehen. Allein ein kratzendes, schabendes Geräusch vom Ende des Flurs zeugte von menschlichem Leben. Auf Hallo-Rufe antwortete niemand. Die Redakteurin, die den Stadtarchivar halb verdurstet an eine Heizung gefesselt und dort um sein Leben ringend geknebelt vor ihrem inneren Auge sah, wagte sich vor ins Auge des Sturms. Und fand – einen vor sich hinarbeitenden, grauhaarigen Herrn im Pullunder, der unbekümmert und genauso unbeeindruckt von meinem plötzlichen Erscheinen und meinem Sturmgeklingel mit Säuberungsarbeiten an einem Waschbecken beschäftigt war. „Guten Morgen?“ grüßte die Redakteurin eher fragend. Der Pullunderherr drehte sich um, musterte die Besucherin von unten nach oben und gab ein freundliches „Guten Morgen“ zurück. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Als sei der staubige Flur des Stadtarchivs ganz grundsätzlich ein Ort der Begegnung und Besucher hier tagtäglich auf der Durchreise. Ein Bahngleis 9 3/4 in die Vergangenheit, quasi. Die Redakteurin sagte verdutzt „Ich bin hier mit dem Stadtarchivar verabredet“. Der Herr drehte sich betont langsam um und konstatierte: „Der ist aber nicht da.“ Die Redakteurin fügte an: „Um elf Uhr!“, als würde das etwas an der Tatsache ändern. Der Herr krempelte an seinem Hemdsärmel. Guckte auf seine Armbanduhr. „Ja … es kann sein, dass er um elf Uhr wieder da ist.“ Die Redakteurin erwiderte – mittlerweile etwas angespannt – „ES. IST. ELF. UHR.“ Der Pullundermann hatte seine Arbeit wieder aufgenommen. Zeit, so schien es dem ungebetenen Gast mit einem Mal, sei in diesem Archiv etwas völlig Relatives. Was sind schon Zeiger auf einer Uhr? Er sagte ehrlich erstaunt „Ahja?“ und – arbeitete weiter. Sich räuspernd. Die Redakteurin fand sich also irritiert auf der obersten Stufe des Treppenabsatzes vor der Archivtür wieder. Wartend. Ganz offensichtlich hatte sie mit der Tür eine Schleuse in eine andere Zeitrechnung betreten. Wo Reisende auftauchen, sich kurz nach dem aktuellen Jahrhundert erkundigen und mit einem beherzten Schritt durch die Wand wieder verschwinden.

Das Ende vom Lied war: Ich hatte kein Bild. Denn auch eine halbe Stunde später war vom Stadtarchivar keine Spur und meine Bereitschaft, mit dem kauzigen Archivmitarbeiter zu warten, auf den Nullpunkt gesunken. Womöglich hätte er mich einen Schluck seiner Buchbinderlauge kosten lassen und ich hätte mich in einem pinken Funkenregen plötzlich auf einem Scheiterhaufen im Mittelalter wieder gefunden, weil grüne Haare und so. Nein danke. Und als ich gerade in die heimische Hofeinfahrt bog, klingelte mein Handy. Der Stadtarchivar hatte gar nicht unversehens sein Leben gelassen, sondern war beim Hausarzt festgesteckt. Von wo aus er sich nicht melden konnte. Geschweige denn seinem Mitarbeiter Bescheid geben. Vermutlich gab es in seinem Jahrhundert noch keine Telefone oder Glühbirnen. Und mit dem Kopf arbeitende Frauen schon gar nicht.

Weil der Tag also verkorkst begonnen hatte (und sich damit gut nach Montag und Dienstag machte, weil Montag-Kinderarzt-nimmt-Blut-ab-und-kannst-Du-Dein-Kind-aus-dem-Kindi-abholen-es-hustet-so-sehr und Dienstag-Schatz-Mama-muss-den-Artikel-fertig-kriegen-du-kannst-nicht-auf-meinem-Schoß-sitzen-dabei-OK-dann-gucken-wir-halt-KIKA-nebenher-ich-hasse-hasse-hasse-den-kleinen-König!) hatte ich plötzlich einen Gedankenblitz. Ich whatsappte einer Freundin, die tags zuvor etwas von Sauna erzählt hatte. Sie war grade auf dem Sprung. Kurz überlegte ich, ob Staubsaugen dem Saunieren vorzuziehen wäre, packte nach 0,4 Sekunden Bedenkzeit meine Tasche und machte mich auf den Weg. Und was soll ich sagen – kaum ein Mittwochnachmittag war je erholsamer. Nach drei Stunden Schwitzen, Capuccino, Buttermilch und Fußbad war der Archiv-Frust ausgeschwitzt.

Und sonst so? Wie gesagt, das Kind pustelt noch immer. Allerdings waren wir am Montagvormittag beim Kinderarzt zum Blutabnehmen. Der bestätigte dann am Mittwoch (gut, wenn man eh nix zu tun hat, weil man grad in einem Treppenhaus herumhockt) am Telefon, dass der Immunglobulin-Wert völlig in der Norm liege. Eine Allergie müsste diesen Wert ansteigen lassen. Auch auf diverse Gruppen von Allergenen habe sich keine Reaktion gezeigt und das Blutbild sei ansonsten völlig tiptop. Wir tauschten also Hafermilch wieder gegen normale Milch und hoben das Käse- und Schokiverbot auf. Vielleicht hat der Hautarzt noch eine Idee, woher das plötzliche Gepustel kommen könnte. Ansonsten – sie kratzt sich kaum und scheint völlig unbelastet davon zu sein. Also atmen wir einfach mal TIEF durch.

Und noch was hatte gestern Premiere: I survived Kinderbörsen-Helferschicht. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass wir diese schiere Menge an Kinderklamotten noch in diesem Leben wieder nach Nummern sortiert bekommen würden. Und doch – viele fleißige Hände haben aus einem unfassbaren Stoffberg kleine Häufchen gelegt und danach alles in die ursprünglichen Kisten zurück gefaltet und kontrolliert. Ich hatte danach zwar Wäsche-Sperre und Rücken, aber ein bisschen hat es tatsächlich Spaß gemacht. Und klar, auch beim nächsten Mal bin ich wieder dabei.

Und jetzt? Freu ich mich auf den Besuch der besten Freundin und Patentante. Donnerstag gehört sie ganz uns! Und wir ihr! Und ich freu mich aufs Wochenende, da geht’s endlich in den Miniurlaub nach Augsburg. Und ganz besonders freu ich mich auf den Samstagmorgen, weil ich Wendy und Sternenkratzer mal drücken darf. Wenn sie sich drücken lassen. Von der Frau mit den grünen Haaren.

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